Kaputter Fahrstuhl

Zukunft Die Eltern hatten sichere Jobs und einen sorgenden Sozialstaat. Und die Jüngeren? Werden diesen Wohlstand wohl nicht mehr erreichen, heißt es immer häufiger. Ein Szenario
Bernd Kramer | Ausgabe 07/2017 8
Kaputter Fahrstuhl
Wie kann Gerechtigkeit zwischen verschiedenen Generationen aussehen?
Illustration: der Freitag

Deutschland, 2057. In unserem Kalender steht ein Termin für den kommenden Dienstag, 9 Uhr morgens, Amt für Altersfragen, Angela-Merkel-Allee 23, Zimmer 175. Die Ruhestandsmusterung. Wir sind nervös. Die Älteren unter uns erinnern sich noch dunkel daran, dass es früher in ihrer Jugend einmal etwas Ähnliches gab. Ein jeder hoffte, er würde durch irgendein Versehen verschont, aber früher oder später bekam jeder junge Mann den Brief vom Kreiswehrersatzamt. In den Schulklassen kursierten Tipps, wie man die Musterung im gewünschten Ergebnis manipulieren könne. Soll man am Tag vorher Drogen nehmen – und wenn ja, welche? Was müsste man sich in den Urin schütten? Es ist jetzt nicht viel anders als damals.

Tobias, unser Arbeitskollege, will irgendwo im Netz etwas über Codes gelesen haben, mit denen sich die vollelektronischen Prothesen vorübergehend so hacken ließen, dass es aussieht, als wäre man wirklich schlecht zu Fuß. Nina klagt darüber, dass sie die Ruhestandsmusterung schon zweimal beantragt hätte und immer mit negativem Bescheid zurückgeschickt wurde: „Erwerbsfähig im Umfang von 23 Stunden pro Woche“. Der Amtsgerontologe verschrieb ihr Anti-Aging-Shakes und fünf Doppelstunden beim Gedächtnistherapeuten. Wenn sie Glück hat, wird ihr Chef die Behandlung immerhin bezuschussen.

Mit der vorletzten großen Reform 2042 wurde das feste Renteneintrittsalter abgeschafft und durch eine individuelle Begutachtung ersetzt. Pauschallösungen seien ungerecht und den Sozialsystemen nicht zuzumuten, hieß es damals. Man verwies auf die Fortschritte der Medizin. Noch vor ein paar Jahren schien die Wissenschaft kurz vor einem Durchbruch zu stehen, mit dem für eine Vielzahl von Menschen der Tod abgeschafft werden könnte. Die Euphorie hat sich als verfrüht erwiesen. Aber immerhin ist die Impfung gegen Demenz seit einiger Zeit Standard.

Ruhestand hat im Jahr 2057 ohnehin weniger mit dem Alter zu tun. Stefan zum Beispiel ist 74. Der Amtsgerontologe hatte ihm schon bei der routinemäßigen Musterung vor zwei Jahren den Berechtigungsschein für den Senioritätszuschuss ausgehändigt. Er arbeitet dennoch. Das Geld, das er erwarten könnte, würde kaum zum Leben reichen. Seine Anwartschaften sind niedrig, weil er in jüngeren Jahren ohne feste Stelle war und kaum in die Rentenkasse einzahlen konnte. Damals in den 2030er Jahren verloren viele Juristen ihre Arbeit, auch Stefan, weil seine Kanzlei entschied, dass der Großteil der Schriftsätze besser von einem Roboter erstellt werden könnte.

Am Rand der Exosphäre

Auf der anderen Seite gibt es die Jungen, die mit 49 schon ihren Beruf an den Nagel gehängt haben, ihr Leben als Privatier verbringen und sich die Zeit vertreiben mit Kurztrips an den Rand der Exosphäre, 900 Kilometer über den Erdboden, um von dort die Planeten zu bestaunen.

Manchmal blättern wir in den Fotos unserer Eltern, inzwischen digitalisiert und zu dreidimensionalen Hologrammen nachbearbeitet. Mama und Papa, mit dünnem grauen Haar, wie sie an der Reling eines Kreuzfahrtschiffes lehnen. Früher schien das Alter eindimensional und uniform zu sein, auch optisch. Mit 63, spätestens 65 war im Büro Schluss, die Kleidung wurde beige und die verbleibende Zeit genoss man auf ausgedehnten Reisen. Es wäre an der Zeit für den Vergleich. Würden wir mit ihnen tauschen wollen? Ihr Leben war anders, komfortabler in mancher Hinsicht, eingeschränkter in anderer. Aber hatten sie es damals besser?

Gehen wir ein paar Jahrzehnte zurück, 2037. Ein Freitagnachmittag im Büro, wir laden die Präsentationen auf das faltbare Tablet, stecken es in die Manteltasche und schauen auf die Uhr. Wir müssen uns beeilen, um den Zug zu erwischen.

Wir haben vor einigen Monaten eine neue Stelle angetreten, als Projektleiter in Hannover, zunächst befristet auf drei Jahre, sie verspricht Prestige, trotz ungeklärter Anschlussfinanzierung. Unter der Woche leben wir in einer Berufstätigen-WG der Kette Joblife, einem vor zehn Jahren gegründeten Start-up, das inzwischen in vielen deutschen Großstädten kurzfristige Apartments für befristet beschäftigte Arbeitsnomaden anbietet, mit Portier und selbstreinigen Laminatböden.

Jedes Wochenende fahren wir 400 Kilometer quer durchs Land, um unsere Lieben zu sehen. Es ist eine Fernbeziehung wie zu Studentenzeiten. Damals dachten wir noch, es handle sich um ein vorübergehendes Lebensmodell, bis sicher sei, wo man bleibe. Jetzt wissen wir, dass es eines auf Abruf ist, das immer wieder verfügbar sein muss.

Manchmal, in aller Hastigkeit zwischen zwei Zügen, telefonieren wir mit unseren Eltern, die längst aufgehört haben zu fragen, warum wir uns den Stress antun. Ihre Karrieren waren ein langsamer, stetiger Anstieg. Unser Vater hatte, als er in unserem Alter war, die Beförderung zum Abteilungsleiter geschafft. Er konnte sich seines Arbeitsplatzes sicher sein. In vielen Branchen gab es so etwas wie eine gefühlte Verbeamtung. Die letzten Raten für das Reihenhaus am Stadtrand waren abbezahlt, und wir, die fast volljährigen Kinder, sehnten dem Tag unseres Auszugs entgegen. Raus aus der beengten Spießigkeit, rein in die weite, offene Zukunft. Dass unsere Vorstellungen etwas naiv waren, begannen wir zu ahnen, als wir ein paar Jahre später mit Studienabschluss und unseren Sachen wieder im Reihenhaus unserer Eltern saßen.

In unseren Karrieren geht es mal einen Schritt zur Seite, mal einen nach hinten, dann plötzlich einen Satz nach vorn und schließlich wieder ein ganzes Stück zurück. Da ist zum Beispiel Julia, deren Job als Gymnasiallehrerin bedroht ist, weil ihre Schule verstärkt auf Selbstlernprogramme setzt. Man hat ihr eine Stelle als Supervisorin an einer anderen Schule angeboten, 200 Kilometer entfernt. Nur hat ihr Mann Alexander gerade einen unbefristeten Vertrag unterschrieben. Der Zickzack verkompliziert sich dadurch, dass wir ihn doppelt choreografieren müssen, damit der Schritt zur Seite des einen nicht zum Schritt nach unten des anderen wird. Was man in die private Altersvorsorge stecken könnte, fließt in Bahntickets und doppelte Mieten.

Die Bundesregierung hat Anfang 2037 gerade eine weitere Rentenreform beschlossen, ohne größere Debatte. Ökonomen haben kürzlich ein neues Konzept namens Senioritätszuschuss eingeführt, das Politiker aller Parteien als interessant beurteilten, wenngleich einige vor einer weiteren Zunahme der Altersarmut warnten. Auf wundersame Weise fühlt sich das Thema immer noch so weit weg an wie damals, als wir Ende 20, Anfang 30 waren und die Warnrufe der Versicherungswirtschaft ignorierten, wir müssten jetzt dringend über einen, wie es damals so kurios hieß, sogenannten Riester-Vertrag nachdenken. Unsere Planungshorizonte sind mit der Zeit nur unwesentlich länger geworden. Das Durchwursteln ist für uns der Dauerzustand.

Erben und nicht erben

Vor Jahrzehnten warnte man, dass die Digitalisierung Millionen Jobs vernichten könnte. Dass nicht nur einfache Tätigkeiten durch kluge Maschinen ersetzt werden könnten, sondern auch die Denkarbeit der Akademiker. Die Arbeit stürbe aus. Es ist anders gekommen. Die Jobs ändern alle paar Jahre ihre Form. Unsere Kinder schauen nur verständnislos, wenn wir ihnen erklären, dass es früher mal einen Beruf gab, der sich Social-Media-Manager nannte.

Dabei gibt es manche, die die ständigen Umwälzungen sehr viel gelassener nehmen können. Wir hatten lange nicht geahnt, wie groß die Unterschiede zwischen uns innerhalb derselben Generation sind. Bis zu jenem Klassentreffen. Da saß zum Beispiel Charlotte – auch sie wie wir mit einem typischen, stets gefährdeten Mittelschichtsjob. Aber nach ein paar Gläsern Wein ließ sie den Grund ihrer Unbesorgtheit durchblicken. Vor einigen Jahren hatten ihre Eltern ihr einen Aktienfonds übertragen, sie schenkten ihr eine Eigentumswohnung im schicken Neubau und dazu noch ein weiteres Apartment, aus dem sie nun Mieteinkünfte erzielt.

Wir haben uns erschrocken, als wir das Einladungshologramm gelesen haben: 30 Jahre Abi, so lang ist das schon her. Und jetzt sitzen wir hier in diesem Restaurant am Ort unserer Jugend zusammen und merken, wie prägend die Umstände von damals immer noch sind.

Nach dem Abitur hatten wir gedacht, unsere Herkunft endgültig hinter uns zu lassen. Es mochte ja sein, dass wir unseren Schulerfolg auch den Eltern verdankten, ihrer Wachsamkeit, ihren Bemühungen, den Nachhilfestunden, die sie bezahlten. Aber mit dem Abschlusszeugnis in den Händen sollte es keine Rolle mehr spielen, wer unsere Eltern sind. Jetzt meinten wir, endgültig Herr unseres Lebens zu sein. Und nun, nach 30 Jahren, sitzen wir zusammen und unser Bild einer Arbeitsgesellschaft, in die wir meinten, nach der Schule entlassen worden zu sein, hat sich längst überblendet mit dem einer neuen Ständeordnung. Plötzlich, mitten im Leben, entscheidet wieder die Geburt über die Chancen des Einzelnen.

Allein bis zum Jahr 2024 werden 3,1 Billionen Euro vererbt, hatte das Deutsche Institut für Altersvorsorge einst vorausberechnet. Der Reichtum wird dabei höchst ungleich über die Nachkommengeneration ausgeschüttet: Ein Drittel des gesamten vererbten Vermögens fällt auf die obersten zwei Prozent der Erbschaften. Wenige bekommen fast alles, viele nichts, manche allenfalls ein Reihenhaus in der Kleinstadt, das einst ein Inbegriff war für den geglückten Aufstieg, das jetzt aber nichts mehr wert ist, weil Geld und Leben längst in den Metropolen sind.

Aber Erben ist auch eine ambivalente Angelegenheit, vor allem für die, die es nicht als Kinder des Großbürgertums seit Generationen gewohnt sind. Manch einer leidet still an dem Gefühl, wie ein Parasit von einer vergangenen Zeit zu zehren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebte Deutschland ein enormes Wirtschaftswachstum. Die Kaufhäuser füllten sich – und auch die Gymnasien und Universitäten. Soziologen entwarfen die Metapher des Fahrstuhls: Die ganze Gesellschaft wurde um Etagen höher gehoben. Bei aller Ungleichheit, die es weiterhin gab, sprang in der Summe für die meisten mehr heraus. Mehr Wohlstand. Mehr Bildung. Mehr Gesundheit. Mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Die Großeltern ruinierten ihren Körper noch auf Äckern und in Kohlegruben. Die Eltern, mit mittlerer Reife, wurden schon Versicherungsvertreter oder Arzthelfer. In unserer Generation hat nahezu die Hälfte eines Jahrgangs studiert.

Sozialforscher wissen, dass auf Phasen des Aufstiegs Stagnation folgen kann, dass für kommende Generationen irgendwann wieder die Abstiege häufiger werden, weil der Fahrstuhl schon weit gefahren ist und es nicht mehr viel höher geht. Ist das unfair?

Wir entdecken ein altes Buch aus dem Jahr 2013, geschrieben vom Politikwissenschaftler Jörg Tremmel von der Universität Tübingen. Viele klassische Kriterien der Gerechtigkeit greifen nicht, schreibt er, wenn man sie auf das Verhältnis zwischen den Generationen anwendet. Wenn ein neues Medikament gegen eine schwere Krankheit entwickelt wird, dürfen wir uns darüber empören, dass Patienten in armen Ländern sich das teure Präparat nicht leisten können. Aber zu verlangen, dass auch den Menschen des 19. Jahrhunderts die Behandlung zustehen sollte, wäre unsinnig.

Weil jede Generation auf die Errungenschaften der vorherigen aufbaut, haben die Älteren gegenüber den Jüngeren zwangsläufig das Nachsehen. Es ist unmöglich, alle Generationen gleichzustellen. Daraus folge aber auch, dass folgende Generationen nicht hinter die vorherigen zurückfallen sollten. Generationengerechtigkeit heißt, dafür zu sorgen, dass es jeder künftigen Generation besser ergehen kann.

Nur scheint der Vergleich zwischen den Generationen auf komplizierte Weise verschränkt zu sein mit dem Vergleich innerhalb der Generation. Wann ist die Bedingung erfüllt? Wenn wir heute mit mehr Sorgen in die Zukunft schauen als unsere Eltern, uns dafür aber bald schon einen billigen All-in-Urlaub auf dem Mond gönnen können? Reicht es, wenn eine Tochter in der unteren Mittelschicht des Jahres 2037 komfortabler lebt als ihr Vater in der oberen des Jahres 2017? Muss man heute dafür streiten, dass die Chancen auf den Abstieg so gerecht verteilt sind, wie man es einst für die Chancen auf den Aufstieg verlangt hat?

0,46 Prozent Wachstum

Die Konjunktur läuft gut im Jahr 2037, die Sachverständigen erwarten ein Plus des Bruttoinlandsproduktes von 0,46 Prozent. Viel mehr ist in den alten Industrienationen kaum mehr möglich. Dass der Wohlstand langsam wächst, verschärft aber die Frage, wie er verteilt werden sollte.

Ökonomen prognostizieren, dass die Ungleichheit im 21. Jahrhundert in den alten Industrienationen drastisch steigt. Auf jede Generation scheint eine zu folgen, die noch ungleicher ist. So hatte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schon im Jahr 2014 errechnet, dass die Lebenseinkommen des Geburtsjahrgangs 1972 im Alter von 40 Jahren doppelt so ungleich verteilt sind wie die Einkommen, die der Geburtsjahrgang 1935 im selben Alter erreicht hatte. Für uns, die wir in den 80er Jahren zur Welt kamen, zeigte sich in den Nachfolgeuntersuchungen bald eine noch deutlichere Kluft. Geht es uns besser als unseren Eltern? Schlechter? Vor allem ist unsere Generation deutlich gespaltener.

Wenn unsere Eltern uns besuchen, wenn sie aus der Kleinstadt anreisen, um ihren Enkeln Geschenke zu bringen, staunen sie zwar über unsere technologisch hochgerüsteten Wohnungen. Über den Kühlschrank, der selbstständig Essen nachbestellt und unsere Ernährung überwacht. Über den automatisierten Herd, der ohne unser Zutun Gerichte zubereitet, sobald wir ihm auf dem Nachhauseweg per App das Startsignal geben. Und über die Hoverboards, die sich ihre Enkel von ihnen zu Weihnachten wünschen.

Diese Dinge kannten wir nur aus Science-Fiction-Filmen, sagen sie, älter geworden, staunend, und verständnislos für die Neuerungen, die sie überfordern würden.

Dafür hatten wir nie die Gewissheiten, die Sicherheiten. Das Gefühl, dass die Zukunft nicht nur technische Erleichterungen bringt, sondern auch ein Gefühl von Fortschritt, vom Vorankommen, vom Ankommen. Hatten sie es damals besser?

Blicken wir noch einmal auf Deutschland im Jahr 2017 zurück. Das war’s schon wieder. Ein weiterer Zeitvertrag war ausgelaufen, wieder nicht Fuß gefasst, alles auf Anfang. Wir hatten geahnt, dass der Berufseinstieg nach der Uni schwierig würde. Dass wir nicht einfach mit der Masterurkunde in der Hand einen Job antreten und dort für den Rest des Lebens bleiben würden. Aber so schwierig? Liegt es an uns? Oder an den Umständen?

Zumindest gibt es viele, denen es ähnlich ergeht. Stefanie promoviert mit Halbjahresverträgen an der Uni. Jan schlägt sich nach dem Volontariat in einem Buchverlag als freier Lektor durch. Und Katharina, die ein halbes Jahr nach dem Abschluss dann doch eine unbefristete Stelle als Analystin bei einer traditionsreichen Bank fand, hat von ihrem Abteilungsleiter vor zwei Wochen einen Aufhebungsvertrag auf den Schreibtisch gelegt bekommen. Das Haus muss beim Personal sparen, und bei dem geltenden Kündigungsschutzrecht ist es am günstigsten, wenn zuerst die Jüngsten gehen.

Wie war das noch gleich mit der Generation Y, von der vor einigen Jahren überall die Rede war? Die jungen Erwachsenen, hieß es, würden heute unbescheiden wie nie in die Arbeitswelt aufbrechen. Sie diktierten den Chefs schon im Vorstellungsgespräch ihre Wünsche. Bitte ein Sabbatical. Bitte Home-Office. Bitte Teilzeit, wegen der aufwendigen Hobbys. Ich will. Ich will. Ich will. Den Generationen vor ihnen wäre das nicht im Traum eingefallen.

Personalberater haben fleißig an dieser Geschichte gestrickt, aber so richtig stimmig war sie nie. Sie stimmte nicht für die rund zwei Millionen Menschen zwischen 20 und 34 Jahren, die dem Bundesinstitut für Berufsbildung zufolge ohne jeden Abschluss sind, immer noch knapp 14 Prozent einer Generation. Selbst unter Akademikern befindet sich nur eine Minderheit in einer so komfortablen Verhandlungsposition, dass sie dem Arbeitgeber jedes noch so vermessene Goodie aus den Rippen leiern kann. In Wahrheit sind es die Personalbosse, die uns die maximale Flexibilität diktieren. Nur dass die Generation Y die schöne neue Arbeitswelt bitte als etwas verstehen soll, was in ihrem Interesse liegt.

Zurück im alten Zimmer

Folgt man den Zahlen des Deutschen Gewerkschaftsbundes, dann jobbt mehr als ein Viertel der Beschäftigten unter 35 Jahren in sogenannten atypischen Arbeitsverhältnissen, bei den unter 25-Jährigen ist es die Hälfte. Von Leiharbeit und Befristung sind junge Beschäftigte dreimal so häufig betroffen wie ältere.

Man hört in letzter Zeit häufiger, dass die Jüngeren den Wohlstand ihrer Eltern nicht mehr erreichen werden. Dass sie es nicht mehr automatisch besser haben werden, vielleicht als eine der ersten Generationen seit langem. Für die pessimistische Prognose spricht einiges. Das Gute an ihr ist aber: Es ist nur eine Prognose. Wird es für uns besser? Schlechter? Nur anders? Ist die Entwicklung unaufhaltsam? Die Bilanz wird man erst später ziehen können.

Das Erwachsenwerden zieht sich heute unerwartet lang hin. Wir sind Ende 20, Anfang 30, und sitzen im Reihenhaus unserer Eltern in unserem alten Zimmer. Sie ließen nach dem Abitur doch etwas länger unser Bett stehen. Und wir sind nun zurück wie angeschwemmtes Strandgut. Wird schon, sagt unsere Mutter, es ist heute eben schwieriger reinzukommen in den Arbeitsmarkt, aber ihr habt studiert und Praktika gemacht, das hatten wir nicht. Zur Not sind wir auch noch da, sagt unser Vater.

Ihre Fürsorgebeteuerungen, ahnen wir, könnten schnell wie eine Drohung klingen. Nun macht mal. Kann doch alles nicht sein. Wir formulieren in Gedanken das nächste Bewerbungsschreiben. Wir legen uns die Sätze zurecht, bis wir selbst an die Begeisterungsfähigkeit glauben, für die wir uns preisen. Diesmal klappt es bestimmt.

Bernd Kramer ist Jahrgang 1984. Bisher hat er die Briefe der Rentenkasse mit der Prognose seiner zukünftigen Rente noch meist ignoriert

06:00 15.03.2017

Kommentare 8

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community