Kein Bild von einem Mann

Kino Guerillakampf ohne jeden Glamour: Steven Soderbergh hat die Geschichte Che Guevaras in vier Stunden Film verarbeitet und sich dabei nicht aus der Distanz locken lassen

Man muss es wohl als Zeichen der Zeit deuten, dass sich ein Film über die Ikone des Widerstands, Ernesto „Che“ Guevara, heute mehr für den brillanten Kriegsstrategen als dessen politisches Programm interessiert. Soziale Utopien gelten inzwischen als Mangelware, bestenfalls begegnet man ihnen noch in Form handlicher Wahlkampfversprechen („Change“); Revolutionen sind längst aus der Mode gekommen. Steven Soderberghs zweiteilig angelegtes Mammut-Projekt Che trifft somit den Zeitgeist: Es bedient sich einer militanten Rhetorik, blendet dabei den politischen Kontext aber weitgehend aus.

Das ist ein bekanntes Problem der Che-Guevara-Rezeption. Das Portrait Ches ist zum Abziehbild eines diffusen radical chic verkommen; es lässt sich heute von der Globalisierungskritik genauso vereinnahmen wie von linksradikalen Stadionrockbands, der Auto-Werbung und Neonazis. Die Spezifik von Guevaras Geschichte und seinem politischen Kampf – seine Herkunft aus bürgerlichem Haus (die er mit der Mehrheit seiner Fans teilt), sein Idealismus, der zuletzt totalitäre Züge annahm, die Rolle von Guevaras Wahlheimat Kuba in den sechziger Jahren als Spielball zwischen den Machtblöcken – verschwindet hinter dem Mythos des großen Widerstandskämpfers mit dem markanten Profil. Aus der Heldenfolklore Spuren des realen Che Guevara herauszulesen, ist keine dankbare Aufgabe. Der brasilianische Regisseur Walter Salles hat dies vor einigen Jahren mit den Diarios de motocicleta (Die Reise des jungen Che) versucht, verlor sich aber in Abenteurer-Romantik und jugendlichem Selbstfindungsdrama.

Cinemascope

Soderberghs Ansatz ist um einiges pragmatischer. Basierend auf einem frühen Drehbuchentwurf von Terrence Malick, der ursprünglich für die Verfilmung vorgesehen war, interessiert sich Soderbergh weniger für den ideologischen Überbau von Ches Denken als für die Mechanismen des Guerillakampfes. Che beschreibt also in erster Linie körperliche und nicht intellektuelle Arbeit (obwohl Guevara, eindrucksvoll verkörpert von Benicio del Toro, seine Kombattanten in den Gefechtspausen zum Lesen revolutionärer Lektüre verdonnert). Zur Veranschaulichung hat Soderbergh den Film in zwei Teile mit einer Gesamtlänge von über vier Stunden gegliedert. Che – Revolución, der diese Woche in den deutschen Kinos startet, schildert parallel die entscheidende Phase der kubanischen Revolution und Guevaras kämpferischen Auftritt vor der UN 1964. Höhepunkt dieses Films ist die Schlacht um die Stadt Santa Clara, die die Guerilla trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit am Neujahrstag 1959 einnehmen konnte und damit dem Einzug in Havanna den Weg bereitete. Auf diesem Sieg beruhte auch Guevaras Reputation als taktisches Genie. Che – Guerilla, der unpraktischerweise erst Ende Juli in die Kinos kommt, beschreibt das Scheitern von Ches Offensive in Bolivien 1967, die schließlich auch zu seiner Erschießung führte. Beide Filme sind so angelegt, dass sie unabhängig voneinander funktionieren. In der Konzeption Soderberghs aber bilden sie eine dialektische Einheit.

Soderbergh ist nicht gerade eine naheliegende Wahl für eine Verfilmung des Lebens von Ernesto Guevara; sein Kino dreht sich mehr um filmische Formen und Arbeitsweisen als um Charaktere, weshalb es ihm in der Vergangenheit auch immer wieder mühelos gelang, zwischen Hollywood-Blockbustern und kleinen, unabhängigen Produktionen zu wechseln. Soderberghs Interesse an Prozessen spiegelt sich auch in seinen beiden Che-Filmen wider. Che – Revolución und Che – Guerilla erzählen beinah minutiös von zwei Partisanenkriegen, die sich strategisch zwar ähneln, aber unter völlig unterschiedlichen Vorzeichen geführt wurden. Die kubanische Revolution war, erst recht nach dem Debakel der amerikanischen Invasion in der Schweinebucht 1961 (für die Guevara im New-York-Teil von Che – Revolución dem amerikanischen Gesandten Eugene McCarthy dankt) vom Volk getragen, während Che es in Bolivien nie schaffte, die Bevölkerung und die kommunistische Partei von seinen Plänen zu überzeugen. Entsprechend verschieden fällt der Ton der beiden Filme aus.

Formal steht Che – Revolución im Zeichen des Triumphes: Den ersten Teil hat Soderbergh noch wie ein kommerzielles Hollywood-Epos gedreht, in Cinemascope und saturierten Farben, unterlegt mit heroischer Musik. Großes Kino. Dazu kommen aus dem Off Passagen aus Guevaras kubanischem Tagebuch, schwärmerisch, siegesgewiss. Che hat die Revolution voll im Griff. Del Toro steht mit den bekannten Accessoires (Bart, Barett, Zigarre) im Wald herum und blickt versonnen in die Zukunft. Tatsächlich spielt Soderberghs Film größtenteils im Dschungel; man will sich gar nicht vorstellen, wie Che erst unter der Regie von Terrence Malick wohl ausgesehen hätte.

Dem Technokraten Soderbergh dient die Naturkulisse jedoch nicht als ätherisches Hintergrundrauschen. Vielmehr versucht er, sich dem Partisanenkrieg mit den Mitteln des Guerilla-Filmemachens anzunähern: Wenn man im Dschungel dreht, scheint diese Parallele nahezuliegen. Er filmt den Partisanenkrieg (mit der neuen digitalen Handkamera Red One) als logistischen Albtraum, als ein ständiges Warten und Debattieren. Allein die in prächtigem Schwarzweiß gefilmten New-York-Sequenzen bieten in Che – Revolución Zerstreuung vom zermürbenden Alltag. So viel kann man sagen: Dem Guerillakampf hat Soderbergh jeden Glamour gründlich ausgetrieben.

Kaum Close-Ups

Ausgehend von Ches Bolivien-Tagebuch erzählt der erste Teil des Films mit kalendarischer Strenge von dessen letzter Mission in Südamerika. Das Format ist nun geschrumpft auf herkömmliches Breitbild und die Farben sind verwaschen-mulchig. Im gedeckten Tonfall der Erzählung wird das drohende Scheitern der Aktion bereits vorweggenommen. Das Verhältnis zwischen den kubanischen und den bolivianischen Rebellen ist angespannt, man befindet sich geografisch weit vom sozialen Brennpunkt entfernt, und Ches schlechter Gesundheitszustand fungiert als ahnender Vorbote seines Todes. Dennoch bleibt Guevara auch im zweiten Teil eine unnahbare Figur.

Soderbergh unterläuft mit seinen beiden Filmen konsequent alle Konventionen des Biopics. Er hält eine nüchterne Distanz zu Che, es gibt kaum Close-Ups oder persönliche Einlassungen. Auch die Tagebuch-Passagen beschäftigen sich ausschließlich mit den Anforderungen des Widerstandskampfs und theoretischen Fragen einer neuen Gesellschaftsordnung. Seine zweite Frau, die Partisanin Aleida March, wird nur beiläufig eingeführt. So verzichtet Che auf Szenen, die in Hollywoods Biopics üblicherweise zu sehen sind. Leider droht diese stark konzeptuelle Annäherung den Film zu einem Figurenportrait zweiter Ordnung zu degradieren: Che – Revolución und Che – Guerilla hadern mehr mit dem Problem, den Mythos Che Guevara zu hinterfragen, als mit ihrem Helden selbst.

Hier finden sich Ähnlichkeiten zu Gus Van Sants Kurt Cobain-Film Last Days, der 2005 auf ähnliche Weise versuchte, einen Populärmythos auf kleinteilige, mitunter banale Handlungsabfolgen herunterzubrechen. Wie Van Sant dient Soderbergh die Ikonografie seiner Titelfigur lediglich als Erkennungsmerkmal; darüberhinaus entfernen sich Che – Revolución und Che – Guerilla immer weiter von den bekannten Klischees; auch von denen biografischer Verfilmungen wie Figurenpsychologie oder Handlungssymbolik. Soderberghs Che ist im streng marxistischen Sinne ein Diener der Revolution, Träger eines Kollektivgedankens. Diese Absolutheit scheint nahezulegen, dass Ernesto Guevara nicht, wie Jean-Paul Sartre einmal formulierte, „der kompletteste Mensch unserer Zeit“ war, sondern vielmehr der perfekte Revolutionär: einer, der den gesellschaftlichen Umbruch mit jeder Faser seines Körpers lebt, theoretisch als auch praktisch. Steven Soderbergh nimmt also den Mythos und stellt ihn von den Füßen auf den Kopf und wieder auf die Füße.

Diptychon-Format

Che – Revolución und Che – Guerilla bilden dennoch alles andere als eine Hagiografie, dafür ist gerade der zweite Teil, der, wenn man so will, Ches Passionsweg nachzeichnet, zu spröde geraten. Der Zuschauer bleibt nach mehr als vier Stunden etwas ratlos zurück. Was den Generalstilisten Steven Soderbergh an Guevara gereizt haben mag, wird nie richtig ersichtlich. Zumal auch die Widersprüche Ches nicht thematisiert werden.

Guevaras Haltung zu politischen Exekutionen etwa, die er aus revolutionärer Sicht für notwendig erachtete, wird in Che – Revolución lediglich anhand einer Parallelmontage zwischen seiner Rede vor der UN und einer standesrechtlichen Erschießung zweier Verräter vorgeführt. Damit ist alles zu seiner Rolle im Militärgefängnis von La Cabaña gesagt, in dem unter Guevaras Leitung weit über hundert politische Dissidenten hingerichtet wurden. Soderbergh sieht Guevara als eine Art verblendeten Idealisten; das Diptychon-Format seines Films unterstreicht dies. In der Gegenüberstellung der beiden Befreiungskämpfe zeigt sich der große Irrtum Guevaras, die kubanische Revolution einfach in andere Länder exportieren zu können. Für Guevara ist die Erkenntnis seines Scheiterns ein langer, schmerzhafter Prozess.

Als Zuschauer kann man dies schließlich am eigenen Leib nachempfinden.

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05:00 10.06.2009

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