„Kapitalismus ist asozial“

Interview Die WHO legt fest, was als krank gilt. Der Psychologin Nora Ruck fehlen dabei soziale Aspekte
„Kapitalismus ist asozial“
Der Zustand des Kopfinnenraums ist seit jeher die buntesten Zuschreibungen gewohnt

Foto: BSIP/UIG/Getty Images

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat kürzlich ihren neuen Krankheitskatalog ICD-11 vorgestellt. Darin wird auch bestimmt, wer als psychisch krank gilt. In Zukunft werden sich Krankenkassen darauf berufen, wenn sie entscheiden, ob eine Störung behandlungsbedürftig ist oder nicht.

Die Psychologin Nora Ruck meint, dass Psychotherapeuten den Mut brauchen, neben der Krankheit auch die gesellschaftlichen Verhältnisse zu diagnostizieren, die diese hervorgebracht haben.

der Freitag: Frau Ruck, es gibt laufend Anzeichen dafür, dass in unserer Gesellschaft immer mehr Menschen psychisch krank werden. Die Krankenkassen in NRW beispielsweise berichten seit Jahren über steigende Fehlzeiten am Arbeitsplatz aufgrund psychischer Krankheiten. Werden wir öfter krank oder ist nur die Hemmschwelle für eine Krankschreibung gesunken?

Nora Ruck: Ich weiß nicht, ob wir „leichter krank“ werden. Ich glaube, dass sich die Form der Ausbeutung heute verändert hat, nämlich so, dass sie mehr in die Psyche eingreift. Alle Zeitdiagnosen, die sich auf Begriffe wie Postfordismus, unternehmerisches Selbst und so weiter beziehen, haben eines gemeinsam, nämlich die Beobachtung, dass wir unser „Selbst“ stärker in die Arbeit einbringen müssen. So wichtig die Kritik an entfremdeter Arbeit in fordistischen Verhältnissen war, schuf Entfremdung doch zumindest psychischen Abstand zur Arbeit. Das schaffen wir nicht mehr, wenn wir gleichzeitig psychisch Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin sein müssen, aber ohne die reale Macht von Arbeitgeberinnen.

Zur Person

Nora Ruck ist Assistenzprofessorin für Psychologie an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien. In ihrer Forschung befasst sie sich unter anderem mit der Verbindungen zwischen Psychologie und gesellschaftlichen Ungleichheiten sowie sozialen Bewegungen

Foto: Privat

Nach 26 Jahren erfolgte jetzt erneut eine Revision des allgemeinen Krankheitskatalogs ICD, der auch bestimmt, was in Zukunft als psychisch krank gelten darf und was nicht. Unter anderem ist Transsexualität keine psychische Krankheit mehr, Onlinespielsucht hingegen kommt neu hinzu. Ist nicht problematisch, dass das überhaupt so bestimmt wird?

Das ist eine Suggestivfrage, aber ja, natürlich. Erstens wissen wir, dass Begriffe Macht haben, weil Sprache Realität erzeugt. Zweitens ist die Frage, für wen einzelne Diagnosen da sind. Für die Betroffenen oder über die Betroffenen? Gerade bei „Störungsdiagnosen“ habe ich oft den Eindruck, dass sie mehr für die Klassifizierenden da sind, um beispielsweise Kommunikation über Fachgrenzen zu erleichtern, um das eigene Tun an die Medizin anzunähern. Aber auch um – und das darf man nicht vernachlässigen – einen Mechanismus der Abwehr zu haben, um all das psychisch Belastende nicht so nah an sich heranlassen zu müssen.

Sie setzen sich in Ihrer Forschung kritisch mit der Psychologie als Wissenschaft auseinander. Was finden sie kritikwürdig an der derzeitigen Praxis?

In erste Linie das Individualisieren, das vollkommene Absehen von gesellschaftlichen Verhältnissen. Ich habe auch verstärkt den Eindruck, dass es gerade bei Psychologinnen und Psychotherapeuten einen ungemein großen psychischen Widerstand dagegen gibt, da hinzuschauen. Ich glaube, das hat viel damit zu tun, dass Leute Psychologie studieren oder eine Psychotherapieausbildung machen, weil sie ja helfen möchten.

Das heißt dann erstmal: Dem einzelnen Patienten?

Der Blick auf das große Ganze deprimiert da und macht zumindest anfänglich ohnmächtig, vor allem, wenn man so gar nichts weiß über kollektive Strategien. Man darf aber auch nicht vergessen, dass es unglaublich tolle Psychologen und Therapeutinnen gibt: Barbara Preitler von Hemayat, dem Betreuungszentrum für Folter- und Kriegsüberlebende in Wien, hat letztens zum Beispiel wieder in einem ganz tollen Interview in der Wiener Zeitung klar politisch Stellung bezogen. Ein weiteres Beispiel ist die Frauenberatung, die ganz zentral mit daran beteiligt war, überhaupt eine Diskussion über die gesellschaftlichen Bedingungen für psychische Krisen und Belastungen anzustoßen. Dann queer-Beratung, trans-Beratung, selbstorganisierte migrantische Beratungs- und Therapiezentren, alle anderen Formen intersektionaler Beratung, Betreuung und Therapie. Auch da sind Psychologinnen und Therapeuten dabei und leisten großartige Arbeit. Die profeministische Männerberatung ist hier auch zu nennen.

Sieht man sich die ICD-Revisionen an, fällt auf: Es werden mehr psychische Krankheiten diagnostizierbar. Gleichzeitig begeben sich mehr Menschen in Behandlung. Ist das ein Zeichen für eine gestiegene Akzeptanz gegenüber dem Abweichenden oder eher ein Ausdruck dafür, dass das Normale offenbar immer seltener wird?

Ich glaube, das ist vor allem Ausdruck der Psychologisierung unserer Gesellschaft, wo sich die Psychologie ihre Rolle gerade sichern kann, indem sie immer mehr Behandlungsbedarf aufzeigt. Da sind auch schlicht berufspolitische Interessen mit im Spiel. Dazu sind auch Jürgen Links Analysen zum „flexiblen Normalismus“ hilfreich: Da wo die Grenzen zwischen „normal“ und „abnormal“ im Wesentlichen statistisch bestimmt werden, können immer mehr solche Unterscheidungen vorgenommen werden. Die Grenzen werden dabei fließender und es wird für die Einzelnen immer schwieriger, in diesem Feld zu navigieren. So hat etwa die feministische psychosoziale Beraterin Bettina Zehetner jüngst ihre Beobachtung geteilt, dass in den letzten Jahren immer mehr Frauen zu ihr kommen mit der Frage, ob sie „normal“ seien.

In den Medien wird regelmäßig von „Modediagnosen“ wie Narzissmus oder Depression gesprochen, die besonders symptomatisch für unsere Gesellschaft sein sollen. Ist da was dran?

Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich ein Generationenphänomen ist oder eher ein Klassenphänomen. Es ist schon ein sehr spezifisches Milieu, in dem Psychotherapie normal geworden ist. Zu den „Modediagnosen“: Das eine ist das Symptom, das Phänomen. Das andere die Diagnose, und auch da macht es wenig Sinn, ohne gesellschaftliche Verhältnisse darüber zu reden. Es ist auch hier die Frage, welche Funktion eine bestimmte Diagnose hat. Menschen, die die Merkmale und Verhaltensweisen an den Tag legen, die unter „Narzissmus“ subsumiert werden, können anstrengend sein, oftmals aggressiv. Ich habe oft den Eindruck, dass diese Diagnose von Psychologen wie eine Art Selbstschutz verwendet wird, mit der man sich gegen Übergriffigkeit und aggressive Angriffe wehren kann, und die gleichzeitig eine Selbsterhöhung möglich macht. Ich halte Narzissmus aber auch deshalb für eine Abwehrdiagnose, weil damit ein gesellschaftliches Verhältnis individualisiert und pathologisiert wird, vor allem wenn sie als Zeitdiagnose genutzt wird. Statt Kapitalismus zu skandalisieren, wird dann über die angeblich gestiegenen Zahlen an Narzissmusdiagnosen gesprochen oder werden sogar Politiker ferndiagnostiziert.

Es gibt Psychologen, die fordern, Donald Trump sei aufgrund einer Persönlichkeitsstörung seines Amtes zu entheben.

Mir ist herzlich egal, ob Donald Trump oder Sebastian Kurz als narzisstisch zu diagnostizieren wären. Wenn sie nicht gewählt würden, müssten wir uns darüber nicht unterhalten. Mir wäre lieber, wenn die darin verpackte Gesellschaftskritik auch als solche geäußert würde, also zum Beispiel: Kapitalismus ist asozial, er spaltet und er spielt Menschen gegeneinander aus. Dass damit Verhaltensweisen begünstigt werden, die genau das tun, ist nicht so erstaunlich, dafür brauche ich das Label „Narzissmus“ nicht. Depression ist da ein anderer Fall, finde ich. Was ist Depression im Wesentlichen? Nach innen gewendete Aggression. Ich frage mich, ob noch so viele Menschen die bestehenden Verhältnisse so verarbeiten würden, wenn der Arbeitskampf klarer wäre. Depression hat auch viel mit Ohnmacht zu tun, und die ist für viele heute sehr real.

Brauchen wir eine Art postmoderne psychotherapeutische Praxis, die weniger darauf bedacht ist, zwischen „krank“ und „gesund“ zu unterscheiden?

Ich glaube, da gibt es keine Patentlösung. Den Krankheitsbegriff halte ich in manchen Kontexten für strategisch nützlich. Ich finde es schon auch ein schlagkräftiges Argument, mit konkreten Zahlen sagen zu können: Die Verhältnisse machen die Einzelnen krank! Den Störungsbegriff dagegen halte ich für relativ uneingeschränkt problematisch. Ich weiß nicht, wo der den Betroffenen genau was bringen sollte.

06:00 25.07.2018

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