Kathmandu

Nepalesischer Abend Kolumne

Sonnengesättigt und staubig sind die Straßen von Kathmandu. Unablässig rumpeln Autos, Busse und Motorräder durch Schlaglöcher und wirbeln Staubwolken auf. Dennoch gehören die Straßen, auf jeden Fall die Straßenränder den Menschen, die dort arbeiten, schnitzen, nähen, löten, Handel treiben und oft in undurchschaubarer Weise auf etwas zu warten scheinen, auf Kunden, auf Verwandte und Freunde, auf Waren, auf das Vergehen der Zeit. Vielleicht warten sie auf ein Nachlassen des Staubes, der überall eindringt, in alle Türöffnungen und alle Nasenlöcher, und den sich buntgewandete Frauen immer wieder wegzufegen bemühen, ohne jedoch bei ihrer vergeblichen Arbeit einer Ratte, die schnuppernd hinzuspringt, ein Haar zu krümmen. Vielmehr scheuchen sie sie mit anmutigem Lächeln hinweg, denn auch der Ratte gebührt ein Platz im großen Kosmos allen Lebens. Fast unbemerkt stehen kleine hinduistische Heiligtümer an den Straßenrändern, die die Gläubigen beim Vorübergehen kurz mit den Händen streifen und die, ähnlich den Kieselsteinen im Wasser, durch jahrhundertelange Berührungen oft zu unkenntlichen Miniaturen abgerieben wurden. Manchmal lässt nur die rote Farbe erkennen, dass es sich um einen heiligen Steinbuckel handelt. Radfahrer läuten im Vorbeifahren kleine Glocken mitten auf Straßenkreuzungen, Glocken, die die Götter anrufen und von der eigenen Frömmigkeit künden, die hier allen innezuwohnen scheint.

Mitten in der staubigen Hitze bieten Fleischstände ihre Waren an, Hammelbeine, Schweineköpfe, halb aufgebrochene Tierkörper, blutige Fleischstücke, von Fliegen umschwirrt. Am Fluss suchen sich die Schweine ihre Nahrung. Sie sind schwer zu erkennen in den breiten Müllfeldern der Ufer, die so weit in den Fluß hineinwuchern, dass dieser nur noch wie ein Rinnsal wirkt. Arm ist das Land und zerrissen von Bürgerkrieg, aber vor diesem Teppich bitterer Armut hebt sich ein großartiges Tableau von Gesichtern und Gestalten ab, das die jahrhundertealte Mischung des Tibetischen mit dem Indischen in allen Formen, Farben und Variationen zeigt, eilen die Menschen durch das Gewühl der armen, staubigen Straßen, entlang der Häuser, die nur als Schlaf- und Kochstätten dienen, und in ihrer natürlichen Schönheit bewegen sich all diese Menschen mit Würde und Anmut, mit Stolz, Freundlichkeit und Milde.

Frauen massieren ihre Säuglinge und Kleinkinder mit Senföl. Trupps von Schülern, die stolz ihre Schuluniformen tragen, bevölkern die Straßen und zwängen sich lachend in beinahe auseinanderberstende Schulbusse. Plötzlich halten sich viele Passanten die Hand oder ein Tuch vor Nase und Mund. Sie eilen vorbei und vermeiden es, den süßlichen Geruch einzuatmen, der von einem gerade aufflammenden Leichnam am Flussufer ausgeht. Der Tod aber wirkt weniger schrecklich als im Westen. Viel zu sehr ist er hier vom Geflecht des Lebens umgeben.

Schnell fällt am späten Nachmittag die Dämmerung herab und verwandelt die dunstigen Sonnenstraßen in dunkle Tunnel, nur hin und wieder von Neonlaternen erhellt, die die Schwärze noch mehr betonen. Nun gibt es keine Orientierung mehr. Eine Stadt, die nur die Namen von Stadtteilen, aber keine Straßennamen kennt, schlägt in der Dunkelheit der Nacht um in ein finsteres Labyrinth voller Geheimnisse, voller Gefahren, voll süßlichen Rauchs. Aber nicht überall ist es dunkel. Im Naga-Theater wird das Stück Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch gespielt. Hier mischt sich die bessere Gesellschaft des Kathmandu-Tals mit ausländischen Diplomaten und mit Touristen aus China, aus der Mongolei, aus der westlichen Welt. Beim Betreten des Theaters ziehen alle die Schuhe aus und lassen sich in ihren farbenprächtigen Seidengewändern auf den Sitzkissen nieder. Bloß für die Älteren und weniger Traditionellen sind hinten einige Stuhlreihen aufgebaut. Regie führt eine ehemalige Berliner Schauspielerin. Sie verzerrt das Stück zu einer großartigen Klamotte und trägt damit dem Bedürfnis der Nepalesen nach Expressivität, Komik und Direktheit in der Kunst Rechnung. Der Applaus ist frenetisch, zumal das Stück als Parabel auf die aktuellen politischen Verhältnisse Nepals verstanden wird, als Parabel auf eine schwache Bürgerschaft, die sich ihr Gemeinwesen von allen Seiten, vom König und von den Maoisten, zerstören lässt.

Später klingt Rockmusik von der Dachterrasse des Theaters, es sind die weichen, leicht melancholischen Klänge einer tibetischen Rockgruppe, die sich mit der weichen Schwärze der Nacht vermischen. Unten beleuchtet eine einzelne Neonlaterne ein undurchdringliches Haus. Ein Hund streunt durch den Sand der Straße, ein Kind schreit eine kurze Weile, ein Mann fährt auf einem Fahrrad vorbei, von Dunkelheit zu Dunkelheit. Mitten in der Nacht dann, als alles still geworden ist, gibt es nur noch den bestirnten Himmel und seinen schwachen Abglanz auf Erden, die Sternbilder der Straßenlaternen einer ruhig schlafenden Millionenstadt.


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00:00 06.01.2006

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