Kawumm und Tirili

Konsum Ob Buch, Spiel oder Ausstellung: Irgendwas mit Natur geht immer. Sieben Favoriten aus der Redaktion lesen Sie hier. Auf Ihre Ergänzungen freuen wir uns

Was für Erwachsene

Das Cover dieses Buches zeigt einen Jungen am Laptop, der sich auf einer grünen Wiese fläzt – das passt: Denn den Autoren geht es in Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum nicht um eine Eltern-Frontalansage à la: „Nehmt den Kindern die Geräte weg, scheucht sie raus in die Natur!“ Ein Computer dient dem Kinderarzt Herbert Renz-Polster und dem Neurobiologen Gerald Hüther gar als Beweis dafür, wie wichtig es für die Entwicklung von Kindern ist, dass sie abseits aller Aufsichtspersonen die Freiheit haben, aus sich selbst heraus und unter ihresgleichen wirksam zu werden. Auf ins Abenteuer also – ob es nun im Park, im Wald oder auf dem „Dachboden von Tante Lotte“ startet. Dieses 2019 im fünfter Auflage erschienene Naturbuch ist allen Erwachsenen wärmstens zu empfehlen. Sebastian Puschner

Info

Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum. Ein neuer Blick auf das kindliche Lernen, Fühlen und Denken Herbert Renz-Polster, Gerald Hüther Beltz Verlag 2013, 264 S., 18,95 €

Der Stachel der Biene

Die Philosophin Philippa Foot wäre dieses Jahr 100 geworden. Der Deutschlandfunk würdigte sie als „Gigantin der modernen Ethik“. Foot hat sich stets dagegen gewendet, moralische Urteile seien bloßer Ausdruck von Gefühlen, also etwas rein Subjektives. „In der Moralphilosophie ist es sehr wichtig, zunächst über Pflanzen zu reden“, so begann Foot eine Vorlesung. Das irritiert, Moral verbindet man mit der Fähigkeit des Menschen zur Vernunft. In Natural Goodness (2001) arbeitet sie heraus, warum es für den Einzelnen rational ist, gerecht zu handeln. Bei Foot gehört die Blüte zum Leben der Blume, wie die Tugend zum menschlichen Leben. „Gut“ ist bei ihr, was für eine Spezies lebensnotwendig ist. Anders gesagt: Unser Zusammenleben ist auf das Einhalten moralischer Regeln genauso angewiesen, wie Flora und Fauna auf den Stachel der Biene. Martina Mescher

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Die Natur des Guten Philippa Foot Michael Reuter (Übers.), Suhrkamp 2014, 162 S., 14 €

Schöne Naturgewalt

Die Erwachsenen in Ang Lees Gesellschaftsporträt von 1997 suhlen sich in ihren (Ehe-) Krisen. Nur Tochter Wendy (Christina Ricci) interessiert sich für das Weltgeschehen, der Film spielt 1973, der Watergate-Skandal führt das Land in eine Krise. Mitten in der Pubertät weiß Wendy zudem nicht, wo oben und unten ist, sie bringt die Brüder in der Nachbarschaft in erotische Nöte. Und während die „elterlichen Einheiten“, wie Bruder Paul (Tobey Maguire) sie nennt, sich auf einer „Schlüsselparty“ austoben, scheint der Eissturm draußen nur Begleitwetter mit Stromausfall. Die Naturgewalt bietet derweil ihren ganzen Zauber auf. Für Mikey (Elijah Wood) ist es das Schauspiel seines Lebens. Paul wird in dieser schrecklichen Nacht erwachsen. Der Korb von Libbets (Katie Holmes) wird nur ein Wimpernschlag in seiner Biografie sein. Katharina Schmitz

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Der Eissturm Ang Lee USA 1997

Nestbau im Hausarrest

Flügelschlag heißt ein Brettspiel, das 2019 zum „Kennerspiel des Jahres“ gewählt wurde. Zu Recht, wie mir ein brettspielbegeisterter Freund sagte. Dieses liebevoll und detailreich gestaltete Spiel dreht sich, nun ja, um Vögel. Die Spieler (1 bis 5 können mitmachen) ziehen sie vom Kartenstapel, der 170 Arten umfasst, und sollen sie nach Zielvorgaben (Art des Nests, Lebensraum etc.) bei sich versammeln. Das augenscheinlich einfache Prinzip dieses lehrreichen und friedvollen Spiels, das für Kinder und Erwachsene geeignet ist, entpuppt sich schnell als komplex. Hat man die Dynamik aber einmal verstanden, lässt einen Flügelschlag kaum mehr los und ist ideal, um sich im freiwilligen Hausarrest ein wenig nach draußen zu träumen. Tipp: Die Europa-Erweiterung beinhaltet viele hierzulande heimische Arten. Konstantin Nowotny

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Flügelschlag Elizabeth Hargrave Feuerland Spiele 2019

Biologie und Sport

Es gehört zu den Lieblingsstücken meiner Bibliothek. Das grobe Leinen greift sich haptisch. Man kann den langen Hals der Giraffe nachzeichnen, deren Kopf neugierig zwischen den Buchdeckeln verschwindet. Als Judith Schalansky die Geschichte von Inge Lohmark, Lehrerin für Biologie und Sport, schrieb und den Experimentalversuch Schule nicht nur psychologisch, sondern naturwissenschaftlich auf die Folter spannte, wusste man in Deutschland noch nicht viel über Nature Writing. Bei Matthes & Seitz brachte die ingeniöse Buchgestalterin die Reihe Naturkunden auf den Weg, changierend zwischen Naturbetrachtung und philosophisch-fiktionaler Überhöhung. Seit 2017 verleihen M&S und das Bundesamt für Naturschutz den gleichnamigen Preis. Wie überall wird prämiert, was verloren zu gehen droht. Ulrike Baureithel

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Der Hals der Giraffe Judith Schalansky Suhrkamp 2011, 224 S., 21,90 €

Raus ohne Risiko

Gegen den Pandemieblues hilft Videospielen als risikofreie Realitätsflucht! Horizon Zero Dawn spielt in einer postapokalyptischen Zukunft, ca. 1.000 Jahre nach dem Zusammenbruch der heutigen Zivilisation. Von dieser sogenannten Metallwelt sind nur noch verwitterte Stadien und bedrohliche Maschinenwesen übrig, den Rest hat die Wildnis überwuchert. Die verbleibenden Menschen leben in archaischen Stämmen und Aloy ganz selbstverständlich in einem Matriarchat. In der Rolle dieser rothaarigen Heldin erkundet die Spielerin eine Welt, die geprägt ist vom Natur-Technik-Gegensatz. Gekleidet in Tierfelle, mit Pfeil und Bogen, versteckt im hohen Gras jagt Aloy die metallischen Maschinentiere. Ihre Mission: die Ursache der Bedrohung durch diese Wesen zu finden und das Rätsel ihrer Herkunft zu lösen. Horizon Zero Dawn thematisiert ganz undogmatisch Technologie, Mutterschaft und Natur – und erzählt nebenbei eine fesselnde Geschichte. Susann Massute

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Horizon Zero Dawn Gorilla Games 2017

Himmlischer Schwabe

Seit diesem Sommer gibt es einen Meteoriten, der nach meiner Heimatstadt benannt ist. Viele Jahre lag „Blaubeuren“ als Dekostein vor einem Einfamilienhaus, seine wahre Natur wurde gerade noch erkannt, bevor sein Besitzer ihn auf den Recyclinghof bringen konnte. „Der Schwabe, der vom Himmel fiel“, wie er im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren auch liebevoll genannt wird, soll aus dem Asteroidengrütel zwischen Mars und Jupiter stammen und auf der Erde vor rund 10.000 Jahren eingeschlagen sein. Wer ihn einmal gesehen hat, wird fortan mit anderen Augen auf Kreisverkehre und Vorgärten schauen. Die Findlinge und Felsbrocken, die zwischen Abgasen und Rasenmähern ihr Dasein fristen, könnten allesamt aus anderen Sphären stammen. Christine Käppeler

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Besuch aus dem All. Der größte Meteorit Deutschlands Urmu Blaubeuren Vorerst bis 31. Januar 2021; aktuell geschlossen

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06:00 24.12.2020
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