Kapitalkurs für Pokerfans

Bestseller Frank Schirrmachers neues Buch erzählt gekonnt vom ökonomischen Cyberwar, scheut sich aber vor Marx und Freud
Kapitalkurs für Pokerfans
Foto: Stand Monda / AFP / Getty

Ego – Das Spiel des Lebens ist ein kulturkritisches Lamento. Das ist erst einmal weder gut noch schlecht. Es ist ein Genre, und Genres haben Regeln, Absichten, Konventionen und Sprechweisen. Sie haben eine gewisse analytische Tiefe, die man nicht über- oder unterschreiten mag, und vor allem haben sie eine besondere Form der Selbstermächtigung. Das kulturkritische Lamento spricht im Namen der Entsetzten am Rand des einen oder anderen Weltuntergangs. Es spricht sozusagen in letzter Minute (und entsprechend atemlos). Gleichzeitig ist der Autor hier aber auch ein „volkstümlicher“ Erzähler, der sich vor kleinen Redundanzen so wenig fürchten darf wie vor dem anekdotenreichen Erzählen.

Ego ist eine größere Erzählung von der Transformation des Kapitalismus und damit verbunden der Verwandlung des Menschen in ein egoistisches Monster, das bei Schirrmacher zunächst „homo oeconomicus“ und dann „Nummer 2“ heißt.

Das Regiment der Computer

Und diese Erzählung geht in groben Zügen so: In der Zeit des Kalten Krieges entwickelten US-amerikanische Strategen im militärisch-wissenschaftlich-wirtschaftlichen Komplex mehr oder weniger geniale Modelle zur Kommunikation mit dem Feind. Man nannte es, harmlos genug, „Spieltheorie“, und es geht dabei darum, alle Handlungen und Unterlassungen des anderen auf einen einzigen Impuls, den Eigennutz, zu reduzieren. Es galt also nur, einen verborgenen Eigennutz im Spielzug des Feindes zu erkennen. Gleichzeitig war dieses verdeckte und nicht-kooperative Spiel – Poker war das ideale Bild dafür – die perfekte Legitimation eines eigenen Vorgehens nach dem Prinzip des Eigennutzes. Man konnte in diesem Spiel bluffen, aber auch bluffen, dass man blufft, und der Gegner konnte bluffen, dass er den Bluff nicht durchschaute. Das Spiel war auf das Alles-oder-nichts-Prinzip ausgerichtet. Und der Spieltheorie kam die „rational choice“ zur Unterstützung, die jede Entscheidung als eine im Kern mechanische zum eigenen Überleben und zum Ausschließen der Konkurrenten ansah. Ein wesentlicher Antriebsmotor dieser Vorstellung von globaler Kommunikation ist die Angst.

Als zu Ende der achtziger Jahre die planwirtschaftlichen, kommunistischen Staaten zusammenbrachen, hatten die Physiker, Statistiker, Mathematiker, Soziologen und Psychologen, die mit dem System von Spieltheorie und rational choice die Grundlagen für die fragile Weltordnung des Kalten Krieges gelegt hatten und dafür vom Pentagon üppig ausgestattet waren, ein Problem: Die Weltgeschichte hatte ihnen recht gegeben, aber sie hatte sie zugleich mehr oder weniger überflüssig gemacht.

Die neue Rolle des Computers

Das Heer der Spieltheoretiker zog daher weiter und fand eine neue Heimat: Vom Pentagon zur Wall Street. Am Anfang der neunziger Jahre begannen sie damit, die Märkte nach den Modellen des Kalten Krieges neu zu ordnen. Eines der vielen Symptome dafür war das Einsickern der militärischen Sprache in die neoliberale Ökonomie; am Ende war, wie im Kalten Krieg, von ökonomischen „Massenvernichtungswaffen“ und sogar von „Kernschmelze“ die Rede. Auch hier ging es darum, ein Spiel begreifbar zu machen, durch das Dogma, jeder handele ausschließlich nach dem Prinzip des größten Eigennutzes und dem größten Misstrauen gegenüber den anderen Spielern. Offensichtlich ging es dabei um die Verwandlung eines einstmals möglicherweise offenen und kooperativen Spiels, des Marktes, in ein verdecktes und nicht-kooperatives Spiel, nämlich den Finanzkapitalismus, der dann seine Blasen und Krisen generierte, die natürlich in dieser Erzählung gar keine Krisen sind, sondern Etappen der Verwandlung. Neben der radikalen Reduzierung der Motive auf Eigennutz, Misstrauen und Angst steht eine maschinelle Aufrüstung und Beschleunigung, der Computer übernimmt die Aufgaben des Spiels, berechnet blitzschnell die Schritte der Marktgegner. Er kann das nur, weil dieser Computer selber eine spieltheoretische Maschine ist, die technische Selbsterfüllung einer politisch-philosophischen Prophezeiung. Mit der Computerisierung also verbreitet sich der spieltheoretische Egoismus als verbleibende Ideologie von Amerika aus über die Welt und frisst gar auch das alte Europa, das sich dieser Ideologie so lange widersetzen konnte, wie sie in Büchern und Vorträgen verbreitet wurde, aber hilflos war, als der Computer auch die Herrschaft übernahm. Der Markt ist mittlerweile ein unkontrollierter Cyberwar geworden. Und wie beim Kalten Krieg steht auch bei diesem spieltheoretischen Monsterkrieg der Ökonomie hinter dem bedingungslosen Eigennutz, der Profitgier und der Angst vor dem Anderen, die Drohung einer noch viel größeren, nämlich der vollständigen Vernichtung nicht eines Spielers, sondern des ganzen Spiels.

Und es ist die größere Erzählung von der Verwandlung des Menschen selber in eine narzisstische und egoistische Maschine, die diesem Spiel entspricht. Nummer 2, der Mensch, der so gut mit den Maschinen umgehen kann, weil er selber wie eine Maschine funktioniert, bis er verschwunden ist in der Maschinenwelt, das Monster, unser Mr. Hyde, der den Dr. Jekyll verdrängt. In einer hübschen Volte weist Schirrmacher darauf hin, dass Jekyll und Hyde nicht nur, wie wir es gewohnt sind, im Tode wieder vereint sind, sondern auch beim Unterschreiben von Geldgeschäften: Die Bank hat noch nie etwas anderes gesehen als Mr. Hyde, und die Geschäfte, die sie mit uns macht, macht sie mit Hyde, um dann Dr. Jekyll zu enteignen oder zu vernichten. Nummer 2 ist perfekt angepasst „an die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie“. Auch in dieser Welterzählung gibt es nur eine Chance: Nummer muss sich gegen Nummer 2 erheben.

Monster und Mensch

Jede Erzählung ist um ein (verlorenes) Ideal, einen (unsichtbaren) Helden herum aufgebaut, und wen wundert es, dass dieses durchschimmernde Ideal nichts anderes als das bürgerliche, autonome und verantwortungsvolle, das europäische Individuum ist. Wenn Nummer 2, der maschinisierte egoistische homo oeconomicus, das Monster ist, dann ist offenbar Nummer 1 der gute, echte Mensch. Sein Regnum beginnt schon zu dämmern durch das Aufkommen der Rechenmaschinen und Automaten, der Detektive à la Sherlock Holmes und der ökonomischen Monster wie Dracula und Mr. Hyde. (In der Tat hat ja auch Sherlock Holmes diese Reduktion der Spieltheorie avant la lettre schon vorgenommen: Er rationalisiert nicht nur das mysteriöseste Verbrechen, sondern er kann immer nur das einzig gültige Motiv finden: den Eigennutz.) Für Schirrmacher besteht das 20. Jahrhundert nur aus wissenschaftlichen Ideologien, die aus der Anwendung der Spieltheorie und aus Formulierungen des Prinzips des Egoismus bestehen, und da passen die Computer ebenso hinein wie die Idee der „egoistischen Gene“ von Richard Dawkins. Während Wissenschaft und Sozialmodelle dem Menschen die großen Vereinfachungen seines Lebens versprachen, die große, mithilfe der digitalen Maschinen vollzogenen Rationalisierung, in der nichts Schönes und Wahres neben dem Eigennutz Platz hat, verwandelt sich die Welt in ihrer Radikalökonomisierung in ein System von Waffen, das sich keinen anderen Gegner mehr suchen kann als eben den Menschen selbst.

Nun ist eine Verbindung von Foucault light, Finanzkapitalismuskritik, einer Spur Anti-Amerikanismus und Verschwörungstheorie zu einigem fähig, vor allem dazu, Leserinnen und Leser zu erreichen, denen andere Erzählungen aus dem selben Daten- und Zitatenmaterial wahlweise zu links, zu schwierig oder zu langweilig sind. Ist es die Aufgabe eines solchen Buches, einen möglichen (also auch: erlaubten) Stand des Wissens und der Kritik zusammenzufassen und in eine gut lesbare Form zu bringen, dann hat es seinen Job erfüllt.

Allerdings hat eine solche Erzählung auch so ihre Tücken. Spätestens ab Seite 140 möchte man etwa ausrufen, ja, wir haben’s kapiert, und jetzt bitte einen überraschenden Perspektivwechsel, einen plot point, eine Metaebene. Aber auch dieser Autor verfällt den Ekstasen der Monothematik, unbeirrbar verfolgt er sein Erzählziel und gerät dabei in die enorme Gefahr, der Komplexitätsreduzierung, die er dem Gegenstand unterstellt, selber zu verfallen.

Eine gewisse Mitschuld an dieser Reduktion der Erzählung scheint eine Phobie des Autors gegen zwei große Welterzählungen der Moderne zu tragen, die Marxianische und die Freudianische. So entstand eine bürgerlich-idealistische Erzählung, die kompetent und detailreich von Symptomen und Maschinisten der großen Transformation erzählt, aber weder in die Tiefen ökonomischer Kreisläufe noch in die der sexuellen Verwandlungsenergien reicht. Die große Erzählung des Finanzkapitalismus und des Posthumanismus ist immer noch nicht geschrieben.

Ego – Das Spiel des Lebens Frank Schirrmacher Blessing 2013, 352 S., 19,99 €

09:00 14.02.2013

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