Kein Bier zur Messe

Eventkritik Im Berliner Olympiastadion hat der Papst mit 60.000 Menschen eine Messe gefeiert. Unsere Autorin war dabei. Als Verkäuferin im Fischbrötchenwagen

80.000 Hostien und ungefähr 4.000 Fischbrötchen (rein subjektive Schätzung) werden für die Messe des Papstes im Berliner Olympiastadion produziert. Die Hostien gibt es kostenlos. Alles andere, berichten vereinzelt Gläubige, so habe der Papst ihnen in Werbevideos gesagt, sei hier zum Anlass der Messe ebenfalls umsonst. Ein trauriges Missverständnis, denn die Fischbrötchen im Olympiastadion kosten, vermutlich, weil so ein Fischbrötchen gehaltvoller ist als eine Hostie, also im nichtspirituellen Sinn.

Einiges war ja über die Vorbereitungen außerhalb des Fischbrötchengeschäfts durchaus zu hören: 126 Messgewänder sind genäht und viele Papstbesuch-Logos gezeichnet worden. Eines davon, das Wo-Gott-ist-da-ist-Zukunft-Logo, hat eine entsprechende Ausschreibung gewonnen und wurde auf allerlei nützliche Gegenstände aufgedruckt: T-Shirts, Kaffeebecher, Kugelschreiber, Rosenkränze, Regenschirme, Sitzkissen, Aufkleber, Papierfähnchen. Leider ist dieses Logo nicht besonders hübsch und es erinnert irgendwie an Bundesjugendspiele, was ja aber zum Olympiastadion passt.

Dort geht es am Donnerstagvormittag – an dem der Papst aus dem Flugzeug steigt, in der abgeriegelten Berliner Innenstadt umherfährt, den Bundespräsidenten und die Kanzlerin trifft – nicht anders zu, als sonst bei den Vorbereitungen auf Sportereignisse oder Popkonzerte.

Kommen die Glocken vom Band?

Nur einige Kleinigkeiten sind anders: In das enorme Stadionrund darf man nicht hinunter, denn das ist der heilige Bereich, wobei bislang noch niemand Heiliges da ist. Vor dem bestuhlten Bereich innerhalb der Aschebahn, wo sonst Fußball gespielt wird, bemühen sich winzig wirkende Leute in Gabelstaplern, das Wo-Gott-ist-da-ist-Zukunft-Logo nachzubauen. Man sieht ein großes gelbes Kreuz, einen weißen Untergrund und rote Elemente. Von der Frage, ob die Kirchenglocken später vom Band oder von echten Glocken irgendwoher kommen, fühlt sich der Mann, der den heiligen Bereich bewacht, verarscht.

Außerhalb des Stadionrunds, an hellen Essensständen, roten Merchandising-Ständen, Polizeiwagen und einem bunten Bus mit der Aufschrift Missio vorbei, trägt jemand ein großes schwarzes Buch. Jemand anderes ruft: "Ist das die Bibel? Ist das die Bibel, was Sie da tragen?"

Zurück im Fischbrötchenwagen, Fischbrötchen herstellend, spekuliert man herum, wofür denn nun die 3,5 Millionen Kosten für die Messe wohl ausgegeben wurden, denn auch der Wächter des heiligen Bereichs wird zugeben müssen, dass die Wo-Gott-ist-da-ist-Zukunft-Logo-Olympiastadion-Kirchen-Konstruktion einen eher preiswerten Eindruck macht. Wohl für die Sicherheit: Auf den Türmchen säßen Scharfschützen, behauptet einer im Fischbrötchenwagen – und eine sagt, sie hätte ihr Auto aufgrund eines Polizeipanzers nicht wie sonst parken können. Ganz sicher weiß man, dass man vor der Akkreditierung alle Daten an die Polizei geschickt hat und erst nach einer Prüfung zugelassen wurde, denn: Die Sicherheitsstufe ist höher, als wenn der Präsident der U.S.A. hier wäre. Die daraus folgende Anweisung lautet: "Lasst keine Messer offen herumliegen und schüttet keinen Fischsud auf die Wiese!"

Kein Bier zum Gottesdienst

Sicher und reibungslos geht der Tag seinen Gang. Niemand zündet eine Bombe, niemand schüttet Fischsud auf die Wiese. Die Stimmung changiert zwischen der Erwartung eines großen Popstars und dem Charme einer Betriebsfeier. Im Stadion läuft zunächst Kirchenpop, kaum einer kauft ein Fischbrötchen. So Kirchenleute sind schwer einzuschätzen. Niemand hier kennt sich gut mit dem Katholizismus aus. Bei Fußballspielen sorgt immerhin das Bier für den Hunger, hier wird aber keines ausgegeben, wahrscheinlich käme das dem Papst unmoralisch vor.

Als die Rede des Papstes vor dem Bundestag übertragen wird, beginnt sich das Stadion zu füllen. Nonnen telefonieren sich zusammen, Priesterseminare ziehen geschlossen durch die Gegend, Mitglieder jeweils einer Gemeinde erkennen sich gegenseitig an gleichfarbigen T-Shirts, zwischen den Fingern zwirbelt man die Wo-Gott-ist-da-ist-Zukunft-Logo-Papierfähnchen oder, wenn man aus Bayern kommt, auch Grüß-Gott-Papierfähnchen.

An dem Buchstand werden die üblichen betulichen Titel verkauft. Die Senegalesen vor dem bunten Missio-Senegal-Bus haben ihren Tischkicker zur Seite geräumt und tragen nun Masken, hauen auf Trommeln und liefern – damit man auch genau weiß, wofür die Kirche spendet –, Folklore und Katholikentagsatmosphäre. Das alles macht dann doch Hunger. Und die Gläubigen kaufen schnell und viel zum Mit-Hinein-Nehmen in den letzten Minuten bevor der Papst kommt, derweil die Kanzlerin, der Bundespräsident und andere normal sterbliche, geistliche und eventuell auch heilige Menschen im heiligen Bereich Platz nehmen.

Vom dem Stadion zugewandten Ausgang der Toiletten, wo Toilettenfrauen die Gläubigen dirigieren, hat man einen Ausblick zumindest auf die Bildschirme. Dort fragt sich gerade ein Mann, wo denn der Papst bleibt, aber da käme er ja schon, da sei er ja! Er fährt im berühmten Papamobil die Aschebahn ab und segnet angeblich Babys, die man ihn hinhält. Leute jubeln, möglicherweise echte Trompeten blasen, und schon spricht sehr nah eine Stimme: "Sie arbeiten bei den Fischbrötchen, nicht wahr. Gehen Sie bitte sofort zurück in Ihren Wagen!" Die Stimme gehört einem wichtigen Mann mit Anzug und einem Sie-werden-bald-ihre-Fischbrötchenverkäuferinnenidentität-verlieren-Blick.

Gute und schlechte Fische

Man stört das Bild, zurück in den Wagen, also. Ein sehr schönes, goldenes Licht bescheint die Szenerie. Dann ein Regenschauer, und über dem Stadion steht allen Ernstes ein Regenbogen. Das sieht man bloß von hier, sagen sich die Fischbrötchenverkäuferinnen in ihrem Fischbrötchenwagen. Sie hören die Gesänge und singen auch. Hin und wieder dringen Informationen aus dem Stadion: Dass der Papst gesagt hätte, innerhalb der Kirche gäbe es, wie auch außerhalb davon, gute und schlechte Fische. Dass er nett ausgesehen habe in seinem Gewand, dass trotzdem irgendeiner "Arschloch!" geschrieen habe, aber bloß einer. Dass man die Kirche nicht nach Äußerlichkeiten beurteilen solle. Schön sei es gewesen und rührend und feierlich. Nun ja, man kann es nachlesen.

Danach wird dann auch noch etwas Bier verkauft – und die letzten Fischbrötchen. Ein Malteserwagen mit Martinshorn schiebt sich durch die Papstfans. Eine Trage wird ins Stadiongebäude getragen und erst dann wieder hinaus, als alles schon dunkel ist und das Stadion beinah leer. Fischbrötchenkisten in den Laster, Trage in den Malteserwagen, fertig.

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13:30 23.09.2011

Ausgabe 38/2020

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