Kapitän der Eifersucht

Liebesdrama Ildikó Enyedi erzählt in ihrem Film „Die Geschichte meiner Frau“ von einem Seemann, der seine fremdgehende Partnerin für sich haben möchte

Hätte ich einen Sohn, wie würde ich ihn wohl auf dieser Welt willkommen heißen?“, fragt Jakob Störr tonlos in den sternenbehangenen Nachthimmel. Die sonore Stimme des niederländischen Schauspielers Gijs Naber ist aus dem Off zu hören. Zu Bildern, die sich bald vom friedlichen Firmament ab- und der stürmischen See darunter zuwenden. Störr ist ganz und gar Kapitän, entsprechend fällt seine Antwort aus: mit einem Abend auf einem Boot, umgeben von tödlichem Wasser. Seinem Kind würde er raten, den Versuch zu wagen, das Unkontrollierbare zu kontrollieren.

Damit ist der Ton des Dramas Die Geschichte meiner Frau der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, die 2017 mit Körper und Seele auf der Berlinale für Begeisterung sorgte, gesetzt. Klar ist auch, was der Film seinem Publikum abverlangt: nicht vorschnell jede Sentimentalität als banale Rührseligkeit zu verdammen. Verbale Gefühligkeit gibt es während der fast dreistündigen Spielzeit ohnehin nicht viel, dafür macht Störr – typisch Seemann – zu viel mit sich selbst aus. Zudem scheint sich der Cast der Bedeutungsschwere der sparsamen Dialogzeilen bewusst zu sein, sodass ein Großteil des Gesagten artifiziell und damit wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Bei Bauchschmerzen hilft Ehe

Dass dem so ist, mindert allerdings nicht den Wert des Films. Vielmehr passt es zu der Antiquiertheit, die ihn umgibt. Angesiedelt im Europa der 1920er Jahre, ist alles in warme Braun- und Grüntöne getaucht, die musikalische Untermalung ist auf einen sanften Klangteppich beschränkt. Auch die Wette im Zentrum, die als Zündstein für den weiteren Plot fungiert, ist unzeitgemäß: Weil Störr wiederkehrende Bauchschmerzen quälen, beschließt er auf den Rat des Schiffkochs hin, zu heiraten. Bei einem Geschäftsessen tönt er, er werde die nächste Frau, die das Restaurant betritt, um ihre Hand bitten.

Durch die Tür kommt eine Schimäre, verkörpert durch Léa Seydoux. Störr ist angetan von ihrer Erscheinung, wagt es aber dennoch, seinen Plan umzusetzen. Bevor er ausholen kann, ermahnt ihn die junge Frau, die sich als Pariserin Lizzy vorstellt, sich kurzzufassen. Mehr dem Wahnwitz seines Vorschlags als dem Bräutigam selbst zugeneigt, willigt sie ein. Ihre eigentliche Verabredung setzt sie barsch über die neuen Verhältnisse ins Bild, dann ist alles gesagt.

Die Geschichte meiner Frau besticht weder durch den Neuigkeitswert noch durch die Komplexität seines Plots, alles Weitere lässt sich in zwei Sätzen zusammenfassen: Lizzy entpuppt sich als die Lebefrau, als die sie sich in den ersten Minuten präsentiert. Und die anfängliche Begeisterung des Kapitäns für ihre Gelöstheit schlägt bald in zermürbende Eifersucht um.

Was den Film viel mehr auszeichnet, sind seine dichte Atmosphäre und seine feine Figurenzeichnung, die ihn zu einem ätherischen Erlebnis machen. Und ebenso wenig, wie einfache Wahrheiten unwahrer werden, je öfter man sie wiederholt, verlieren einfache Geschichten über menschliches Hadern ihre Berechtigung. Letztlich ist die Adaption des Romans von Milán Füst aus dem Jahr 1942 genau das: eine ästhetisch ansprechende Reflexion über die Unmöglichkeit, einen anderen Menschen vollständig zu fassen zu bekommen, ihn in seiner Gänze zu verstehen. Stellenweise ist es auch der heimliche Unwille zur Erkenntnis, dem das Drama nachgeht.

Denn Störr gelingt es nicht nur nicht einmal ansatzweise, Lizzys Wesen zu sehen – mitunter torpediert er sogar jeden Versuch. Als er nach den Flitterwochen zurück auf See muss, plagen ihn bereits Sorgen um die Treue seiner Angetrauten. Bei seiner Rückkehr verschließt er seine Augen jedoch vor der Realität, um das Glück nicht zu stören: Die Polizei setzt ihn darüber in Kenntnis, dass man seine Frau nicht kontaktiert habe, um sie – wie von ihr behauptet – über ihre geklaute Handtasche zu informieren, sondern um sie wegen eines Unfalls, den sie betrunken verursachte, vorzuladen. Statt sie zu konfrontieren, sagt er ihr, man hätte die Akte nicht finden können.

Sosehr er sich auch bemüht, die Krise kann er nicht abwenden. Sie manifestiert sich im jüngeren Dedin (Louis Garrel), mit dem seine Frau eine nur dürftig verheimlichte Liebschaft eingeht. Dass es dem Film gelingt, Lizzy weder als das ewige Biest zu zeichnen, das den armen Mann ins Unglück stürzt, noch sie stumpf auf ihre Schönheit zu reduzieren, rettet ihn vor einer vollkommenen Unvereinbarkeit mit dem Zeitgeist. Letztlich ist sie der aufrichtigere Teil des Paares, weil sie offen mit ihren Begierden umgeht und ihren Ehemann sogar dazu ermutigt, es ihr doch gleichzutun.

Mit der Freigeisterei seiner Frau kann Störr jedoch nicht umgehen. Er erzwingt einen Umzug nach Hamburg, bis zur Selbstaufgabe setzt er alles daran, das Zusammenleben mit Lizzy zum Funktionieren zu bringen. Gerade noch rechtzeitig erkennt er sein Irrlichtern und verändert schließlich auch den Rat an seinen imaginären Sohn: Besser ist es, nicht mit dem ständigen Wechsel, den das Leben bringt, zu hadern. Am Ende steht damit die Erkenntnis, dass Leiden in sich niemals poetisch ist, aber in Poesie verwandelt und so zu etwas Erhabenem werden kann. Die Geschichte meiner Frau tut das – und es ist ein Glück, dass es weiterhin Filme gibt, die nicht davor zurückschrecken, derart einfache Wahrheiten zu ergründen.

Die Geschichte meiner Frau Ildikó Enyedi Ungarn, Deutschland, Frankreich 2021, 169 Min.

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06:00 06.11.2021

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