Kann Habeck Kanzlerin?

K-Frage Stell dir vor, die Grünen regieren – und an der Spitze steht ein Mann? Über Alphatierchen, das Image des Intellektuellen und die Rolle des Ästhetischen in der Politik
Kann Habeck Kanzlerin?
Eine Persönlichkeit, die in die Mitte signalisiert: „Ja, wir sind ein bisschen anders. Erschrecken muss sich trotzdem niemand.“

Foto: Carsten Koall/Getty Images

Für eine grün geführte Bundesregierung gäbe es schwierige Bedingungen: als ein Dreierbündnis – neu für Berlin – mit knapper Mehrheit. Und mit Sollbruchstellen: eine SPD, die einen Status als Grünen-Juniorin nur schwer akzeptieren könnte und die Apparate kennt. Eine FDP oder Linkspartei, die auch mal Grundsatzfragen stellte.

Wer nun einem solchen Bündnis zumindest eine Chance geben will, muss sich Robert Habeck an die Spitze wünschen. Er hat Regierungserfahrung, Schleswig-Holstein ist als politisch hartes Pflaster eine gute Schule. Offenbar kann er ein Gefühl des Gehörtwerdens verbreiten, auch wenn er trotzdem seinen Stiefel durchzieht. Die Habeck-Biografie von Claudia Reshöft gibt dafür Beispiele. Im Direktkontakt scheint er überzeugend zu sein, nicht unwichtig, um den hypothetischen Laden zusammenzuhalten.

Wichtiger noch als diese Disziplinierungskompetenz nach innen wären indes seine Schaufensterqualitäten. Nicht nur die C-Parteien betrachten ja jede Regierung ohne sie als quasi illegitim. In weiten Teilen der Gesellschaft herrscht noch das Gefühl, derlei sei unseriös, ein „Experiment“. Da wäre eine starke Galionsfigur wichtig. Eine Persönlichkeit, die in die Mitte signalisiert: „Ja, wir sind ein bisschen anders. Erschrecken muss sich trotzdem niemand.“

Wenn aber jemand mit „Erzählung“ gesucht wird, wer läge näher als Robert Habeck? Das Erzählen war immerhin mal sein Beruf. Das deutsche Selbstbild kennt ja zwei Motive. An der Regierungsspitze hatten wir bisher die kühle Technik und Bürokratie, verkörpert in der Physikerin Angela Merkel und all den Juristen und Ökonomen vor ihr. Die Habeck-Erzählung hebt dagegen auf „Dichter und Denker“ ab: aufs Land gegangen, mehr oder minder gleichberechtigt vier Kinder erzogen, Lyrik übersetzt, Romane geschrieben, in Literatur promoviert. Sprechen wir es aus: ein Intellektueller.

Dichter hin, Denker her: Dieses Attribut ist hierzulande nicht ungefährlich. „Die Intellektuellen“ gelten schnell als entweder blutleer und schneidend, skurril und vergrübelt, jedenfalls weltfremd – oder das Wort steht mit dem Zusatz „Pseudo“ und heißt so viel wie Schwätzer. Der Historiker Dietz Bering hat über diese „Geschichte eines Schimpfworts“ ein Buch geschrieben.

Habeck zieht nun nicht den Hass auf die Intellektuellen an, sondern – mit Ausnahmen wie etwa Claus Leggewie, der jüngst in der Zeit einen Lobgesang anstimmt – den Unwillen der Intellektuellen selbst: Rundgelutscht sei er, unpräzise und oberflächlich, gefällig statt kritisch und dann noch so selbstverliebt! So in etwa klingt das Fazit, das der Schriftsteller Till Raether kürzlich in einer Rezension von Habecks Vorwort für eine aktuelle Neuauflage von George Orwells 1984 zieht. Wer den Text liest, muss Raether zwar weitgehend recht geben: Habeck ist gewiss kein Adorno, sondern eher ein Richard David Precht. Doch dieses Populäre und Unkontroverse ist eine politische Stärke. Auch das Margarete-Stokowski-Kommentariat sollte sich das merken, das Habecks Markenzeichen einer irgendwie alternativen Männlichkeit schon deshalb fake findet, weil er als Cis-Mann nicht gleich zurückzieht.

Nach dem letzten rot-grünen „Projekt“ besteht jeder Grund zur Skepsis. Doch sollte sich diese Wachsamkeit politischer Kriterien bedienen statt jener ästhetischen Urteile, auf denen das linksintellektuelle Ressentiment gegen Habeck basiert. Oder anders: Seine notorische Schwiegermutter-Kompatibilität könnte zur Bedingung dafür werden, dass ein solches Dreierbündnis überhaupt etwas tun könnte, das zu kritisieren sich dann lohnt.

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Eine Erwiderung von Katharina Schmitz auf diesen Artikel finden Sie hier

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06:00 18.04.2021

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