Kasbeks rasiertes Kinn

Terrorbekämpfung auf Moskowitisch Nach dem Geiseldrama sehen sich viele Tschetschenen in der russischen Hauptstadt Schikanen und Repressalien ausgesetzt

Elimbajew sitzt auf dem Rücksitz des Taxis und erzählt. "1967 habe ich vier Monate als Choreograph in Ost-Berlin gearbeitet, auch im Friedrichstadtpalast. Die hatten ein Ballet mit Mädchen, die alle zwei Köpfe größer waren als ich. Jede Woche war ich in eine andere verliebt." Elimbajew lächelt wie ein italienischer Philosophieprofessor, der sich an eine verflossene Jugend erinnert. Doch was nutzen Tapa Elimbajew (57) alle internationale Reputation und der Titel Verdienter Kulturschaffender der Russischen Föderation - er ist und bleibt Tschetschene. Als er aussteigt, dreht mir der Fahrer sein blauäugiges Gesicht zu. "Hör mal Fritz" - er hält mich für einen Deutschen - "glaub dem kein Wort, das ist ein Tschetschene, für die ist ein Tag, an dem sie keinen betrogen haben, ein Unglückstag." Elimbajew steht derweil draußen im eisigen Moskauer Regen und wartet.

Die Geiselnahme im Musical-Theater an der Melnikowa-Straße ging für Russland mit einem blutigen Sieg zu Ende, Moskau weiß nicht, soll es jubeln oder trauern? Nur eins ist klar: Büßen müssen die Tschetschenen - 150.000 sind offiziell in Moskau registriert, Zehn-, wenn nicht Hunderttausende leben ungemeldet, also illegal, in der Stadt. Elimbajew kennt viele davon. Vor drei Jahren gründete er seine Volkstanzgruppe, 100 Kinder bis zum Alter von 14 Jahren, deren Auftritte in Moskau, Kasan oder Petersburg inzwischen Begeisterungsstürme entfachen.

Auf dem Küchentisch dampfen Schüsseln mit Dschischig Galnisch: tschetschenische Spätzle, Rindfleisch und Knoblauchbouillon; außerdem eine Flasche Wodka und erzrussischer Heringssalat. "Lass uns", sagt Elimbajew, "auf die Völkerfreundschaft anstoßen."

Die Moskauer Tschetschenen gehen unterschiedlich mit der Katastrophe um. Viele wagen sich nicht vor die Tür, einige gehen nicht ans Telefon, Elimbajew versucht es mit Trinksprüchen. Heute vormittag wurden zwei seiner Neffen von der Kriminalpolizei abgeholt, zwei von 400 Tschetschenen, die nach Angaben des Blattes Wremja Nowostoj nach dem Geiseldrama vorübergehend festgenommen wurden.

Böse Gerüchte kreisen. Tschetschenische Frauen erzählen, jemand habe ein kaukasisches Mädchen unter einen Trolleybus gestoßen. An der U-Bahnstation Sokol sei ein Landsmann von Skinheads erstochen worden. In Twer und Tula sollen sich Schwarzhundertschaften zur "Vernichtung der Tschetschenen" formiert haben.

Halsabschneider oder Menschenhändler

"Jetzt ist die Hölle los, aber wir sind immer unter Druck." Kasbek ist Generaldirektor einer kleinen, jungen und erfolgreichen Moskauer Werbeagentur. "Viele von uns haben sich die Jackentaschen zugenäht, damit ihnen die Milizionäre kein Rauschgift hineinstecken können." Kasbeks silbergraues Siemens-Handy klingelt, seine georgische Geschäftspartnerin ruft von einer Polizeiwache an, sie sitze dort mit ihrem aserbaidschanischen Freund, weil der keinen gültigen Meldeschein habe. Zwei Stunden später sind die beiden wieder frei, für ein Schmiergeld von 300 Rubel. Terrorbekämpfung auf Moskowitisch.

Kasbeks schwere Kinnlade schimmert blau, er rasiert sich zweimal täglich, weil die Milizionäre gern dunkelhaarige Männer mit Bartstoppeln festnehmen. Es werde immer teurer in Moskau, Tschetschene zu sein. "Vor einem halben Jahr knüpfte dir die Miliz für einen fehlenden Meldeschein noch 50 Rubel ab, inzwischen zumeist 200", erzählt er. Und der Schmiergeldpreis für ein solches, maximal sechs Monate gültiges Dokument ist von 1.500 auf 3.000 Dollar geklettert.

"So wie das deutsche Volk für den Naziterror bezahlen musste, so muss jetzt das tschetschenische bezahlen", verkündet abends im Fernsehen der Kreml nahe Politologe Sergej Markow - ein äußerst schräger und katastrophaler Vergleich. Auch wenn Präsident Putin und Bürgermeister Jurij Luschkow öffentlich beschwichtigen, nicht alle Tschetschenen seien den Terroristen gleichzusetzen, die staatliche und halbstaatliche Propaganda hat das Feindbild längst groß an die Wand gemalt.

In der TV-Kriegsserie Männerhandwerk, in Kinofilmen wie Bruder oder Krieg legen aufrechte russische Recken treu- und ehrlosen Tschetschenen ihr Handwerk als Banditen, Halsabschneider oder Menschenhändler. "Die Tschetschenen sind keine Menschen, sondern Wölfe, sie leben jenseits aller moralischen Grenzen", sagt eine pensionierte Moskauer Ärztin. Antipathie gegen die Tschetschenen ist eines der wenigen Gefühle, das eine Mehrheit der Russen mit den Apparatschiki teilt.

Der 30-jährige Timur Tschapanow, Angestellter einer Handelsfirma, war am 15. Februar in seinem Schiguli-Kleinwagen in der Stadt unterwegs. Am Prospekt Mira, einer der Moskauer Haupteinkaufsstraßen, stieg er aus, nachmittags gegen fünf, auf dem Trottoir waren Hunderte Passanten. Er geriet in eine Prügelei, jemand schlug ihm mit einer Eisenstange den Schädel ein. Seine Verwandten aber fanden Tschapanow erst nach fünftägiger Suche in einem Moskauer Hospital, zwei Stunden nach seinem Tod. Die Miliz ermittelte keinen Täter, keine Zeugen ...

Kasbek aber ist froh, in Moskau zu leben. "Papa, werden wir jetzt wieder bombardiert?", fragte sein fünfjähriger Sohn, als er das erste Flugzeug am Moskauer Himmel sah.

"Nein, mein Junge, die Flugzeuge bombardieren Moskau nicht".

"Aber warum bombardieren sie Tschetschenien?" - Auf diese Frage mochte Kasbek seinem Sohn nicht antworten.

Salben und Verbände

In seiner Mietskaserne an der Awijamotornaja Strasse leben 20 tschetschenische Familien. "Die Miliz war gestern hier, hat die Männer mitgenommen und erkennungsdienstlich behandelt", erzählt der schnauzbärtige Mussa. Er sitzt in einem klobigen Sessel, und Adam, der jüngste Sohn , hat es sich im Schneidersitz auf dem Teppich bequem gemacht, auf der Mattscheibe des Samsung-Fernsehers sprinten Fußballer aus Moskau und Dagestan über den Rasen. "Uns geht es gut, du findest in Moskau kaum arme Tschetschenen. Die wirklich armen Teufel sitzen noch immer dort unten." Mussa arbeitet wie früher in Grosny als Tierarzt, ein Bruder ist in einer Telefonfirma, ein anderer bei einer Bank angestellt, Adam studiert Jura. "Für uns Tschetschenen ist die Familie das Wichtigste, Brüder und Vettern tun alles füreinander, zwei von uns wohnen schon seit neun Jahren in Moskau, sie haben auch uns geholfen, als wir hier ankamen."

Mussa erzählt vom ersten Tschetschenienkrieg, vom Sturm auf Grosny im Dezember 1994, als sein Vater jungen Männern verbot, zwei gefangene russische Panzersoldaten zu erschießen, und seine Söhne in die Apotheke schickte, um Salben und Verbände für die halbverbrannten Soldaten zu holen.

Mussa und seine Brüder flohen Ende 2000 nach Moskau, jetzt fahren sie fast nur noch zu Beerdigungen nach Grosny, jedesmal ein Horrortrip. "Die russischen Soldaten verschleppen immer wieder Leute, von vier Männern aus unserer alten Straße fehlt seit zwei Jahren jede Spur, irgendwann werden die Russen kommen und noch Geld für ihre Leichen verlangen."

Aber Mussa schimpft auch auf die "Wahhabiten", gewalttätige Islamisten, die Tschetschenien den Krieg erst eingebrockt hätten. "Haarige haschende Affen, die keine fünf Koransuren kennen", flucht er. "Sie stehen nicht auf, wenn Ältere hereinkommen, und spucken auf die Sitten." Vor Jahren habe ein Wahhabit dem eigenen Vater eröffnet, er werde die Schwester heiraten, obwohl das tschetschenische Gewohnheitsrecht derartige Verbindungen streng verbiete. "Der Vater nahm die Flinte und hat ihn erschossen."

Tschetschenien blutet weiter, und die Stimmung vieler Moskauer Tschetschenen ist verzweifelt. Sie erzählen sich, ein junges Mädchen aus Gudermes habe Wundmale am Hals und an den Händen empfangen. Sie sei von Allah auserwählt und sähe Visionen des nahenden Weltuntergangs. Und der separatistische, inzwischen in Dänemark verhaftete Feldkommandeur Achmed Sakajew warnte Russland, die Terroristen könnten als nächstes ein Kernkraftwerk attackieren.

Immerhin hat der tschetschenische Chefmanager der Moskauer Ölfirma Allianz eine Stiftung eingerichtet, um die Opfer des Terroranschlages im Theater Nord-Ost finanziell zu unterstützen. Allianz bezahlt auch das Ferienlager, in das Tapa Elimbajew nächste Woche mit seiner Tanzgruppe fährt. Die Kinder tanzen weiter und ihre Gesichter glühen vor Freude: Seht, wie musikalisch, wie flink, wie anmutig wir sind! Elimbajew erzählt voller Hoffnung von der Zukunft seiner Truppe und hofft auf eine Tournee in die Schweiz. "Uns Tschetschenen zeigt man immer als bärtige Banditen mit Kalaschnikow und debilem Grinsen", klagt er. "Aber schaut euch die Schönheit dieser Kinder an!"

00:00 08.11.2002

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