Kein Antikriegsmuseum, aber ....

Militärgeschichte In Dresden eröffnet das Militärhistorische Museum der Bundeswehr. Respekt! sagt unser Kommentator Wolfgang Wippermann

Die biblischen Schwerter sollten zu Pflugscharen werden – die deutschen kommen ins Museum. Muss das sein? Dürfen wir das Militärische musealisieren? Wer macht das und wem nützt es? Uns Staatsbürgern oder dem Staat, der mit seiner Armee wieder Kriege führt – jedenfalls im „umgangssprachlichen Sinne“? Sollen diese neuen Kriege durch ein Militärmuseum legitimiert werden, in denen die alten Kriege verherrlicht werden?

Die Rede ist vom Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden, das nun eröffnet wird. Bis 1918 hieß es „Königlich Sächsisches Armeemuseum“, von 1940 bis 1945 war es das „Heeresmuseum“ der „großdeutschen Wehrmacht“ und von 1972 bis 1990 das „Armeemuseum der DDR“. Anders als viele andere Institutionen der untergegangenen DDR wurde es nicht „abgewickelt“, sondern vom Bundesverteidigungsministerium übernommen. 1994 ordnete der damalige Verteidigungsminister Volker Rühe an, es zum „Zentralen Museum der Bundeswehr“ auszubauen. Dies geschah nach den Plänen des amerikanischen Architekten Daniel Libeskind. Vorbild war das ebenfalls von Libeskind gebaute Jüdische Museum in Berlin.

Tatsächlich ähneln sich beide Museen in architektonischer Hinsicht. In Berlin wie in Dresden hat Libeskind den jeweiligen Altbau ergänzt und seine Fassade durchbrochen – beim Jüdischen Museum durch einen zickzackförmigen Neubau und beim Militärmuseum durch einen Keil aus Stahlbeton. Das soll die jeweiligen Brüche in der deutschen Geschichte symbolisieren. Beim Berliner Jüdischen Museum ist damit der Holocaust gemeint. Das kann man noch verstehen. Doch welchen Bruch symbolisiert der Stahlbeton-Keil im Dresdner Militärmuseum?


Seine Spitze verweist auf die Dresdener Frauenkirche, die im Krieg zerstört wurde und zum Symbol der Zerstörung Dresdens gemacht worden ist. Getroffen wurde die Stadt an der Elbe von alliierten Bombern, die in einer keilförmigen Flugformation gen Dresden flogen und dort eine ebenfalls keilförmige Schneise schlugen. Die Botschaft ist klar: Die Dresdener und die Deutschen generell sollen das sein, was sie immer gewesen sein wollen – Opfer. „Opfer“ von, wie es auf unserem Nationaldenkmal der Berliner Neuen Wache steht, „Krieg und Gewaltherrschaft.“

Das stimmt nicht, und so geht es nicht. Bei allem Respekt für Daniel Libeskind: Das umgebaute Dresdner Museum hat eine falsche ideologische Aussage. Es ist in architektonischer Hinsicht missraten. Schade, denn es beherbergt nun eine Dauerausstellung, für die das Gegenteil gilt. Sie ist sehr gelungen.

Die Ausstellung besteht einmal aus einer Chronologie der Militärgeschichte, die (etwas willkürlich) um 1300 einsetzt und zunächst bis 1914 geht. Darauf folgt die Zeit der beiden Weltkriege, die hier mit Recht im Zusammenhang gesehen und besonders ausführlich präsentiert werden. Schließlich die Zeit von 1945 bis heute, wobei die Armeen beider deutscher Staaten berücksichtigt werden und auch die Gegenwart nicht ausgespart bleibt: eine Armee, die wieder Kriege führt. Die chronologische Darstellung im Altbau des Museums wird durch so genannte Themenparcours im Libeskindschen Neubau erweitert. Themen wie „Leiden am Krieg“ oder „Tiere und Militär“ werden sonst in militärgeschichtlichen Museen kaum und in der Militärgeschichte selbst allenfalls am Rande behandelt. Ähnliches gilt für „Krieg und Gedächtnis“, „Militär und Gewalt“, „Militär und Gesellschaft“ oder „Formation der Körper“. Hier hat das Militärmuseum fast schon einen innovativen Charakter. Erweitert es doch die klassische Militärgeschichte um Fragen der Politik-, Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Auch Historiker, die von Militärgeschichte nicht viel gehalten und einen weiten Bogen um sie geschlagen haben, müssen begeistert sein.

Täter nicht zu Opfer gemacht

Die Besucher mit Sicherheit auch. Die Museumsmacher beherrschen die modernen Regeln ihrer Kunst. Es wird hervorragend präsentiert, zurückhaltend kommentiert und häufig meisterhaft gebrochen. Nur ein Beispiel. Die Spitze einer V2-Rakete ist in der Ausstellung auf eine Puppenstube gerichtet, die von einem Londoner Schulkind gebastelt und mit Luftschutzutensilien ausgestattet worden ist. Deutlich wird dadurch, was die V2, die nach dem Krieg von Amerikanern und Russen zu Weltraumraketen ausgebaut wurden, im Krieg eigentlich waren: „Vergeltungswaffen“.

Ein „Antikriegsmuseum“, wie die FAZ im Vorfeld mutmaßte, ist das Dresdener Haus zwar nicht. Doch dass Militär und Krieg zwar meist zusammengehören, dies aber nicht unbedingt müssen – das kommt rüber. Die Befürchtung, dass Kriege gewissermaßen anthropologisiert werden, weil sie von allen Menschen geführt werden und für alle Leid bedeuten, zerstreut die Ausstellung. Die Täter werden nicht zu Opfern gemacht. Das gilt besonders für die Deutschen. Denn sie waren es, die beide Weltkriege begannen und im Zweiten einen beispiellosen Rassenkrieg geführt haben. Dresden ist bereits ein Beitrag, dass das deutsche Klagen über die deutschen Opfer leiser werden kann.

Wolfgang Wippermann ist Historiker an der Freien Universität Berlin und Experte für Ideologiegeschichte und Faschismusforschung

11:20 14.10.2011

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