Kein Ende

Linksbündig Der Kampf um die deutsch-polnische Erinnerungskultur dauert an

Von einem kleinen Wunder war die Rede. Deutsche und Polen sprechen über das Reizthema Vertreibungsgedenkstätte, und keiner schlägt wütend die Tür zu. Nachdem Kulturstaatsminister Bernd Neumann nach Polen gereist war, um Staatssekretär Wladyslaw Bartoszewski zu treffen, hieß es: Es wird einen Berliner Erinnerungsort geben. Ohne polnische Beteiligung. Aber auch ohne polnischen Widerstand. Dies sei ein Durchbruch angesichts der polnischen Empfindlichkeit. Warschau signalisierte immerhin: Macht mal. Wir mischen uns nicht ein. Es klingt, als habe die polnische Seite sich entschlossen, nicht zu blockieren, scheue aber die Auseinandersetzung. Das Gegenteil ist der Fall. Die Tusk-Regierung will gemeinsam mit Deutschen Projekte der Erinnerung an die Weltkriege und Versöhnungsprozesse des 20. Jahrhunderts auf den Weg bringen. Anfang Februar begannen erste Gespräche, in denen es um den hitzig diskutierten Vertreibungsgedenkort ging.

Das "Sichtbare Zeichen gegen Flucht und Vertreibung", wie es die deutsche Regierung plant, ist jedoch nicht verhandelbar. Weshalb gehen Tusk und Bartoszewski auf Distanz? Wollen sie das Schicksal von Millionen deutscher Flüchtlinge und Vertriebener verschweigen? Fürchten sie den Vorwurf des nationalen Verrats nationalistischer Politiker und Publizisten? Tusk und Bartoszewski Denk- oder Erinnerungsblockaden hinsichtlich des Schicksals deutscher Zivilisten im Zweiten Weltkrieg vorzuwerfen, wäre absurd. Beide haben sich intensiver mit dem Thema auseinandergesetzt, als in Deutschland beachtet wurde. In Polen unvergessen, in Deutschland selten erinnert, ist Bartoszewskis Rede vor dem Deutschen Bundestag zum 50. Jahrestag des Weltkriegendes 1995, in der er nicht nur an die NS-Verbrechen in Polen, sondern auch an das Leid deutscher Flüchtlinge erinnerte. Ausschlaggebend für die Distanz gegenüber dem "Sichtbaren Zeichen" ist der deutsche Vertreibungsdiskurs der letzten Jahre, der vor allem in den beiden großen deutschen Ausstellungen sichtbar wurde. Sowohl die viel gelobte Austellung "Flucht, Vertreibung, Integration" des Bonner Hauses für Geschichte als auch die Steinbach-Ausstellung "Erzwungene Wege" stellen die Zwangsmigration deutscher Zivilisten in den Kontext ethnischer Säuberungen, die deutsche Vertreibung in die Nähe des Völkermordes an Armeniern und polnischen Juden. Eine für polnische Geschichtswissenschaftler und Politiker inakzeptable Sicht, denn sie wirft die Frage auf: Ist das Leid deutscher Zivilisten vergleichbar mit dem der Opfer des Holocausts? Auch fehlte beiden Ausstellungen eine kritische Auseinandersetzung mit der politischen Geschichte der deutschen Vertriebenenorganisationen. Eine polnische Beteiligung am "Sichtbaren Zeichen" hätte eine Bereitschaft der Bundesregierung zur selbstkritischen Auseinandersetzung mit konventionellen deutschen Denkmustern zu Flucht und Vertreibung vorausgesetzt. Ein Signal, die konzeptionelle Gestaltung der Berliner Vertreibung gemeinsam mit Polen neu zu überdenken, kam von Neumann jedoch nicht.

Tusk und Bartoszewski suchen jetzt neue Wege, Bewegung in deutsche Denk- und historische Interpretationsmuster zu bringen. Im europäischen "Kriegs- und Versöhnungsmuseum" in Danzig wird das Schicksal beider Nationen in einen Kontext gestellt, in dem die Erinnerung an deutsche zivile Kriegsopfer ihren Platz hat und zugleich die Verantwortung für die Katastrophe klar benannt wird. Und um die Debatte in Gang zu halten, fordert die polnische Seite die Fähigkeit zum Dialog mit einem neuen Vorschlag heraus: Eine Dauerausstellung über die deutsch-polnische Beziehungsgeschichte soll in Berlin die Museums- und Gedenklandschaft bereichern - quasi ein weiteres "Sichtbares Zeichen", doch diesmal unter gemeinsamer Regie.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare