Kein Fund aus dem Fabelbuch

Die Pest im Zeitalter der Globalisierung Im Januar kostete der "Schwarze Tod" in Madagaskar bislang 18 Menschen das Leben. Und nicht nur die Insel erlebt seine Wiederkehr

Der August 1992 war für Jeff Brown ein schöner Monat. Der junge Amerikaner hatte seinen Urlaub in den Rocky Mountains sehr genossen, freute sich aber auch, in seinen Heimatort in Arizona zurückzukehren. Einem Fieberanfall mit Übelkeit und Erbrechen wertete der stets kerngesunde 31-Jährige als harmlose Sommergrippe; doch kurz darauf musste er in einem schweren Schockzustand in das Hospital von Tucson eingeliefert werden, wo er am 25. August 1992 verstarb. Erst eine Woche später lieferte die auf einer Speichelprobe gezüchtete Bakterienkultur die Diagnose: Pest! Wenig später wurde auch die Infektionsquelle identifiziert: Eine mittlerweile selbst an der Pest gestorbene Hauskatze.

Fünfzehneinhalb Jahre später, im Januar 2008, wird aus Madagaskar eine Pestepidemie gemeldet, die bisher 18 Tote gefordert hat. Vorausgegangen war dem Seuchenausbruch eine ungewöhnliche Rattenplage.

Der "schwarze Tod" des Mittelalters ist keine Krankheit aus dem Fabelbuch - er lebt mitten unter uns. Nicht immer, aber doch in der Mehrzahl der Fälle sind Ratten der Überträger (der "Vektor"). So war es etwa in Surat, Indien, 1994, als ein plötzlicher Pestausbruch in dieser Stadt, die als "dreckigste Stadt Indiens" galt, 64 Menschen das Leben kostete. Hier waren ein schweres Erdbeben, eine extreme Dürre und heftige Regenfälle aufeinander gefolgt - und eine Rattenplage, die der Seuche den Weg bahnte. In Tuscon, Arizona, zwei Jahre zuvor, ist es anders gewesen. Denn auch Hunde oder Katzen, die pestkranke Nagetiere gefressen haben, können die Seuche weiterverbreiten - genau das wurde Jeff Brown zum Verhängnis. Solche Nagetiere können Präriehunde, Erdhörnchen, Hamster, aber auch Ratten sein, in deren Fell jene Flöhe hausen, in deren Verdauungstrakt sich der Pesterreger eingenistet hat. Von den bekannten 2.400 Floharten können etwa 120 das Pestbakterium übertragen. Dieses Bakterium wird Yersinia pestis genannt, zu Ehren des Schweizers Alexander Yersin, der es 1894 zeitgleich mit dem Japaner Shibasaburo Kitsitato entdeckte, und zwar in Hongkong (damals wütete in China eine Pestepidemie, die mehreren Millionen Menschen das Leben kostete).

Freilich bleiben die Ratten der wichtigste Überträger. Es gibt mehrere Hundert Spezies in der Gattung der "Rattenartigen", die wichtigsten sind die Hausratte (Rattus rattus) und die größere, widerstandsfähigere Wanderrate (Rattus norvegicus), die ihren Konkurrenten fast überall in den Hintergrund gedrängt hat. Ratten sind wahre Überlebenskünstler - sie überstehen Stürze aus großer Höhe, können hervorragend klettern und schwimmen und sind äußerst intelligent. Zudem kann ein Rattenpaar etwa 1.000 Nachkommen in die Welt setzen. Kein Wunder, dass sich die Wanderratte über die ganze Welt verbreitet und alle menschlichen Nachstellungen überstanden hat. Im Gegenteil, derzeit scheint Rattus norvegicus gegenüber Homo sapiens im Platzvorteil zu sein - aus vielen Regionen der Welt wird über ein Wachstum der Rattenpopulationen berichtet. In Berlin dürften heute mehr Ratten als Menschen leben, und aus Großbritannien wurde schon vor acht Jahren berichtet, wie sehr die Ratten von den ökologischen Sünden der Menschen profitieren. Die Agenturmeldung vom 9. November 2000 sei im Originalton zitiert: "Britische Kammerjäger stehen vor einer Herausforderung: Die Zahl der Ratten hat in einigen Grafschaften binnen eines Jahres um 85 Prozent zugenommen. Die Gründe: Weggeworfene Hamburgerreste und andere Überbleibsel der Fast-food-Kultur bescheren den Nagern einen reich gedeckten Tisch. Dank der Klimaerwärmung kommen sie besser durch den Winter und werfen in immer kürzeren Abständen Junge". Seither dürfte das Problem an Brisanz eher noch gewonnen haben.

Im langfristigen Mittel werden der WHO jährlich etwa 1.500 Pestfälle gemeldet, von denen etwa zehn Prozent tödlich enden; indes dürfte die Dunkelziffer erheblich sein. Aus den Waldgebieten der Erde, von den Rocky Mountains bis nach Madagaskar und Vietnam, in denen die Seuche als "silvatische Pest" überdauert, kann sie jederzeit wieder in die städtischen Ballungsgebiete dieser Erde getragen und dort durch die stark gewachsenen Rattenpopulationen weiterverbreitet werden. Zwar lässt sich die Krankheit durch die modernen Antibiotika gut und wirkungsvoll bekämpfen - vorausgesetzt, diese stehen in ausreichender Menge zur Verfügung, was für Mega-Cities wie Lagos, Kairo oder Mumbai mit bis zu 20 Millionen Einwohnern bezweifelt werden darf.

Schon der große Pestausbruch, der 1347/48 als "Schwarzer Tod" die Bevölkerung Europas auf fast die Hälfte reduzierte (man schätzt fast 30 Millionen Tote; erst 1550 erreichte die Bevölkerungszahl wieder den Stand des Jahres 1300 mit über 70 Millionen Menschen), zeigt nachdrücklich, wie eine globalisierte Weltwirtschaft der Seuchenausbreitung Vorschub leistet: Auf genuesischen Galeeren wurde seinerzeit der Pesterreger von der Halbinsel Krim nach Sizilien importiert. Er bestimmte die Geschicke Europas über Jahrhunderte hinweg - die Stadt Köln, beispielsweise, wurde erst im 17. Jahrhundert für "pestfrei" erklärt. Die Habsburger Monarchie errichtete an ihrer Ostgrenze einen sorgfältig überwachten "Pestkordon" mit gründlichen Quarantänemaßnahmen, um das Wiedereindringen der Seuche zu verhindern.

Rund 300 Jahre ist Europa seither von der Pest verschont geblieben, andere Seuchen, etwa die Cholera, rückten in das Zentrum behörderlicher und medizinischer Vorbeugemaßnahmen. Aber das letzte Wort ist noch nicht gesprochen. Von der Klimaerwärmung profitieren viele Krankheitserreger, und auch für die Wiederverbreitung der Pest werden so günstigere Bedingungen geschaffen. Klimaveränderung, Vermehrung der Ratten, rasantes Wachstum riesiger Städte mit ihren breiten Gürteln von Elendsquartieren - das ist eine gefährliche Mischung. Nicht nur in Madagaskar, wo er gegenwärtig Schrecken verbreitet, ist der "Schwarze Tod" eine höchst aktuelle Bedrohung.

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