Kartoschka oder der gute Nussmix?

Die Kosmopolitin Unsere Kolumnistin findet, ihre Familie sei manchmal so unerwartet zusammenpassend wie Studentenfutter
Kartoschka oder der gute Nussmix?
Fachwerkhäuser sind beachtenswert, wenn man aus Russland kommt

Foto: Lukas Schulze/Getty Images

Ich sitze in der S-Bahn. Draußen liegt Schnee. Ganz wenig. Als trieze er uns nur. Auf diesem Müllhalter, der am Fenster hängt, diesem obligatorischen Müll-Behältnis einer S-Bahn, steht ein Pappbecher. Er ist rot, und er gehört mir. Daneben steht eine Packung Studentenfutter, der gute Mix, Nüsse und Beeren, getrocknete Cranberries und so. Den hat meine Mutter dahin gestellt. Für mich. Falls ich Hunger habe. Oder Hunger kriege. In der S-Bahn.

Meine Mutter und ich, wir fahren mit der S-Bahn nach Herrenberg. Herrenberg ist eines dieser kleinen süddeutschen Städtchen, ein Marktplatz, ein Kino, eine Apotheke und eine Pizzeria auf dem besagten Marktplatz, vielleicht ein Grieche, eine Drogerie. All das ist in Fachwerkhäuschen untergebracht, das ist wichtig. Wir sind wegen der Fachwerkhäuser unterwegs nach Herrenberg, nicht wegen der Apotheke, auch nicht wegen der Drogerie. Fachwerkhäuser sind beachtenswert, wenn man aus Russland kommt. Aus Russland kommt, beziehungsweise kam gestern, meine Cousine, sie ist auf Durchreise hier. Die Reise geht nach Österreich, Skifahren, das macht man, wenn man in Russland so tut, als würde man beinahe im Westen leben. Das ist nicht böse gemeint, nur ein vorsichtiger Gedanke. Meine Cousine hat ihre Familie mitgebracht, ihren Mann und die Zwillinge und die Skier. Und eingelegten Fisch aus Estland und französischen Champagner. Und diese kleinen russischen süßen Stücke, die mit Kakao bestäubt sind und wie Kartoffeln aussehen, sie heißen auch so, Kartoschka, die gab es schon in meiner Kindheit, als Russland noch ein Teil der Sowjetunion war. Auf die habe ich mich gestürzt, meine Kinder auch, obwohl sie noch nie in Russland waren, das ist ein großes Wort für sie, eines, das die Oma gerne erwähnt; ich glaube, sie stürzen sich meinetwegen darauf oder des Zuckers wegen. Meine Familie aus Russland lässt sie links liegen, dieses altsowjetische Erbe, diese unnötige Nostalgie.

Meine Familie ist kompliziert, wie Familien es zu sein pflegen, sie stammt aus einem Land und lebt diese unterschiedlichen Leben. Meine Eltern, die in Deutschland leben und sich ein bisschen oder sehr nach der geregelten Strenge des alten Systems sehnen, in dem es nicht viel zu essen gab, aber viel Liebe. Meine Cousine, die in Russland lebt und das alte System so absolut ablehnt, wie man das nur tun muss, wenn es immer noch nach einem greift. Und ich, die ich die Kakao-Kartoffeln aus der Sowjetunion vermisse und über Dinge nachdenke, die niemand aus der Familie versteht („Wovon handelt dein Theaterstück?“, fragte meine Cousine. „Von Feminismus“, antwortete ich. „Ach ja, klar, deine Themen.“). Weil meine Familie so kompliziert ist, braucht sie Stunden, um sich auf ein Ausflugsziel zu einigen – die Fachwerkbauten sind es geworden –, genauso lange, um zu beschließen, wie man dorthin kommt (wer nicht ins Auto passt, sind meine Mutter und ich, die nun in der S-Bahn sitzen), und ich weiß, die Diskussion, was und wo gegessen wird, steht noch bevor. Draußen liegt Schnee, ganz wenig. Ich habe mir einen Kaffee to go gekauft. „Wozu brauchst du einen Kaffee?“, rief mein Vater aus dem Autofenster hinaus, als ich auf dem Weg zur S-Bahn-Station zu einem Bäcker einbog. „Du hättest doch zu Hause einen trinken können.“ Der rote Kaffeebecher steht auf dem Müll-Behältnis, daneben die Nüsse und Beeren. Die sind wie eine Familie, eine, in der man an sonderbaren Orten nebeneinandersteht. Passender- und unpassenderweise.

Die deutsch-russische Autorin Lena Gorelik schreibt als Die Kosmopolitin über interkulturelle Begebenheiten für den Freitag

06:00 03.03.2019

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