Kann man essen

Food-Revolution-Day Ein Tag im Zeichen des gesunden Speisens: Unsere Autorin und ihre Freunde erzählen, wie sie den 19. Mai in Berlin, Estland, Budapest und Spanien erlebt haben
Kann man essen
The Food Revolution Day ist eine Initiative des britischen Star-Kochs Jamie Oliver, der für Aufklärung rund um das thema Ernährung wirbt

Foto: privat

Warum verzichten wir auf's Frühstück? Warum geben Halbwüchsige ihr Taschengeld für Junkfood aus? In welchem Land finden sich die besten Bio- und Bauernmärkte?

Mit diesen Fragen sollte man sich eigentlich jeden Tag auseinandersetzen. Wer das nicht tut, der kann jährlich The Food Revolution Day am 19. Mai besuchen. Die Initiative geht auf den britischen Star-Koch Jamie Oliver und seine Stiftung zurück, der möchte, dass man weiß, von wem das stammt, was man auf dem Teller hat. Das Gemüse, das Gewürz, die Butter, die Marmelade. Weltweit sollen immer mehr Menschen gesunde und frische Zutaten von bester Qualität verzehren. An diesem Tag treffen sich Menschen, die leidenschaftlich gerne essen, viel über Speisen und deren Zubereitung wissen und die sich bereit erklären, andere daran teilhaben zu lassen. Das Happening scheint in diesem Jahr zu einem internationalen Ereignis ausgewachsen zu sein, weltweit haben 57 Länder und in denen 657 Städte mitgemacht.

Meine Freunde und ich waren in Madrid, Berlin, Budapest und Tallin dabei.

Berlin

Für The Food Revolution Day wurden im Vorfeld nur zwei Veranstaltungen angesagt. Für mich als in Berlin lebende Ausländerin ist es keine so große Überraschung, hier lebt man ja, wenn man will, jeden Tag food revolution. Überall Biomärkte, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: vom türkischen Markt am Maybachufer, über den Ökomarkt am Boxhagener Platz, bis zum Brandenburger Bauernmarkt am Wittenbergplatz. Die eine Veranstaltung konnten wir dann aber nicht erleben, die Geheimnisse der Allgäuer Kässpatzen wurden wegen des Champions-League-Finales von Bayern München kurz vor Beginn abgesagt. Aber hätte es sich überhaupt gelohnt?

Man hätte zusammen Kässpatzen gekocht, und sie im Anschluss daran gemeinsam gegessen. Um die Lust auf Beteiligung zu steigern, wurde nach Abendessen ein Obstler versprochen. Der landete diesmal sicherlich als Trostschank im Bauch.

Die andere Veranstaltung fing elf uhr vormittags an. Sie wurde vom sozialen Netzwerk und Marktplatz Gidsy in ihrem Loftbüro in Kreuzberg organisiert. Sie haben verschiedene Samen eingekauft, darunter Spinat, Schnittsellerie, Freilandgurke, Buschbohne und Möhre - und sie in einem kleinen im Boden auflösbaren Papiertopf samt Erde zum Mitnehmen angeboten. Sie zeigten damit, dass es gar nicht so kompliziert ist, die Gemüsesorten selbst anzubauen, unser Balkon oder Fensterbrett eignen sich wunderbar dafür. Die Jungs von Gidsy kommen aus Amsterdam und wählten Berlin als Wohnort, weil es europaweit die tollste Stadt zum Leben und zur Firmengründung sei. Der jüngere Firmenbesitzer Edial besitzt einen kleinen Garten im Tempelhofgarten, indem er jeden Frühling für sich Tomaten und Kräuter pflanzt. Food revolution lebt hier jeden Tag.

Anschließend sind die Gäste zusammen picknicken gegangen. Wir auch. Im Volkspark in Friedrichshain erwarteten uns leckere Piroggen mit Spinat und Käse gefüllt , auch um uns herum sah man lauter grillende und speisende Gesellschaften.

Budapest

Die ungarische Hauptstadt beteiligte sich das erste Mal am Food Revolution Day, umso engagierter, mit neun Programmen! In Buda, in der Csörsz Straße, wurde ein provisorischer Bauernmarkt aufgestellt, auf dem die Kleinbauer selbstangebaute Obst- und Gemüsesorten, Kräuter, Käse, Honig und Marmelade verkauften. Im Restaurant Mannatural hat der Besitzer selbst Schau gehalten, und weihte in die Rezepte der frisch zubereiteten Obstmilchshakes ein. Das Restaurant ist auch bei Verpackungen Vorreiter: Die „take away“- Salatsorten werden in Mehrwegboxen angeboten, die Avantgarde der grünen Bewegung in Ungarn.

Im Herzen von Budapest, im Restaurant Fruccola in der Fußgängerzone, versuchte man die Kinder in die gesunde Ernährung einbeziehen. Auf spielerische Art wurde ein Familienfrühstück organisiert, mit viel Obst- und Gemüse, bei dem die Kinder mit zugebundenen Augen herausfinden mussten, welche Frucht oder Gemüsesorte in der Hand gehalten wird, bevor sie gegessen wurde. Die Grundlage der Aktion war eine Studie, nach der Kinder in der Kita fast nichts essen, weil sie diese gesunden Zutaten von zu Hause gar nicht kennen. Unweit von der Fußgängerzone, auf der Wiese bei der Baugrube des ehemaligen Nationaltheaters, wurde ein "Flashmob Picknick" organisiert. Möhre, Apfel, Rührei mit Spinat, Sandwiches aus Vollkornbrot wurden verzehrt. Von Studenten bis Radfahrer, alle haben wie die Hasen im Gras Äpfel und Karotten geknackt.

Tallinn

Es war der bislang schönste Frühlingstag in Tallinn, wo noch Mitte April Schnee lag. Im alternativen Stadtteil „Uus Maailm“ - „Neue Welt“ - leben vor allem junge Menschen. Er hat zum „Tag der Heimrestaurants“ eingeladen, und die Leute feiern ihn beim Picknick auf den Rasenstreifen neben der Straße oder in den Hinterhöfen der alten zweistöckigen Holzgebäude. Besonders kreativ ist das Fensterlokal „K.ilu“: um sich eines der angebotenen Fischbrote zu sichern, muss man den Weg auf einer wackeligen Holzleiter bis zum Fenster im ersten Stock zurücklegen. Das estnisch-finnische Paar Kirsi und Marko hat seinen Hinterhof für Gäste geöffnet. Kirsi stammt aus dem Osten Finnlands und bereitet Pfannkuchen zu, die in ihrer Heimat Muurinpohjalettu heißen. Dazu gibt es selbstgemachten Johannisbeersaft mit eingelegten Melisseblättern. Die große Nachfrage überrascht Marko: „Manchmal hatten wir mehr als zehn Personen in der Schlange.“

Die salzige Füllung für Pfannkuchen Quark, Gurke, Walnüsse und Parmesan ist schon mittags vergriffen. In einem anderen Stadtteil hat ein Restaurant geöffnet, dessen Spezialitäten in erster Linie für Hunde gedacht sind. Für Herrchen und Frauchen gibt es zwar auch Muffins und Kaffee, aber für die Vierbeiner: Schinkenrollen mit einem Erdbeerstückchen und einem kleinen Fisch, oder Fleischstücke mit Sahne.

Ein ganz anderes Bild erhält, wer die Stadt verlässt. Auch im kleinen Aruküla, etwa eine halbe Stunde Autofahrt vom Tallinner Zentrum entfernt, wird der Restaurant Day gehalten. Das Hobby von Jaana und Alar Sepp ist eine kleine Firma, die ökologisch produziertes Gemüse sowie Seifen anbietet. Und so stehen sie in Aruküla jeden Donnerstag auf einem kleinen Markt und bringen ihre Waren an Mann und Frau. Ihre Kunden sind Dorfbewohner, die qualitativ hochwertige Produkte zu schätzen wissen. Auf dem Markt zählt das Vertrauen in die Verkaufsperson mehr als irgendwelche Biosiegel. „Die sind schwierig zu bekommen, das ist ein Haufen Papierkram, viel wichtiger ist doch, dass Du die Person kennst, von der Du Dein Essen beziehst, ihr ins Gesicht schauen kannst. Wenn jemand einmal schlechte Ware verkauft, kauft man nie wieder bei ihm.“ Sagen sie.

Madrid

In Spanien hat man die Veranstaltung auch aufs Land, ins Dorf Tres Cantos bei Madrid vertrieben. Der Veranstaltungsort war ein Einfamilienhausgarten, in dem sich schon morgens gegen 10 Uhr um die 30 Personen versammelten. Alle Gäste wurden zu einem gemeinsamen Lauf gebeten oder aufgefordert, um 12 fit und gesund unter Anweisungen des Prof-Chefs Pedro Álvarez Bretones mit Grillen anfangen zu können. Gegrillt wurden aber nicht vor allem Chorizos (spanische Wurst) sondern Gemüsesorten aus dem Garten, wie Zwiebeln, Spargel, Aubergine und Zucchini, die mit Saucen (ali-oli, chimichurri, pesto) garniert wurden. Zur Zubereitung wurde ausschließlich spanisches Olivenöl angewendet, das in frisch gebackenes Weiß- und Schwarzbrot getunkt wurde. Zum Trinken gab es hausgemachten eiskalten Sangria mit frischen saisonbedingten Obstsorten. In Tres Cantos wurde nicht viel ums Essen herummeditiert, nicht einmal Rezepte wurden ausgetauscht. Es ging ums Wohlbefinden, wie es jeden Tag bei Tisch sein sollte.

Wenn der Tag Food-Revolution Day ein reales Bild davon schaffen soll, wie wir uns idealerweise weltweit ernähren, hat er seine Mission erfüllt. Man könnte ihn weiterentwickeln, die Veranstaltungen miteinander live vernetzen. Ich könnte mir große Leinwände mit Live-Übertragungen auf den Wiesen, Parken oder öffentlichen Plätzen vorstellen. Public-Food-Viewing.

Agnes Szabo war selbst in Berlin unterwegs, während Bekannte von ihr den Food Revolution Day in den anderen Städten für den Freitag verfolgt haben

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18:55 22.05.2012

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