Kein Doktorhut für den Präsidentenkopf

Putin ist nicht de Gaulle Aber viele Russen werden den Streit um die Hamburger Ehrendoktorwürde für ihren Staatschef als Beleidigung empfinden

Der Streit um die Verleihung eines Doktors h.c. für den russischen Präsidenten durch die Hamburger Universität (s. Freitag 32 vom 30. 7. 2004) am 10. September hat zu beidseitigen Absagen geführt. Erst fühlte sich die hohe Lehranstalt nicht ausreichend vorbereitet, dann ließ die russische Botschaft in Berlin wissen, Putin hätte die Ehrung "aus terminlichen Gründen" ohnehin nicht annehmen können. Seine Widersacher in Hamburg können sich glücklich schätzen, sie haben erreicht, was sie wollten: Vorerst kein Ehrendoktor für den Mann aus dem Osten.

In Russland hat dieser Zwist bisher so gut wie keine Resonanz gefunden. Wenn die intellektuelle Elite Deutschlands bestreitet, dass Putin einen wesentlichen Beitrag zur Wirtschaftswissenschaft geleistet hat, sollte ihr zugestimmt werden. Die Tradition, einem ranghohen Gast einen Professorentalar über die Schultern zu legen, ähnelt ohnehin eher einem Theater als einer seriösen Anerkennung der wissenschaftlichen Verdienste des frisch gebackenen Ehrendoktors. Alle wissen doch: der hohe Gast ist kein akademischer Leistungsträger, aber er soll möglicht angenehme Erinnerungen an seine Gastgeber mitnehmen. Bei alldem hat die Hamburger Universität einmal mehr ihre bis ins Mittelalter reichende Unabhängigkeit demonstriert.

Doch werden viele Russen die Zivilcourage der deutschen Professoren als persönliche Beleidigung empfinden. Die Sympathie für Wladimir Putin in der Bevölkerung ist überdimensional. Laut Umfragen wollen die Russen mehrheitlich nichts von den westlichen Vorwürfen gegen ihn hören. Putin ist natürlich kein Charles de Gaulle, aber Russland hat endlich einmal Glück mit seinem Staatschef, denn der ist absolut zurechnungsfähig, berechenbar und konsequent. Von Anfang an hatte Putin erklärt, Russlands Einheit sei für ihn ein hoher Wert. Im Ausland protestierte niemand dagegen. Wer sollte etwas gegen die Einheit Russlands einzuwenden haben? Als sich zeigte, dass diese Einheit ohne Unterdrückung des Separatismus in Tschetschenien kaum zu wahren sei, da erhoben viele ihre Stimme.

Die Hamburger Akademiker haben das Recht, den russischen Präsidenten wegen des Kaukasus-Krieges zu kritisieren. Und der russische Staatschef hat das Recht, eine solche Politik zu betreiben, die von einer Mehrheit der russischen Bevölkerung unterstützt wird. Während ich an diesem Kommentar schreibe, beendet die Moskauer Polizei gerade die Durchsuchung aller Firmen, die Swjosdotschka heißen. Sie begann, nachdem ein Kaukasier anonym erklärt hatte, er habe eine gewisse Swjosdotschka vermint. Ich frage mich, wer dieser Kaukasier ist: ein tschetschenischer Unabhängigkeitskämpfer oder ein Bandit? Soll ich mit ihm verhandeln oder soll ich ihn finden und gefangen nehmen? Wenn ich Ersteres in Erwägung ziehe, ist das darauf zurückzuführen, dass diese Angelegenheit für mich einen rein abstrakten Charakter hat. Ob das für Putin auch zutrifft, ist fraglich.

Ein anderes Beispiel. Der Westen kritisiert Russlands Präsidenten wegen einer Praxis, die gern "parteiliche Justiz" genannt wird - der Prozess gegen den Oligarchen Chodorkowski trägt dieses Etikett. Klammert man den politischen Hintergrund aus, muss man fairer Weise einräumen, dass die Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung und unkorrekter Privatisierung Anfang der neunziger Jahre eingeleitet hat. Dass 95 Prozent der Bevölkerung dank dieser Privatisierung von der Hand in den Mund leben, ist das Problem, welches Putin - nach eigener Aussage - am meisten beschäftigt. Er erklärt, die Privatisierungen würden nicht revidiert, er versuche aber, die Milliardengewinne der Oligarchen umzuverteilen. Es ist gewiss unmöglich, Prozesse gegen alle superreichen Russen gleichzeitig zu führen, aber durchaus möglich, sie zu zwingen, Steuern zu zahlen. Buchhalter von Ölkonzernen stehen inzwischen Schlange vor den Steuerbehörden, um ihre Schulden zu begleichen.

Daher glaube ich, man sollte Putin nicht als Parteigänger einer totalitären Vergangenheit dämonisieren. Es genügt, ihn als pragmatischen Politiker zu sehen, der nicht nur Reichen ihre Supergewinne kürzt, sondern es ebenso wagt, staatliche Vergünstigungen für die ärmeren Schichten abzuschaffen und durch Ausgleichszahlungen zu ersetzen. Das ist auf heftige Proteste der linken Parteien gestoßen und ließ Putins Rating deutlich sinken. Die Professoren der Universität Hamburg hätten also die Begegnung mit dem russischen Präsidenten in ihrer Aula nutzen und sich dessen Antworten ohne Dolmetscher anhören können. Putin kann sich auch in Deutsch verteidigen.

Boris Kaimakow, RIA Nowosti

00:00 27.08.2004

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