Kapitalversagen

Kommentar Gefangen zwischen Ölpreis und Dollarkurs

Das Ritual wiederholt sich, von Zyklus zu Zyklus, von Legislaturperiode zu Legislaturperiode, von Jahr zu Jahr: Je höher die Arbeitslosenzahlen und je tiefer die Stimmung, desto mehr üben sich Sachverständigenrat und Bundesregierung in positivem Denken. Trendwende und Aufschwung werden herbei prognostiziert, immer für die nahe Zukunft. Aber die Ernüchterung folgt auf dem Fuß. Die ausgemalten blühenden Landschaften des Jahres 2005 sind schon verwelkt, bevor sie das Jahr überhaupt begonnen hat. Das Wachstum der BRD ist im 3. Quartal 2004 auf 0,1 Prozent, in der Euro-Zone auf 0,3 gesunken und scheint ganz zum Stillstand zu kommen.

In Wahrheit ist die Krise des Wachstums eine tief sitzende strukturelle und säkulare, die von der flach gewordenen konjunkturellen Entwicklung nicht mehr überwunden werden kann. Auf dem Produktivitätsniveau der dritten industriellen Revolution wird die Hürde für rentable Neuinvestitionen immer höher und die Produktion immer arbeitsärmer. Globale Überkapazitäten und entsprechende Stilllegungsprozesse - siehe Opel und Karstadt - sind die Folge. Und eine neue, relativ arbeitsintensive und wachstumsstarke Basistechnologie ist nicht in Sicht. Im Gegenteil, die Rationalisierungspotenziale der Mikroelektronik sind noch lange nicht ausgeschöpft. Auch das vermeintliche chinesische Wachstumswunder ist nur dem niedrigen Ausgangsniveau der Wirtschaftsleistung pro Kopf geschuldet und überdies einseitig von den astronomischen Außendefiziten der USA abhängig. Beim Übergang vom extensiven zum intensiven Wachstum wird auch in China die Kurve steil abfallen, ganz abgesehen von den Risiken der Exportindustrialisierung als Drehscheibe in der Wertschöpfung westlicher transnationaler Konzerne.

In Europa werden zwei äußere Faktoren für den erneuten Schwächeanfall des Wachstums verantwortlich gemacht, nämlich der hohe Ölpreis und der hohe Euro-Kurs gegenüber dem Dollar als Gift für die Exporte. Aber auch diese Wachstumshemmnisse sind strukturell bedingt. Die Exploration neuer großer Ölfelder gehört der Vergangenheit an, das Nordseeöl geht zu Ende und die vorhandenen Förderanlagen sind längst unterinvestiert - nicht zuletzt weil sie allesamt in globalen Krisenregionen stehen. Der Ölpreis wird langfristig eher weiter steigen. Noch alarmierender ist der Sinkflug des Dollar. Das blinde Vertrauen der internationalen Finanzinvestoren in die letzte Weltmacht beginnt zu bröckeln, sicherlich auch im Gefolge des Irak-Desasters. Der immense Importsog, mit dem die USA den Warenüberschuss der Welt aufnehmen, ist jedoch ganz vom permanenten Zufluss internationalen Geldkapitals abhängig. Wenn der Dollar weiter verfällt, wird dieser Zustrom gefährdet, und den USA droht ein Finanzkollaps größten Ausmaßes. Sollte dieses Szenario wahr werden, wird die Weltwirtschaft in einen Strudel geraten, der weit über die Wachstumsschwächen von heute hinausgeht. Kapitalversagen wäre dann wohl eher der passende Begriff.


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00:00 19.11.2004

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