Kanzler mit WM-Titel

Bilanz Heute wird Angela Merkel 60. Deutschland ist Weltmeister. Und wenn alles wie immer läuft, wird die Kanzlerin noch sieben Jahre im Amt bleiben
Jürgen Busche | Ausgabe 29/2014 2
Kanzler mit WM-Titel
Jubeln für die Mannschaft und jubeln für sich selbst: Angela Merkel und Joachim Gauck während dem WM-Finale

Foto: Odd Andersen/ AFP/ Getty Images

Wenige Tage vor ihrem 60. Geburtstag – an diesem Donnerstag – ist Angela Merkel in die Reihe der großen Kanzler der Bundesrepublik aufgerückt. Die Fußballelf des von ihr regierten Landes ist Weltmeister geworden. Solchen Erfolg hatten vor ihr nur Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl aufzuweisen. Brandt war zwar wenige Wochen vor dem Weltturnier 1974 als Kanzler zurückgetreten; aber die Mannschaft, die zwei Jahre zuvor glanzvoll Europameister geworden war, gilt bis heute zu Recht als seine Mannschaft. Nun also Angela Merkel. Sie hatte freilich den Vorteil, dass ihr, der Geschichte folgend, von vornherein klar war, wie wichtig in Deutschland der Gleichschritt von Politik und Fußball ist.

Adenauer war der Erfolg noch in den Schoß gefallen, ohne dass er seinerzeit gewusst hätte, was der Sieg 1954 in Bern zählte. Er hat wohl erst am Tag darauf davon erfahren und sich auch dann kaum dafür interessiert. Dem Bundestrainer – Sepp Herberger – oder einem der Kicker ist er wohl nie begegnet, zumindest ist nichts davon bekannt. Helmut Schmidt, Brandts Nachfolger im Amt, ließ 1974 dem Bundespräsidenten Walter Scheel den Vortritt, was auch protokollarisch richtig war, denn der musste in München die Trophäe überreichen. Es war trotzdem ein nobler Zug, dass er ihm nicht die Shau stahl. Es wurde Scheels Tag.

Von Chefs und Alten

Von solcher Noblesse konnte 16 Jahre später nicht mehr die Rede sein. 1990 war die deutsche Fußballnationalmannschaft längst Kohls Mannschaft, und als sie in Rom den Welttitel gewann, war natürlich der Kanzler der Mann des Tages. Bundespräsident Richard von Weizsäcker war zwar auch hingefahren, aber da er weder den Cup überreichen durfte noch Gelegenheit zu einer seiner brillanten Reden bekam, blieb sein Bild bei der Veranstaltung ungewohnt blass. Nicht anders erging es jetzt Joachim Gauck, der den Ausflug nach Rio auch nicht missen wollte. Die Jungs des Deutschen Fußballbunds sind Merkels Jungs, und der Bundespräsident darf nur dabei sein.

Übertreiben wir? Da könnten wir wie Max Weber sagen: Übertreiben ist unser Beruf. Aber wir übertreiben nicht! Seit Norbert Seitz’ bahnbrechendem Werk Bananenrepublik und Gurkentruppe ist der Zusammenhang von Fußball und Politik in Deutschland unser Thema. Adenauer und Herberger: Jeder seiner Spieler begann die Antwort auf eine der lausigen Reporterfragen mit dem Satz: „Der Chef sagte immer ...“ Die Bonner Minister pflegten auf „den Alten“ zu verweisen. Beide waren Zivilisten, wie sie vor 1945 als Größen unvorstellbar gewesen wären. Anders Willy Brandt und Helmut Schön. Beide galten als Weicheier. Von dem einen hieß es, seine Spieler stellten die Mannschaft auf, von dem anderen sagte Herbert Wehner: „Der Herr badet gern lau.“ Helmut Kohls Doppelnatur ist bekannt. Er wurde bewundert und verlacht. So sind ihm von der Geschichte Franz Beckenbauer und Berti Vogts zugeordnet, der 1996 immerhin Europameister wurde.

Was gewiss für jeden schön ist, wenn er von Rio aus an Merkels Geburtstag denkt, ist sicherlich für manchen alles andere als schön, wenn er darüber hinausdenkt. Nach 1954 regierte Adenauer noch neun Jahre, nach 1990 Kohl noch acht Jahre, ebenso Helmut Schmidt 1974. So hätten wir Merkel noch sieben Jahre. Das kann der SPD nicht gefallen, ganz gleich, was der Spiegel über Rücktrittsabsichten schreibt. Brandts Rücktritt wurde übrigens später von Leuten mit niederer Gesinnung nicht auf den Spion Günter Guillaume zurückgeführt, sondern auf Jürgen Sparwasser, der bei der WM 1974 das Siegtor für die DDR gegen Schöns Truppe schoss.

Das ist schon chronologisch falsch. Schön wurde trotzdem Weltmeister, und den Friedensnobelpreis konnte Brandt auch keiner mehr nehmen.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

10:00 18.07.2014

Ausgabe 32/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 2