Kein bisschen Frieden

Wiederaufbau am Hindukusch Die Anschläge nehmen zu, die internationalen Helfer weichen zurück

Von einer Irakisierung am Hindukusch kann schon längst keine Rede mehr sein. Im Irak herrscht mehr Sicherheit als in der afghanischen Provinz. Nach einer Rangliste der britischen Jane´s Security Information Group rangiert Afghanistan an dritter Stelle der gefährlichsten Staaten, und damit weit vor dem Irak. "Die Afghanen sind ein stolzes Volk, wenn sie keine Verbesserungen spüren, wehren sie sich", kommentiert Klaus Dünnhaupt von der Hilfsorganisation AGEF die Lage. Militär mag Sicherheit zeitweilig erzwingen, aber keineswegs dauerhaft schaffen.

Der Dachverband der internationalen Hilfsorganisationen in Afghanistan, Acbar, klagte kürzlich erst auf der Pariser Geberkonferenz, dass von versprochenen 25 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau erst 15 Milliarden geflossen seien. Zuviel werde für Autos und Gehälter der internationalen Helfer aufgewendet. Zugleich gäben allein die USA täglich 100 Millionen Dollar für ihre Truppen aus während alle anderen Staaten zusammen nur sieben Millionen in den Aufbau investierten. So erhielt in den ersten zwei Jahren nach der Intervention 2001 jeder Afghane umgerechnet 57 Dollar - in Ost-Timor waren es 233, in Bosnien sogar 679.

Dem UN-Generalsekretär Ban Ki-moon bleibt nur der Rückzug ins Sachliche. Die Gewalt, berichtete er im Frühjahr dem Weltsicherheitsrat, erreichte 2007 das größte Ausmaß seit dem Sturz der Taliban, monatlich gibt es 500 Überfälle. Immer öfter sind ausländische Hilfsorganisationen betroffen. Seine Bilanz des gescheiterten Friedens liest sich schonungslos. "Zu besonderer Sorge führt die gestiegene Zahl von Attacken gegen lokale und internationale Entwicklungshelfer." Aufständische plünderten über 40 Konvois des Welternährungsprogramms; sie führten mehr als 130 Überfälle durch, töteten 40 Mitarbeiter, entführten 89, was sieben nicht überlebten. Aus Sicherheitsgründen stellten die Helfer in 36 der 376 Bezirke ihre Arbeit ein.

Attacken beim Minenräumen

Der stille Rückzug der Helfer aus Afghanistan begann am 2. Juli 2004. Fünf Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen gerieten damals in der nordwestlichen Provinz Baghis in einen Hinterhalt und wurden erschossen. Zwar erklärten sich die Taliban als Täter, vermutlich aber wurden die Killer von lokalen Kommandeuren befehligt. Der Organisation gilt diese Attacke als das schlimmste Fanal ihrer mehr als dreißigjährigen Geschichte in Konfliktgebieten. Der Angriff zerschmetterte alle Hoffnungen auf einen raschen Neubeginn nach dem Ende der Taliban-Regentschaft.

Dabei kannte die Ärzteorganisation das Land: Seit 24 Jahren hatte sie sich um Tuberkulose-Patienten und eine medizinische Grundversorgung gekümmert - bis sie sich im Frühjahr 2004 zwischen den militärischen Fronten wiederfand. Truppen der internationalen Koalition hatten die Menschen in Flugblättern aufgefordert, Informationen über al Qaida und Taliban herauszurücken. Sonst könne keine humanitäre Hilfe mehr garantiert werden. Kurz nach dem Überfall vom 2. Juli zog Ärzte ohne Grenzen ihre 80 internationalen Mitarbeiter ab und gab Projekte in 13 Provinzen auf.

Spätestens seit jenem Tag gelten für ausländische Helfer schärfere Sicherheitsvorschriften. Zuweilen verbietet ihnen das afghanische Innenministerium sogar, die Kapitale Kabul zu verlassen. Waren Anfang 2004 rund 2.000 internationale Mitarbeiter in nahezu allen Provinzen des Landes unterwegs, trauen sich viele heute kaum mehr aus den Kabuler Büros. Die noch rund hundert deutschen Helfer der gut 30 deutschen Organisationen fahren allenfalls tagsüber mit Begleitschutz in die Bezirke. Abends wagt kaum ein Koordinator, ein Restaurant aufzusuchen. Manche ließen ihre Projekte einfrieren oder verschoben sie für unbefristete Zeit. Es ist ein Rückzug auf Raten.

Medico International verließ derweil fast den gesamten Süden und kürzlich auch den Norden des Landes. Über Partnerorganisationen verrichtet sie eine der gefährlichsten Arbeiten: 8.400 afghanische Helfer räumen Minen. Insgesamt 700 Quadratkilometer sollen mit Sprengsätzen übersät sein; 2007 starben deshalb 138 Menschen, jeder Zweite war vermutlich ein Kind. Aufständische überfielen die Helfer auf den Straßen nach Dschalalabad und Bagram; sie rüttelten an den Toren eines Feldlagers bei Kandahar und stahlen fünf Fahrzeuge, erzählt Sönke Widderich, der die Medico-Projekte in Afghanistan leitet. Als auf der Ringroad zwischen Kandahar und Kabul 18 Mitarbeiter entführt wurden, stellte man die Arbeit dort ein. Noch beim Abzug eines Konvois wurde der letzte Wagen überfallen. Es war nur eine von sieben Attacken seit Juni 2007.

Das Feigenblatt der Ungläubigen

Die Hilfsorganisationen stecken im Dilemma. Sie sind auf Schutz westlichen Militärs angewiesen, gelten so aber als deren ziviles Feigenblatt. Selbst wenn nicht hinter jedem Helfer ein Soldat steht, fällt es ihnen schwer, sich als humanitäre Institution darzustellen. Zumal sie beständig fürchten müssen, durch das westliche Militär instrumentalisiert zu werden. Für die deutschen NGOs steht fest, dass es zu viele Truppen und zu wenig Aufbauhilfe gibt. Ihr Dachverband Venro fordert vehement, die Operation Enduring Freedom aufzugeben und die Bundeswehr nur noch zu Friedenssicherung und Entwaffnung einzusetzen.

Manche Organisationen zweifeln unterdessen an ihrem Engagement. Zuletzt befand sich die Welthungerhilfe in einer "Phase der strategischen Neuorientierung", wie Theo Riedke es ausdrückt. Riedke ist Afghanistan-Koordinator der Welthungerhilfe, einer der größten deutschen NGOs vor Ort. Im Frühjahr 2007 wurde einer ihrer deutschen Ingenieure in der Nähe von Masar-i-Sharif im Norden erschossen, im April ein afghanischer Fahrer in Kabul - dabei gelten beide Orte als vergleichsweise sicher. Statt das Land zu verlassen, zog man sich vorerst nur aus der Fläche zurück und reduzierte das Personal auf 18 internationale und 500 afghanische Mitarbeiter; ein Jahr zuvor waren es 27 internationale und 650 lokale. Wer geblieben ist, kümmert sich um Brunnenbau, Aufforstung oder die Produktion von Sesamöl als Alternative zum Opium, mit dem sich Warlords und Taliban finanzieren.

Für die Taliban sind die westlichen Helfer klare Feinde. In der Layeha, dem Regelbuch der Mudschaheddin, heißt es: "Diejenigen NGOs, die unter der Regierung der Ungläubigen ins Land gekommen sind, müssen wie ihre Regierung behandelt werden. Sie kamen unter dem Vorwand, den Menschen zu helfen, sind aber in Wahrheit Teil des Regimes." Die Feindbilder stehen, die Fronten bleiben oft verschwommen. Mal führen Banden die Überfälle aus, mal Warlords, mal Taliban. Mal aus Habgier, mal aus Rache. Wer sich sicher bewegen wolle, heißt es bei Helfern, die noch im Land arbeiten, meide besser die bewaffneten Konvois westlicher Soldaten.

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