Karzai - gestreichelt und geküsst

Afghanistan Vor der für Juli geplanten Kandahar-Offensive ist der Präsident wieder als Partner der Amerikaner gefragt, auch wenn seine Loya Jirga kein großer Durchbruch war

Ob diese Große Ratsversammlung vom Juni 2010 ein Wendepunkt in der Geschichte Afghanistans war, wie UN-Generalsekretär Ban Ki-moon hofft, oder letzten Endes nur eine Farce blieb, wird die Zukunft weisen. Auf jeden Fall gab dieses nationale Konzil sein Plazet für Hamid Karzais nationales Versöhnungswerk: Er darf die niederen Ränge der Taliban mit Amnestie, Jobs und Sicherheitsgarantien reintegrieren – er soll die höheren Ränge an den Verhandlungstisch führen. Die Antwort der Aufständischen fiel ernüchternd aus. Während der Gastgeber im vollklimatisierten Riesenzelt unter dem Schutz eines 12.000 Mann starken Sicherheitskorps sprach, schlugen keine 200 Meter entfernt Taliban-Raketen ein.

Auf einem anderen Feld hingegen scheint die Versöhnung fast perfekt. Als Hamid Karzai Mitte Mai zum Staatsbesuch nach Washington flog, galt im Weißen Haus die Parole: Respekt zeigen! Prompt wurde mit Ehrenbezeigungen nicht gespart. Der Präsident, den US-Diplomatie und -Medien zuletzt nach Herzenslust abwatschen durften, nahm Streicheleinheiten und Küsse mit königlicher Würde entgegen. Eine Phase des öffentlich ausgetragenen Konflikts mit der US-Regierung schien passé, weil das kontraproduktiver nicht sein kann.

Angereist mit einer Entourage aus zwölf Ministern, empfahl sich Karzai als verlässlicher Partner, wie ihn Obama dringend braucht, um bei seinen Abzugsplänen bleiben zu können. Es geht zunächst um die Operation Hoffnung, den Sturm auf Kandahar im Juli und damit die größte Militäraktion in Afghanistan seit 2001. Sie muss durch Zustimmung aus Kabul legitimiert werden, weil mit opferreichen Gefechten zu rechnen ist. Noch Mitte April gab Karzai den Widerständigen, er wolle nur tun, was die Bewohner Kandahars von ihm erwarteten – und das sei mitnichten ein Feldzug, durch den ihre Provinz zum Schlachtfeld werde.

Als Fingerübung gedacht

Sollte ihn Obama nun umgestimmt haben, ergeben sich zwei Konsequenzen: Der Präsident kann auf keiner Welle des afghanischen Nationalismus mehr reiten, als Verhandlungspartner der Taliban ist er gleichfalls verbrannt, die Loya Jirga vermittelte eine Ahnung davon. Mit gestutzten Flügeln sitzt Karzai im Käfig der Amerikaner und frisst ihnen aus der Hand. Es war daher keine gelungene Werbung für die Mission Hoffnung, als Außenministerin Clinton in Washington versicherte, Kandahar solle kein Falludscha werden (die Stadt des Aufruhrs im Irak wurde 2004 von US-Truppen weitgehend zerstört, um sie zu „retten“). Der Vergleich spricht Bände.

Nachdem die als Fingerübung gedachte Operation im Raum Marjah ein Misserfolg war, hat sogar das Pentagon begonnen, an General McChrystals neuer Strategie zu zweifeln. In Marjah sind die Taliban zurückgekehrt und das mächtiger als zuvor. Auch ist mit der dortigen Regionalführung kein Staat zu machen, hat doch der unter ISAF-Schutz installierte Distriktchef Abdul Zahir wegen versuchten Totschlags vier Jahre in einem deutschen Gefängnis gesessen.

Über die mit großem Enthusiasmus verkündete neue Haltung der US-Militärs gegenüber der Bevölkerung und die angekündigte Sicherheitszone, die schon bald 85 Prozent der Provinzen Helmand und Kandahar umfassen soll, herrscht derzeit eisiges Schweigen, auch im Pentagon-Report über die Lage am Hindukusch vom 26. April. Der freilich bescheinigt General McChrystal Erfolge in einer anderen Kriegs-Disziplin: den Special-Forces-Operations. Kein Wunder, der Mann war schließlich Chef des entsprechenden Kommandos im Irak, bevor ihn Barack Obama zum obersten Kriegsherren in Afghanistan bestellte, also setzt er jetzt auf massierte Drohnen-Angriffe gegen die Köpfe der Taliban in Pakistan und gegen niedere Ränge lokaler Taliban in Afghanistan. In Kandahar ist McChrystal bereits stillschweigend an der Arbeit und lässt Enthauptungsschläge führen, um dem Gegner jede Führung zu nehmen.

Schüsse ins Blaue

Die berüchtigten Nachtangriffe auf Dörfer, bei denen man Taliban-Kommandeure zu töten hofft, haben einen entscheidenden Nachteil. Man zielt mit tödlichen Waffen ins Blaue und trifft oft Bauern, Frauen und Kinder statt Taliban. Weder US-Armee noch ISAF verfügen über zuverlässige eigene Geheimdienstinformationen, sondern müssen sich blind auf das verlassen, was ihnen aus trüben Quellen zufließt. Und wenn ihnen ein Tribal-Chief für ein paar Viagra (das populärste Tauschmittel) einen „Taliban“ ans Messer liefert, kann es sein, dass es sich tatsächlich um den Angehörigen eines verfeindeten Stammes oder einen Geschäftskonkurrenten handelt. Im Mai 2009 berichtete Philip Alston, Afghanistan-Berichterstatter der UNO, von Privatagenturen, die Killer-Aufträge entgegennähmen und von den Special Forces ausführen ließen – zuverlässig und gegen zweifache Bezahlung. Die nun intensivierten Special-Forces-Operationen in Kandahar verlassen sich ganz auf die von Ahmed Wali Karzai, dem in dieser Provinz allmächtigen Bruder des Präsidenten, kontrollierten Strukturen – neben der lokalen Administration, der Polizei und dem offiziellen Geheimdienst ist das vorrangig die Kandahar-Sektion des National Directorate of Security (NDS). Wali Karzai nutzt diesen Umstand, seine Feinde unter den Stammesältesten durch US-Militärs beseitigen zu lassen. Deren Operationen sind ganz auf seine persönlichen Machtansprüche zugeschnitten. So ist Wali Karzai, den Washington noch vor kurzem mit allen Mitteln aus Kandahar zu entfernen suchte, plötzlich zum wichtigen Kriegspartner geworden.

Ursula Dunckern ist seit 1998 Korrespondentin des Freitag für Südasien

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11:33 13.06.2010

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