Kein Fänger im Roggen

Ernährung Die größte Dürre in der jüngeren amerikanischen Geschichte findet ihre Opfer wieder einmal woanders: in den Hungerstaaten der Welt
Kein Fänger im Roggen
Vegetationsnotstand im US-Staat Illinois
Foto: Scott Olson / AFP / Getty Images

Die Sonne steht hoch, und der Wind weht heiß über den Mittleren Westen der USA. Hier im Corn Belt wachsen Mais und Soja von einem Horizont zum anderen. Normalerweise wiegen sich die Felder in saftigem Grün – doch seit einigen Wochen schon wiegt hier nichts mehr. Die größte Dürre in der jüngeren amerikanischen Geschichte hat die Äcker in eine Wüste verwandelt. Von der erhofften Ernte stehen nur noch graubraune Stile und Strünke. Das US-Agrarministerium hat die Aussichten auf gute Erträge von 77 Prozent im Mai auf nun nur noch unglaubliche 26 Prozent zurückgestuft.

Seit dem Frühsommer fehlt der Regen. Doch der eigentliche Grund der Katastrophe ist von Menschen gemacht. Und die Folgen werden weltweit zu spüren sein.

Die Farmer stochern im Staub. Viele sagen, so etwas habe es noch nie gegeben. Doch sie irren. Die Geschichte der Dürren und ihrer fatalen Folgen im amerikanischen Corn Belt ist lang. Sie begann mit dem Umbruch der Prärie durch die ersten Siedler aus Europa und mündete in den dreißiger Jahren in ein historisches Desaster. Damals zogen extreme Hitzewellen und Sturmtiefs über die Prärie, tobten über die frisch gepflügten, aber staubtrockenen Äcker. Der Sturm trug den Ackerboden des Mittleren Westens in schwarzen Wolken bis nach Washington und New York. Hunderttausende Farmer verloren ihre Existenz. Das Ereignis ging als Oklahoma Dust Bowl in die amerikanische Geschichte ein.

Auch diese Katastrophe, die selbst heute noch vielen als bloßes Witterungsereignis erscheint, war keineswegs eine biblische Plage. Tatsächlich war sie die Folge einer grundlegenden Fehleinschätzung. Die Prärie ist von Natur aus karges Grasland, die Boden- und Klimaverhältnisse sind nicht gemacht für Pflug und Getreide, das eigentlich viel Wasser und ein stabiles Klima brauchen würde.

Pflanzen aus dem Genlabor

Nun kommen die Auswüchse der modernen Landwirtschaft hinzu. Die neuen Hochleistungspflanzen aus dem Genlabor, die in den USA mittlerweile flächendeckend angebaut werden, reagieren extrem empfindlich auf Wassermangel und Hitzewellen. Eine katastrophale Entwicklung vor dem Hintergrund eines fortschreitenden Klimawandels, der die ehemalige Prärielandschaft von Nebraska bis Missouri mit immer mehr Extremwetterlagen überziehen wird. Sie werden in Zukunft nicht mehr die Ausnahme sein, prophezeit der Weltklimarat IPCC.

Die Folgen sind – anders als bei früheren Dürrekatastrophen – nicht mehr auf Amerika beschränkt. Denn die USA haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zum größten Agrarexporteur der Welt entwickelt: Der Corn Belt ernährt nicht nur das eigene Land. Und was es bedeutet, wenn ein solcher Versorger ausfällt, hat die Welt schon im Jahr 2008 bei der ersten Welternährungskrise erfahren müssen.

Damals haben sich die Preise für Reis, Weizen und Mais innerhalb von wenigen Wochen mehr als verdoppelt. Einen Puffer gab es nicht mehr, kein Netz, keine globale Notration, die plötzliche Knappheiten ausgleichen konnte. Sie wurde im Zuge der Liberalisierung der Agrarmärkte in den neunziger Jahren konsequent abgebaut. Auch 2010, als Russland als drittwichtigster Exporteur ausfiel, weil eine Jahrhundert-Dürre ein Viertel der Ernte vernichtet hatte, gab es keine Reserve. Nun droht sich das Drama zu wiederholen, zumal auch andere Länder wie die Ukraine, Russland, Argentinien und Brasilien ihre Ernteprognosen herabstufen mussten.

Wie groß die Missernte in den USA tatsächlich ausfallen wird, darauf spekulieren im Moment die Spekulanten. Der Preis für Mais hat sich schon verdoppelt. Soja wird nachziehen. Auch Weizen und Reis sind Teil der aktuellen Preis-Ralley an den Warenbörsen. Aber auch Amerikas Autofahrer werden die Missernte zu spüren bekommen, denn die US-Biosprit-Industrie ist auf Mais gebaut.

Keine Notvorräte

Doch die eigentliche Last der amerikanischen Dürre werden die Menschen jenseits der Grenzen tragen. Im Irak, in Jordanien, Äthiopien, Ägypten, in Bangladesh, in Asien und in Afrika südlich der Sahara. In all den Ländern, in denen nicht genügend Getreide wächst, um die eigene Bevölkerung zu versorgen, in den Hungerländern der Welt. Auch 2008 hatte es Hungeraufstände in mehr als 20 Ländern gegeben. In der Globalisierung der Nahrungsmittelmärkte liegt der eigentliche Sprengstoff der amerikanischen Dürre.

Die internationale Politik hat wenig getan, um die seit damals schwelende Krise der Welternährung zu lindern. Die Notvorräte wurden nicht aufgestockt. Die Methoden der industrialisierten Landwirtschaft, die auch für ein Viertel der Klimagasbelastung verantwortlich sind, wurden nicht überdacht. Die Anpassung an den Klimawandel kommt weltweit nicht voran. Politische Konsequenzen sind nicht in Sicht, weder in Amerika, noch im Rest der Welt.

Die Einzigen, die handeln, sind die Buchmacher an der Getreidebörse in Chicago. Während der amerikanische Landwirtschaftminister Tom Vilsack demonstrativ um Regen betet, setzen sie weiter auf Dürre. Die Krise Welternährung ist ihr Geschäft. Und solange das so ist, wird die Hungerkatastrophe nicht enden.

Wilfried Bommert arbeitet als Vorstand des Instituts für Welternährung Berlin und ist Autor des Buchs Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt

11:38 03.08.2012

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