Kanzler im Glück

Gerhard Schröder Derzeit ist das Produktmanagement für die "Marke Schröder" perfekt: Risiken im Apparat?

Seit einiger Zeit sollen vor allem zwei Produkte im deutschen Markt so verankert werden, dass eines Tages jedes Kind schon weiß, wofür die Namen Günther Jauch und Gerhard Schröder stehen: der eine wie der andere für saubere Unterhaltung. Ihr Wiedererkennungseffekt soll langfristig dem des berühmten Waschmittels gleichen, von dem Generationen von Deutschen, die sozial über die Kernseife hinausgelangt waren, wussten: Persil bleibt Persil. Bevor eine Übersättigung der Konsumenten eintritt, wird Jauch jetzt für eine Sommerpause vom Markt genommen. Erwägen die Produktmanager von Schröder, aus der gleichen Vorsorge die nächste Bundestagswahl ausfallen zu lassen?

Was hat es gekostet, das Produkt Jauch binnen einer Woche in einer Programmzeitschrift dreimal und auf den Fernsehseiten von Tageszeitungen auch noch mehrmals abzubilden? Die Massierung erinnerte an die Ausgaben des Neuen Deutschland nach Messerundgängen Honeckers in Leipzig. Zahlt der Hersteller des Produkts für den Abdruck der Fotos einen erhöhten Anzeigenpreis? Liefert er die netten Bildunterschriften gleich mit, damit sich nicht etwa ein süffisantes Wort einschleicht?

Das dauerhafte Platzieren eines volkstümlichen Bundeskanzlers ist naturgemäß schwieriger als die Verankerung eines Spaßvergnügens. So hat es denn auch bei der Einführung Schröders auf dem Markt der guten Laune zunächst Pannen gegeben. Weder das Paradieren des Kanzlers in schicken Klamotten und mit dicken Zigarren noch seine Teilnahme an der Fernsehschau Wetten, dass ... ? sind zweckmäßige Mittel gewesen. "Zu aufgesetzt", sagen die Werbeprofis zu solchen Fehlgriffen in der Verführung der Massen.

Aber ich denke, nun haben es Schröders Vermarkter geschafft. Zeitpunkt, Form und Inhalt der Darbietung des Bundeskanzlers am vergangenen Wochenende im Fernsehen waren schlechthin perfekt. Was ist der Abglanz auf Stoiber vom Sieg der Münchener Fußballmannschaft der feinen Pinkel und Millionäre gegen Schröders Kommentierung des Pokalsiegs von Schalke 04? Die Überreichung des Pokals durch den Kanzler war das protokollarisch Übliche. Aber dann seine Bilanz des Spiels: noch aus dem Stadion; kenntnisreich ("der Schiedsrichter hat das Spiel nicht kaputt gepfiffen"); erinnerungsselig (über einen Spieler: "Einen Wühler haben wir früher in unserem Dorffußball so jemanden genannt"). Kein falscher Ton, keine befremdliche Attitüde, sondern Schröder ganz bei sich. Und vom traditionsreichen einstigen Arbeiterverein aus Gelsenkirchen fiel ein Licht von links auf Gerhard Schröder, aus welcher Richtung die Neue Mitte bisher noch nie erleuchtet worden ist. Hier erwies sich die Nützlichkeit auch einer sinnentleerten Tradition.

Sogar die deutsche Einheit fand ihre ausgewogene Darbietung auf dem Rasen. Eine Mannschaft aus dem Osten war an Schalkes und des Kanzlers Triumph beteiligt, gehört aber in die zweite Liga: Dazugehörigkeit ohne unangemessene Gleichheit. So konnten die Deutschen in Ost und West zufrieden sein. Unter Einschluss von Schröders Stasi-Cousine hat sich fast über Nacht ein deutsch-deutsches Gefühlsbündel gebildet, das blühender Landschaften entraten kann. Schröder im Glück.

Was soll dem Kanzler der Arbeitsamen und reuigen Arbeitslosen jetzt noch gefährlich werden? Ein interner Konflikt mit seinem Außenminister Fischer wegen der Indiskretionen über Schröders Gespräch mit Präsident Bush in Washington? Darüber müsste der Kanzler lachen. Mit welchem Bein soll Fischer aufstampfen? Mit dem Standbein, an dem jene Parteifreunde hängen, die er mit in Amt, Würden und Dienstwagen gezogen hat? Mit dem Spielbein im Staatsmännischen, das ohne die Gehhilfe des Auswärtigen Amtes lahmen würde?

Fischer ist, genau betrachtet, der am meisten eingezwängte Minister an Schröders Kabinettstisch. Sein Ministerium verlangt Loyalitätsnachweise. Er muss deswegen Stellung beziehen gegen das Kanzleramt - kann dabei aber nur soweit gehen, wie Schröder es ihm gestattet. Denn Fischer hat nichts in der Hand, was politisch über lästige Albernheiten der Ministerialbürokratie hinausreichen könnte. Seit dem Kosovokrieg kann er sich nicht mehr darauf verlassen, dass seine Partei sich wie selbstverständlich vor seinen Wagen spannen lässt. Soll er doch zurücktreten, würden gegebenenfalls viele sagen. Und die grünen Amtsinhaber aus dem Regierungsflügel der Partei werden ihn im Stich lassen, wenn die Gefahr droht, dass er sie mit sich in die Ämterlosigkeit reißt. Vielleicht wird es ein oder zwei Bauernopfer in der hohen Beamtenschaft geben. Wahrscheinlicher ist, dass die Ungenauigkeit oder Aufschneiderei Steiners aus dem Kanzleramt in der Öffentlichkeit so schnell vergessen wird wie der Rinderwahnsinn.

Der Außenminister wird am Ende froh sein, seine Ohnmacht hinter der zutreffenden Einsicht verbergen zu können, dass die Mischung aus professionellem Fehler, einiger Schadenfreude und vielleicht auch einer kleinen Intrige des Protokollanten Chrobog gegen den selbstherrlichen Kollegen Steiner von nebenan kein hinlänglicher Grund für eine ernsthafte Krise ist. Faktisch ist nichts Bedeutenderes an die Öffentlichkeit gelangt als das, was Bundeskanzler oder Außenminister auf dem Rückflug von einem Staatsbesuch den mitreisenden Journalisten im hinteren Teil der Maschine bei Kaffee und Cognac anvertrauen: mit Ausnahme dessen, was Steiner von Gaddafi gehört haben will. Es ist das einzig Konkrete in der umherflatternden Aufzeichnung.

Auf der staatsmännischen Ebene einer Mittelmacht, also da, wo Schröder und Fischer walten, entstehen nur sehr wenig geheime Fakten, deren Preisgabe schwerwiegende internationale Folgen hätte; am ehesten noch im Waffenhandel. Wohl aber verfügen die Außenpolitiker über ein großes Reservoir von Taktlosigkeiten, die besser vertraulich bleiben, weil andernfalls der Gang der politischen Geschäfte vorübergehend emotional gehemmt werden kann. Abgesehen von der eventuell gerichtlich verwertbaren Libyen-Passage sind die einzelnen Beiträge im weit gestreuten Protokoll von Washington über die Geheimhaltungsbedürftigkeit taktloser Konversation kaum hinausgegangen. Bei dem, was Powell über Arafat gesagt hat, sachlich nichts Neues, haben sich wohl Taktlosigkeit und die Arroganz der Weltmacht gemischt.

Als ich von der Indiskretion hörte, habe ich zunächst Schlimmeres erwartet: einen Gedankenaustausch der hohen Herren im Stil eines internationalen Stammtischs. Stattdessen haben sich der amerikanische Präsident und der deutsche Bundeskanzler auf einem üblichen Leitartikel-Niveau gehalten. Das ist nicht immer so.

Mitte der achtziger Jahre hatte mich Bundeskanzler Kohl ins Bonner Kanzleramt gebeten, damit ich ihm Erich Honeckers politische Vorstellungen, seine Stärken und Schwächen skizzierte. In Bonn stand wieder einmal der Besuch des Staatsratsvorsitzenden der DDR ins Haus. (Er wurde dann noch einmal bis 1987 verschoben.) Aber wir haben kaum über Honecker gesprochen. Kohl war noch nicht abgebrüht in seiner neuen Würde. Es drängte ihn, zu erzählen, wie eng bereits seine Beziehungen zu den Großen in der Welt wären.

Erst jüngst war er bei Präsident Reagan gewesen. Seinerzeit war Rudolf Heß, einst Hitlers Stellvertreter, noch im Spandauer Gefängnis unter Bewachung der vier Kriegsalliierten inhaftiert. Der Bundeskanzler stand Bemühungen um eine Freilassung von Heß nicht ablehnend gegenüber. Er habe nun, so erzählte mir Kohl in seinem Kanzlerbüro, Präsident Reagan von dem Fall berichtet. Er und Reagan verstünden sich schon so gut, dass Reagan sogleich seinen Außenminister Shultz, der am Gespräch teilnahm, gefragt habe, ob sie Heß nicht einfach freilassen könnten in dem Monat, in dem die USA die Wache in Spandau stellten.

Ich vergewisserte mich mit Blick und Zwischenfrage, dass Kohl nicht scherzte. Er tat es nicht. Im Gegenteil bekräftigte er noch einmal, wie ernst der amerikanische Präsident nehme, was er, Kohl, ihm vortrage. Nach dem Gespräch im Oval Office, im Rosengarten des Weißen Hauses, habe sich Reagan wieder an Shultz gewandt, ob man es nicht doch so machen könne mit dem Häftling, wie er, der Präsident, angeregt habe. Der Außenminister erklärte das für ausgeschlossen. Kohl zeigte sich hoch zufrieden mit seinem Bericht aus Washington. Er hatte offenbar nicht die Spur eines Gedankens, er könnte gerade seinem Freund Reagan übel nachgeredet haben.

Zurück zu Schröders Regierungsstil. Von höherer Gewalt wie Wirtschaftskrisen, die er nicht steuern kann, abgesehen - was kann den derzeitigen Bundeskanzler noch vom Markt verdrängen? Er könnte, eher mittelbar als unmittelbar, seiner stärksten Begabung zum Opfer fallen: seiner Fähigkeit, dauernd eine hohe Bugwelle für sein politisches Wirken zu erzeugen. Alle Politik gipfelt für ihn in einem Auftritt. Sein Talent dafür und sein Verlangen danach scheinen so ausgeprägt zu sein, dass sich ihm verwandte Geister unter seinen Mitarbeitern daran ein Beispiel nehmen. Der Kanzler fördert das sogar, weil so die Welle, die vom Kanzleramt aus übers Land geht, noch verstärkt wird.

Schröder hat als erster Bundeskanzler im konsequent erzeugten Bewusstsein der Öffentlichkeit einen "außenpolitischen Berater", gerade so wie der amerikanische Präsident. In Wahrheit ist Schröders Kissinger - Michael Steiner - wie alle seine Vorgänger ein Abteilungsleiter im Kanzleramt. Manche Ministeriale Schröders bewirken eine unkontrollierbare Verselbstständigung von wichtigen Teilen des Apparats. Für ihre öffentliche Wirkung haben sie den Leitspruch sachbezogenen Dienens umgekehrt: Mehr scheinen als sein. Wenn sie erst den Kanzler in Verdacht bringen, auch er habe neben seinen modischen Anzügen viele von des Kaisers neuen Kleidern im Schrank, kann das sein Glück trüben.

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00:00 01.06.2001

Ausgabe 43/2021

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