Kartoffellese

Berliner Abende Eben war noch Sommer. Und man ist so jung. Was ist das Schönste an jenen brütend heißen Feriensommertagen? Mit dem Fahrrad in entlegene Strandbäder, ...

Eben war noch Sommer. Und man ist so jung. Was ist das Schönste an jenen brütend heißen Feriensommertagen? Mit dem Fahrrad in entlegene Strandbäder, mittags mit tropfenden Haaren unterm Baum und essen. Schinkenbrote, Äpfel und der obligate Tee mit Zitrone, mein Bruder und ich. Unser Freund sitzt da. Ein Einmachglas mit Kartoffelsalat auf dem Schoß. Hm, die grünen Gurkenstückchen hinter dem bläulich schimmernden Glas! Bin ich neidisch! Ganz oben hat seine Mutter drei hartgekochte Eier draufgelegt. So liebte ich die Kartoffel. Doch wie hasste ich die öde Salzkartoffel, die ich zuvor aus einem muffig riechenden Holzverschlag im Keller holen musste. Entkeimen, waschen und schälen, lautete stets der Tagesbefehl. Augen ausstechen nicht vergessen.

Eben war noch Mittag. Nun ist schon Abend. Bald kommt die runzlige Nacht. Nachts wachsen die Schatten. Unter dem S-Bahnbogen pflegt man den Artenschutz. Im Club Weitzmann hält man Kartoffellese. Und ich grüble, ob seit Pasta, Sushi, Saltimbocca, die Kartoffel schon zu den bedrohten Sorten zählt. Hier wird sie gelesen, gekocht, gegessen, gefeiert.

Nichts wird so heiß erinnert, wie´s gekocht wird? "Essen ist erinnern", sagt der Küchenchef. Er ist sehr dünn. Dann zittert der Kronleuchter unter dem Bogen. Die S-Bahn rumpelt. Die "Swinging Potatoes" singen die Knollenmoritat. "Heidi, Heida. Kartoffel aus Amerika". Clivia, Grata, Olympia. Schrumm, schrumm macht das Harmonium.

"Und indem ich ein ding auf vielerlei art zu geben mich befleisze...". Dies Opitzsche Motto leuchtet plötzlich über meiner Salzkartoffelwüste wie Las Vegas in Nevada. Gelesen wird, was auf den Tisch kommt. Solanum tuberosum, Knolle, Bolle. Ob früh, ob mittelfrüh, auch mittelspät und spät: Alles Nachtschatten. Einst vom Himmel schaute Gott / regnet er uns Mannabrot?" Nein oh Wunder, nur Kartoffeln, merkt der Dichter. Und Herr Franke von der "Roten Grütze" lässt es weiter regnen: Geschichten, Anekdoten und Proverbia. Leicht hat der Leuchter einen in der Krone und schwankt. Aber kein Manna, keine Kartoffeln! Es ist nur die S-Bahn, die über den ächzend hungrigen Mägen rattert. Schweiß perlt auf geröteten Stirnen. Nachdem man ist, was man isst, wie Feuerbach mault, sind wir heute Abend alle Kartoffeln. Backkartoffeln. Die Pelle schwitzt. Die Zunge klebt am Gaumen. Kartoffelwasser netzt die durstigen Kehlen. "Wer die Kartoffel hat, hat alles", rezitiert der Rezitator. Wir wollen alles, röchelt´s leise und entkräftet vor der Bühne. Mancher schaut schon kannibalisch: Wir wollen Clivia, Grata, Sieglinde! Gekocht, gestampft, geröstet! Am Spieß, im Nest, mit Tafelspitz. Genug vom Ohrenschmaus! Wer hört die Mägen knurren? All diese leeren Mägen, die sich sträuben, wohlgesetzte Tartuffeltexte in ihren feinsten syntaktischen Fasern zu genießen. Ein Blech fällt scheppernd, Töpfe klappern hinterher. Der Speisemeister winkt mit dem Löffel, der Rezitator rezitiert. Er lobsingt uns von Clara, Spunta, Monalisa. Wir woll´n sie essen. Er berichtet von Pizzaros Mannen. Eine Pizza wär jetzt prima, spricht der Gast und verflucht die Kunst.

Doch dann geht´s los. Der Koch wird zum Propheten. Erdäpfel, Krombira rheinisch hin, schwäbisch her, da fiel´s mir ein, wie in Bernstein gegossen: Strandbad, Einmachglas, Kartoffelsalat. Ach ja. So war´s. Augenpaare beginnen zu leuchten. Volle oder artig geleerte Münder erzählen sich Geschichten. Getauscht wird Summ-Diät gegen schimmlige Kartoffelklöße. Himmel und Erde mit verhassten Rührkartoffeln. In den Düften wabern Anekdoten und Kindheitslegenden. An was man sich plötzlich erinnert! Prost! Was einem einfällt, wenn die Geschmacksnerven gekitzelt und bespitzelt werden, Nasdarowje! Der Mantel der Geschichte leert seine Taschen auf die Teller: Das nennt man wahrlich oral history. Der Vortragskünstler drängt zum Buch. Er kämpft ums Wort. Er hebt seine Stimme. Murmelnde, kichernde, schmatzende, vor Gelächter berstende Tischgesellschaften will er dressieren? "Aber bitte mit Majo", keckert die Runde und betrommelt den Tisch. Der Küchenchef schwenkt um die Ecke. Und Sheherazade liest. Und liest. Und liest aus ihrem Leben wunderbar. Ovationen rauschen. Dies ist des Künstlers Brot. Mehr will er davon. Und predigt tauben Ohren, halbgefüllten Bäuchen. Von der Botanik der Begierde!

Setzt ihn in ein Kartoffelnest. Nicht am Wort allein soll er sich delektieren! Nicht nur am Beifall sich berauschen. Lasst Kartoffelschnee auf seine Schultern fallen. Zeigt ihm den Himmel, lass ihn die Erde schmecken. Bringt ihn ins Paradies, wo sein Kartoffelherz soll in Zimt und Beeren schwelgen. Ja, einst wurde die Kartoffel mit Gold aufgewogen. Heute Abend mit Geschichten und Gedichten und Erinnerungen an die güldne Jugend.

00:00 04.10.2002

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