Kein Grab - nur die Felder von Chelmno

Erinnerung an meinen Grossvater Eine Tasse Schokolade in der Tauentzienstraße

Die seelen- und gesichtslose Instant-Architektur einer umtriebigen Gründer-Zeit seit 1990 beherrscht heute die Berliner Mitte. Dieses grandiose "Aufbauwerk" hat unter anderem bewirkt, dass auch letzte Spuren getilgt wurden, die noch daran erinnern konnten, dass hier einmal eine der größten, vitalsten und widersprüchlichsten jüdischen Gemeinschaften in Deutschland lebte. Menschen, denen mit dem "Novemberpogrom" von 1938 oft die Existenzgrundlage genommen wurde - drei Jahre, bevor im Herbst 1941 vom Bahnhof Grunewald die ersten Züge mit Deportierten nach Riga und Lodz rollten.

Es steht immer noch, das Haus aus rotem Backstein in der Claudiusstraße mit seinen nach innen gebauten Balkons, die meine Großmutter Loggia nannte, lange bevor ich das Wort schreiben konnte. "Geht schon mal auf die Loggia", rief sie aus ihrer Küche, wenn ich mit meinem Bruder zu Besuch kam. Wir wohnten nur zwei Straßen entfernt damals, das war zwischen Berlin-Tiergarten und Moabit, fast an der Spree.

Meine Großmutter Minna war die Seele oder der gute Geist in dieser Wohnung. Irgendwann zu Beginn des Jahrhunderts muss sie mit dem Großvater dorthin gezogen sein. Aus dem Schlesischen kamen beide. Obwohl ich, außer einem einzigen Foto meiner Mutter, kein Bild von der Familie besitze, erinnere ich mich gut an Großvaters gewaltigen Schnauzbart und Großmutters Frisur. Das nennt man nicht Frisur, das ist ein Dutt, hatte sie uns neugierigen Kindern einst erklärt, und ich kann nur vermuten, dass sie das hochgesteckte Geflecht, kunstvoll mit Kämmen zusammengehalten, als junges Mädchen oft trug - der Großvater wird es gesehen haben. Seltsam, wie man sich im Alter dieser scheinbar unwichtigen kleinen Dinge erinnert.

Also, es steht noch da wie einst, dieses Haus meiner frühesten Kindheitserlebnisse. Die Loggia schmücken links und rechts zwei wie vom Steinmetz gestaltete Falken, man konnte dort sitzen und erste Rechenaufgaben sauber aufschreiben. Später dann durften wir allein die Nachmittage auf der Loggia verbringen. Fern von dieser immer lauter werdenden Welt. Die Großmutter half dem Großvater in der Markthalle am Geflügelstand. Dann starb unser Vater. Wir Kinder sahen zum ersten Mal eine Beerdigung auf einem Friedhof.

Eines Tages dann kam mein Großvater schon vormittags nach Hause, er war nervös und sprach nicht. Wir Kinder waren frühzeitig wieder aus unserer neuen Schule zurückgekommen, in die unsere Mutter uns umgeschult hatte. Es war die jüdische Mittelschule in der Großen Hamburger Straße am Rande des "Scheunenviertels". Den Geflügelstand des Großvaters hatte man zerschlagen, geplündert und zerstört. "Kauft nicht beim Juden!", soll auf einem Schild vor den Trümmern des Standes gestanden haben, wo meine Großeltern jeden frühen Morgen jahrelang ihre Kunden bedient hatten.

Zu Hause saß der Großvater an der Schmalseite des braunen Esstisches. Als Großmutter Minna noch lebte, saß sie zu seiner Linken. Sie musste "auftun", wie das Austeilen der Hühnerbrühe oder des Geflügels an Sonntagen genannt wurde. Sie war auch eine Spezialistin für "gefüllten Fisch" - Hecht mit Gehacktem - und für "Himmel und Erde", das war Apfelmus mit Kartoffelbrei. Apfelstrudel gelang ihr am besten.

Wenn wir alle zusammen beim Frühstück saßen, mein Bruder, unsere Mutter und ich, schnitt Opa Julius die Brötchen für uns und belegte sie mit Käsescheiben und Mostrich. "Senf" sagte er nie. Er hatte überhaupt seinen eigenen Wortschatz. An hohen Feiertagen trug er besondere "Beinkleider", wie er die Hose nannte, und einen dunkelblauen "Rock", das war die Jacke. Der Mantel hieß "Paletot", und oft hörte man ihn rufen: "Wo ist mein anderes Glas?" Gemeint war seine zweite Brille für besondere Gelegenheiten - der Kneifer. Über der Weste gab es eine Kette, an der er die Taschenuhr herauszog und uns Kindern das Öffnen des Sprungdeckels geduldig immer wieder zeigte.

Er war wohl nicht streng religiös, aber an "hohen Feiertagen" ging er mit Minna in die Synagoge, entweder zu der in der Levetzow-Straße oder jener in der Oranienburger. Es hing davon ab, welcher Rabbiner predigte. Prinz, Baeck und Zwarsenski waren Namen, die er achtungsvoll aussprach, und er hätte es gern gesehen, wären wir ihm gefolgt. Aber wir Kinder mochten nicht das Feierliche. An solchen Tagen trug Opa Julius einen Zylinder. Und meine Großmutter - man saß getrennt von den Männern auf einer Empore - war in dunkle Seide gekleidet.

Wir lebten längst nicht mehr zusammen in der Wohnung in Moabit, wechselten alle paar Monate in eine billigere Behausung. Den Großvater sahen wir Kinder nur noch alle vier Wochen. Wir wussten nicht, wo er wohnte. Wir trafen uns bei Zuntz´ sel. Witwe, einem Café in der Tauentzienstraße - darauf bestand er. Wir bekamen jeder eine Tasse Schokolade und ein Stück Kuchen, er trank nur ein Glas Wasser. "Kaffee bekommt mir nicht" - ich habe es noch im Ohr.

Er hatte sich verändert, war in schäbigen "Beinkleidern", ohne sein goldschimmerndes "Glas". Und das Auffälligste war, dass Uhr und Kette fehlten. Er erschien uns wie ein Fremder. Bald hörte ich nichts mehr von ihm. Für etwa 25 Jahre oder länger.

Später las ich in einem Archiv in Warschau, dass seine Eltern Joel und Ernestine, geborene Pasternak, hießen, und dass Großvater Julius am 21. August 1871 in Inowroclaw geboren wurde. Auf dem Papier stand auch, dass er 1941 "ein Zimmer ohne Küche mit vier anderen Personen in Lodz "bezog". Er hatte die Registriernummer 31.833 und "bezog" die Wohnung Nr. 10 in der Brotgasse 6. Am 16. November 1941 unterschrieb er diesen Schein mit dem Vermerk: "Auf Transport".

Vor zwei Wochen erfuhr ich vom Brandenburger Landesarchiv aus den alten Vertreibungsakten, dass mein Großvater, meine Mutter und deren Schwester mit dem vierten Transport aus Berlin nach Lodz verschleppt wurden - meine Mutter war von Fahrgästen in der Straßenbahn denunziert worden, als sich ihr gelber Stern, unter dem Mantel versteckt, gezeigt hatte. Sie war auf dem Weg zum jüdischen Arzt, der sich "Krankenbehandler" nennen musste. Die Passanten riefen die Polizei ...

Mein Großvater blieb im Lodzer Ghetto noch vier Wochen am Leben, meine Mutter und deren Schwester Margarete vegetierten dort noch drei Monate länger als ihr Vater.

Ob sie kurz vor ihrem Tod von jenen Fahrzeugen wussten, deren Auspuffgase ins Innere des Wagens geleitet wurden, damit die Hineingepferchten auf der Fahrt erstickten? Deutsche Ingenieurkunst hatte das fabrikmäßige Töten in Gaskammern erst etliche Monate später perfektioniert. So "lebten" sie alle dort in Lodz, bis die Reihe an ihnen war.

Es gibt für den Großvater wie für seine Töchter kein Grab - nur die Felder von Chelmno. Dort wurden die Erstickten ausgeladen. Später - die Rote Armee rückte näher - wurden die Felder nochmals umgepflügt. Fragen bleiben: Was wussten die Eisenbahner, die den Transport der Deportierten von Berlin nach Lodz besorgten? Oder die Kraftfahrer der fahrbaren Gaskammern, die Treckerfahrer, die die Erstickten unterpflügten?

Haben sie später ihren Frauen über ihr "Heldentum" berichtet, ihren Kindern oder Enkeln Fotos hinterlassen - mit dem Hakenkreuz auf der Uniform, noch heute auf dem Regal stehend, während in Chelmno der Wind den Todesstaub verweht?

Der Autor konnte nach dem November 1938 mit einem Kindertransport nach Großbritannien gerettet werden. Soeben ist sein Buch Beim Betreten des Hauses erschienen, NORA-Verlag 2002, ISBN 3-936-735-03-4.

00:00 15.11.2002

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