Wilfried Bommert
03.08.2012 | 11:38 7

Kein Fänger im Roggen

Ernährung Die größte Dürre in der jüngeren amerikanischen Geschichte findet ihre Opfer wieder einmal woanders: in den Hungerstaaten der Welt

Kein Fänger im Roggen

Vegetationsnotstand im US-Staat Illinois

Foto: Scott Olson / AFP / Getty Images

Die Sonne steht hoch, und der Wind weht heiß über den Mittleren Westen der USA. Hier im Corn Belt wachsen Mais und Soja von einem Horizont zum anderen. Normalerweise wiegen sich die Felder in saftigem Grün – doch seit einigen Wochen schon wiegt hier nichts mehr. Die größte Dürre in der jüngeren amerikanischen Geschichte hat die Äcker in eine Wüste verwandelt. Von der erhofften Ernte stehen nur noch graubraune Stile und Strünke. Das US-Agrarministerium hat die Aussichten auf gute Erträge von 77 Prozent im Mai auf nun nur noch unglaubliche 26 Prozent zurückgestuft.

Seit dem Frühsommer fehlt der Regen. Doch der eigentliche Grund der Katastrophe ist von Menschen gemacht. Und die Folgen werden weltweit zu spüren sein.

Die Farmer stochern im Staub. Viele sagen, so etwas habe es noch nie gegeben. Doch sie irren. Die Geschichte der Dürren und ihrer fatalen Folgen im amerikanischen Corn Belt ist lang. Sie begann mit dem Umbruch der Prärie durch die ersten Siedler aus Europa und mündete in den dreißiger Jahren in ein historisches Desaster. Damals zogen extreme Hitzewellen und Sturmtiefs über die Prärie, tobten über die frisch gepflügten, aber staubtrockenen Äcker. Der Sturm trug den Ackerboden des Mittleren Westens in schwarzen Wolken bis nach Washington und New York. Hunderttausende Farmer verloren ihre Existenz. Das Ereignis ging als Oklahoma Dust Bowl in die amerikanische Geschichte ein.

Auch diese Katastrophe, die selbst heute noch vielen als bloßes Witterungsereignis erscheint, war keineswegs eine biblische Plage. Tatsächlich war sie die Folge einer grundlegenden Fehleinschätzung. Die Prärie ist von Natur aus karges Grasland, die Boden- und Klimaverhältnisse sind nicht gemacht für Pflug und Getreide, das eigentlich viel Wasser und ein stabiles Klima brauchen würde.

Pflanzen aus dem Genlabor

Nun kommen die Auswüchse der modernen Landwirtschaft hinzu. Die neuen Hochleistungspflanzen aus dem Genlabor, die in den USA mittlerweile flächendeckend angebaut werden, reagieren extrem empfindlich auf Wassermangel und Hitzewellen. Eine katastrophale Entwicklung vor dem Hintergrund eines fortschreitenden Klimawandels, der die ehemalige Prärielandschaft von Nebraska bis Missouri mit immer mehr Extremwetterlagen überziehen wird. Sie werden in Zukunft nicht mehr die Ausnahme sein, prophezeit der Weltklimarat IPCC.

Die Folgen sind – anders als bei früheren Dürrekatastrophen – nicht mehr auf Amerika beschränkt. Denn die USA haben sich in den vergangenen Jahrzehnten zum größten Agrarexporteur der Welt entwickelt: Der Corn Belt ernährt nicht nur das eigene Land. Und was es bedeutet, wenn ein solcher Versorger ausfällt, hat die Welt schon im Jahr 2008 bei der ersten Welternährungskrise erfahren müssen.

Damals haben sich die Preise für Reis, Weizen und Mais innerhalb von wenigen Wochen mehr als verdoppelt. Einen Puffer gab es nicht mehr, kein Netz, keine globale Notration, die plötzliche Knappheiten ausgleichen konnte. Sie wurde im Zuge der Liberalisierung der Agrarmärkte in den neunziger Jahren konsequent abgebaut. Auch 2010, als Russland als drittwichtigster Exporteur ausfiel, weil eine Jahrhundert-Dürre ein Viertel der Ernte vernichtet hatte, gab es keine Reserve. Nun droht sich das Drama zu wiederholen, zumal auch andere Länder wie die Ukraine, Russland, Argentinien und Brasilien ihre Ernteprognosen herabstufen mussten.

Wie groß die Missernte in den USA tatsächlich ausfallen wird, darauf spekulieren im Moment die Spekulanten. Der Preis für Mais hat sich schon verdoppelt. Soja wird nachziehen. Auch Weizen und Reis sind Teil der aktuellen Preis-Ralley an den Warenbörsen. Aber auch Amerikas Autofahrer werden die Missernte zu spüren bekommen, denn die US-Biosprit-Industrie ist auf Mais gebaut.

Keine Notvorräte

Doch die eigentliche Last der amerikanischen Dürre werden die Menschen jenseits der Grenzen tragen. Im Irak, in Jordanien, Äthiopien, Ägypten, in Bangladesh, in Asien und in Afrika südlich der Sahara. In all den Ländern, in denen nicht genügend Getreide wächst, um die eigene Bevölkerung zu versorgen, in den Hungerländern der Welt. Auch 2008 hatte es Hungeraufstände in mehr als 20 Ländern gegeben. In der Globalisierung der Nahrungsmittelmärkte liegt der eigentliche Sprengstoff der amerikanischen Dürre.

Die internationale Politik hat wenig getan, um die seit damals schwelende Krise der Welternährung zu lindern. Die Notvorräte wurden nicht aufgestockt. Die Methoden der industrialisierten Landwirtschaft, die auch für ein Viertel der Klimagasbelastung verantwortlich sind, wurden nicht überdacht. Die Anpassung an den Klimawandel kommt weltweit nicht voran. Politische Konsequenzen sind nicht in Sicht, weder in Amerika, noch im Rest der Welt.

Die Einzigen, die handeln, sind die Buchmacher an der Getreidebörse in Chicago. Während der amerikanische Landwirtschaftminister Tom Vilsack demonstrativ um Regen betet, setzen sie weiter auf Dürre. Die Krise Welternährung ist ihr Geschäft. Und solange das so ist, wird die Hungerkatastrophe nicht enden.

Wilfried Bommert arbeitet als Vorstand des Instituts für Welternährung Berlin und ist Autor des Buchs Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt

Kommentare (7)

Popkontext 03.08.2012 | 13:59

Vielen Dank für den sehr lesensweren und fundierten Artikel. Da ich mich gerade selbst intensiver mit der historischen Dust Bowl und der Entwicklung der US-amerikanischen Landwirtschaft beschäftigt habe, stellt sich mir auch noch die Frage, in wieweit diese massive industrielle Agraproduktion in den USA die Landwirtschaftssysteme in den anderen Ländern geschädigt hat, ob die nicht allein auch genug produzieren könnten, wenn es nicht diese massive und aggressive Konkurrenz gäbe.

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Ehemaliger Nutzer 03.08.2012 | 21:44

Die Rufer in der Wüste

Es ist wie immer, die eigentlichen Verursacher der Katastrophen kommen nicht nur ungeschoren davon, sie schaden anderen und beschuldigen anschließend auch noch die Opfer.

Schon in den 1950-60ern wurden die Bauern weltweit durch die westlichen Agrokonzerne in die Abhängigkeit getrieben, und zwar mittels der sogenannten grünen Revolution. http://de.wikipedia.org/wiki/Gr%C3%BCne_Revolution Dazu wurden auch die seit Jahrhunderten gut an die jeweiligen Regionen angepassten Getreidesorten systematisch vernichtet, damit man jedes Jahr das teure und aufwändig zu pflegende Saatgut der Agrokonzerne kaufen musste. So enteignete man die lokalen Bauern ihres Saatgutes, ihres Wissens und ihrer Fertigkeiten.

Landreformen wurden schon immer von durch Großgrundbesitzer angeheuerte paramilitärische Gruppen verhindert, indem man die Bauern von ihrem Land vertrieb, zusammenprügelte und zusammenschoß. Heute erledigen dieses Geschäft zusätzlich die Banken, Getreidespekulanten und staatliche Stellen als deren Helfershelfer.

Diese und andere Zusammenhänge beschrieb in den 1970ern Frances Moore Lappé in ihrem Buch Vom Mythos des Hungershttp://de.wikipedia.org/wiki/Frances_Moore_Lapp%C3%A9

„Keine Gesellschaft hat ihr demokratisches Versprechen erfüllt, wenn Menschen hungern... Wenn einige nicht zu essen haben, sind sie offensichtlich jeder Macht beraubt worden. Die Existenz von Hunger straft die Existenz der Demokratie Lügen.“

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Ehemaliger Nutzer 04.08.2012 | 08:52

Das tatsächliche Problem sind die seit ihrer "Erfindung" verbreiteten sogenannten Verbrennungsmotoren und die mit ihnen bewegten "Fahrzeuge". Technisch gesehen sind diese Motoren seit ihrer Erfindung vor über 150 Jahren nicht grundsätzlich geändert worden, es kamen lediglich einige aus meiner Sicht kosmetische Verbesserungen hinzu, die aber keine Verbesserungen des von vornherein falschen Konzepts ergaben. Der gesamte sogenannte technische Wirkungsgrad der Motoren ist lausig und der Wirkungsgrad der mit ihm bewegten Fahrzeuge nicht minder. Von der in einem Liter "Kraftstoff" vorhandenen chemischen Energie werden über die Verbrennung gerade mal 1/3 Liter für die gesamte Bewegung des Fahrzeuges genutzt. Dazu kommt natürlich noch, dass die giftigen Verbrennungsgase der Motoren in unser aller Luft (Tiere, Menschen, Pflanzen) geleitet wird. Und es wird gleichzeitig Sauerstoff verbraucht, der den Lebenwesen fehlt.