Kärrner

Linksbündig Der Fall von DaimlerChrysler führt zu einer Anpassung der Werte

Illustriert der Casus Schrempp nun die Klemme, in der das deutsche Kapital steckt, oder ist alles nur ein Missverständnis? Kaum wurde bekannt, DaimlerChrysler werde den maroden Ableger Mitsubishi nicht weiter alimentieren, schossen in der Presse Spekulationen ins Kraut, auch der Abschied vom problematischen Partner Chrysler sei nur eine Frage der Zeit, und dann werde sich Daimler ganz auf das ertragreiche Geschäft mit der schwäbischen Wertarbeit konzentrieren. Zuhause ist es doch am schönsten. Ist die Globalisierung also nur ein bedauerlicher, weil verlustreicher Irrtum? Wenn ein heimischer Aktionär die gesammelten Artikel der großen Zeitungen liest, kann er nicht anders als den Abschied von Schrempps Vision einer Welt-AG begrüßen, die Übernahmen der letzten Jahre verfluchen und einen auf den Nationalstaat und seine Schmuckstücke trinken.

Behalten nun alle recht, die die Globalisierung zu einem großen Teil für eine Propaganda des Kapitals halten, um das Sozialdumping besser legitimieren zu können - oder geht es nur wieder mal zwei Schritte vor und einen zurück? Die Stänkereien gegen den Daimler-Chef, einst Manager des Jahres, nun ein überheblicher Wurstel und von der Zeitschrift Business Week zum "schlechtesten Manager der Welt" gekürt, enthalten einen Vorwurf, den niemand sich traut auszusprechen.

Der Name des aktuell Vielgeschmähten ist eng verbunden mit der Ambition, eine Welt-AG zu schmieden, also sich sowohl in den Vereinigten Staaten festzusetzen (Chrysler) wie in Asien (Mitsubishi). Der Vorwurf lautet nun nicht, dass dieser Plan falsch war, sondern dass er nicht realisiert wurde. In kaum einem Artikel fehlt der Hinweis auf die Klitsche Mitsubishi, die der Stuttgarter Konzern sich andrehen ließ, wohingegen die Franzosen von Renault mit Nissan den besseren Deal einfädelten. Mitsubishi figuriert in den Kommentaren als eine Art Sozialhilfeempfänger, der umgehend in die Eigenverantwortung entlassen werden muss.

Auch wenn die Botschaft jetzt in bodenständiger Bigotterie lautet: Draußen in der Welt stecken die Verluste, daheim die Rendite, ändern sich nicht Tendenz und Strategie, nur, zumindest vorübergehend, der Tonfall und das Kleingedruckte. In der Financial Times Deutschland zum Beispiel stehen ganz erstaunliche Sätze: "Nun liegt es in der Natur unternehmerischen Schaffens, dass Pläne scheitern können". Wer sich hier noch die Kalauer verkneift, kann wenige Zeilen später nicht mehr anders: "Verbal genial, real fatal, geschmeidig in Worten, nachlässig in Taten". Ein nachgelassenes Fragment von Ernst Jandl? Wenn die schlechte Laune der Analysten zu dieser Form der Poesie führt, können wir nur hoffen, dass bald der Aufschwung kommt.

Mindestens so ärgerlich wie die Fehler des Schrempp sind für die Kommentatoren Visionen. Große Pläne, weltumspannende Fusionen, dieser ganze Size-matters-Fetischismus ist out. In sind dagegen mühsame Kleinarbeit und knochenharte Arbeit. Unhistorisch ist das allemal. In der Zeit der New Economy (ein Wort übrigens, das völlig verschwunden ist; wer es noch gebraucht, muss ein nachtragender Linker sein), Mitte der neunziger Jahre, war es vernünftig, irrational zu sein und zu überhöhten Preisen fragwürdige Unternehmen zu kaufen. Ohne Visionen hätte es keinen Shareholder Value gegeben. Aber weil das Überangebot an Visionen zu einer gesunkenen Nachfrage geführt hat, findet eine Anpassung der Werte statt. Schließlich lässt sich "knochenharte Arbeit" in einer Zeit besser verkaufen, in der so manch ein Visionär sich juristisch verantworten muss und das verbliebene Arbeitsvolk mehr und lebenslänger schuften soll.

Nicht die neoliberale Globalisierung wird hier also zur Disposition gestellt. Vielmehr befinden wir uns nach 1945 immer noch in der, wie es der linke Ökonom Doug Henwood beschrieben hat, dritten, bislang letzten Phase der Globalisierung. Lediglich die Details ändern sich. Visionen werden aktuell nur dann zugelassen, wenn sie von Renditen gedeckt sind. Außerdem sollen die Global Player bei ihren Feldzügen etwas genauer hinsehen, denn wenn sie wie bisher das Geld verjubeln, werden in den Zeitungen wieder lauter Artikel über die Schönheit des eigenen Ländchens stehen.

P.S: Eines wurde in der aufgeregten Debatte natürlich wieder übersehen. Was produziert Daimler eigentlich? Vorzugsweise schnelle Luxusautos, auf denen leider noch nicht, wie auf Zigarettenpackungen, der Hinweis steht, dass sie für andere tödlich sein können und der Umwelt einen beträchtlichen Schaden zufügen. An das Naheliegende denkt wieder keiner.


00:00 07.05.2004

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