Kein guter Ort

Ghana Auf der weltgrößten Elektroschrotthalde in Accra leben 40.000 Menschen
Kein guter Ort
Wenn es gut läuft, verdienen Ismael Al Hassan (links) und sein Freund 2,50 Euro am Tag

Foto: Friedrich Stark/Imago

Agbogbloshie ist ein unwirklicher Ort. So erzählten es mir Studierende, die die größte Elektroschrottmüllhalde der Erde bei einer Exkursion mit eigenen Augen gesehen hatten: Nicht weit vom Zentrum der Millionenstadt Accra, der Hauptstadt Ghanas, erheben sich Berge von ausrangierten Fernsehern, Kassettenrecordern, DVD-Spielern, Computern aller Arten, Monitoren, Tastaturen, Elektrokabeln, Handys. Es ist die apokalyptische Kehrseite davon, dass Hunderte Millionen Konsumenten Jahr für Jahr ihre neuen, glitzernden Hightech-Gadgets durch noch neuere ersetzen, ihre Handys durch Smartphones, ihre Walkmans durch iPods und immer so fort. Hier landet all das, was eben noch wertvoll, neu und begehrenswert war, jetzt aber nur mehr als leere Hüllen von Plastik, wertlosen Platinen, erloschenen Displays hier liegt. Rauch steigt auf und hüllt die Berge von Elektroschrott in Nebel, schlammige Trampelpfade durchziehen das Terrain, gesäumt von windschiefen Bruchbuden aus Holz- und Metallabfall. Darüber wabert ein gräulicher, bisweilen grünlicher Smog, das Atmen fällt schwer, beißender Qualm reizt die Schleimhäute.

Die Einheimischen nennen Agbogbloshie „Sodom und Gomorrha“. Die Elektromüllhalde liegt nahe der Korle-Lagune, nur ein paar Kilometer vom Atlantischen Ozean entfernt westlich des Hauptbahnhofs von Accra. Für mehr als 40.000 Menschen ist sie für kürzere oder längere Zeit ein Zuhause, die meisten von ihnen Zuwanderer aus den armen ländlichen Gegenden im Norden des Landes. Aus Accras besseren Vierteln werden die Zugewanderten vertrieben, da sie nicht zu einer der eingesessenen Familien gehören. Daher suchen sie ihr Heil auf den Müllbergen. Bis auf ein bisschen Handel mit Gemüse und Getreide dreht sich die gesamte lokale Ökonomie um den Elektroschrott. Die Wirtschaft der Millionenstadt Accra wie die des ganzen Landes profitiert davon.

Auf den ersten Blick erscheint Agbogbloshie völlig chaotisch, umso mehr, als Hunderte von Feuern hier Tag und Nacht lodern und das ganze Jahr über die Sonne mehr zu erahnen denn zu sehen ist. Doch auch hier herrscht eine Art Ordnung: Kleine Jungen und junge Männer durchstreifen in Gruppen unablässig das Gelände und sammeln Schrott ein, die einen Kabel, die anderen Laptops, wieder andere Monitore. Sie schleppen ihre Ausbeute zu anderen Gruppen von ebenfalls meist jungen Männern, die sich um improvisierte Feuerstellen scharen. Dort werden die noch verwertbaren Metalle aus dem Elektroschrott herausgeholt, mit einfachsten Mitteln, unter erbärmlichsten Arbeitsbedingungen, ohne Rücksicht auf Verletzungen, Unfälle und Gesundheitsschäden. Kupfer, Blei, Aluminium sind begehrte Rohstoffe, die Schrottverwerter von Agbogbloshie können sie verkaufen. An lokale und regionale Metallhändler, die die Hunderte und Tausende von Tonnen an Metallen von den Elektromüllbergen weiterverkaufen und damit große Gewinne machen. Wenn es gut läuft, können die Mitglieder so einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen etwa 2 bis 2,50 Dollar pro Tag verdienen. Deshalb halten sie durch und gehen Tag für Tag zurück auf die E-Müll-Deponie.

Übelkeit, Bleivergiftung, Krebs

Dort herrscht eine strikte Arbeitsteilung nach Alter und Geschlecht. Ältere Männer spielen Vorarbeiter und Aufseher, junge Männer und kleine Jungen machen die gefährliche Drecksarbeit im Schrott. Frauen und Mädchen wandern herum, von einer Arbeitsgruppe zur anderen, und verkaufen Wasser, geschälte Orangen und gekochte Mahlzeiten an die Arbeiter. Die älteren Frauen führen die zahllosen Küchen und kleinen Marktstände überall im Slum.

Ein Blick auf den Elektroschrott reicht, um zu sehen, dass Agbogbloshie ein Teil der globalen Ökonomie unseres gegenwärtigen digitalen Zeitalters ist. Der Schrott kommt aus aller Welt, alle führenden Marken, US-amerikanische, chinesische, koreanische, japanische, europäische, sind vertreten.

2007 lancierten die Vereinten Nationen die Step-Initiative, „Solving the E-Waste Problem“, um das Problem der wachsenden Massen von Elektroschrott anzupacken. Um über 33 Prozent werde die Masse an Elektroschrott in den nächsten vier Jahren wachsen, warnten die UN 2013. Nach den Schätzungen der Step waren es 2014 fast 42 Millionen Tonnen. Bis Ende 2018 soll die auf der ganzen Welt erzeugte Masse von Elektroschrott auf über 50 Millionen Tonnen gewachsen sein. Ghana importiert mehr als 40.000 Tonnen Elektroschrott jedes Jahr und kann sich daher rühmen, die größte Recyclingindustrie auf dem ganzen afrikanischen Kontinent zu haben.

Tausende Tonnen Konsumabfall kommen aus Europa, noch mehr aus den USA und immer mehr aus Asien. Der Großteil allerdings stammt aus anderen afrikanischen Ländern. Agbogbloshie ist eine wichtige Drehscheibe beim Recycling und bei der Wiederverwertung von Elektroabfall in Afrika und in der Welt. Dabei ist offiziell – laut Basler Konvention – der Export von Elektroschrott aus den reichen Ländern des Westens in Entwicklungsländer verboten. Doch diese legale Hürde lässt sich leicht vermeiden, man braucht den elektronischen Schrott nur umzudeklarieren: Anstelle von Schrott exportieren die USA und die EU-Länder gebrauchte, „second hand“, Laptops, Drucker, Computer, Monitore, Handys. So kommt ein Großteil davon nach Ghana und in andere afrikanische Länder.

Das ist kein reiner Etikettenschwindel, denn neben der Jagd nach weiterverwertbaren Metallen auf den Schrottbergen blüht in den Slums von Accra auch eine regelrechte Second-Hand-Industrie für Elektrogeräte. In Tausenden von kleinen Werkstätten werden Computer, Laptops und Handys repariert beziehungsweise aus Schrottteilen neu zusammengebaut und dann als Second-Hand-Ware verkauft. Neuwertige Laptops aus der Fabrikation der führenden Hightech-Länder sind für die meisten Ghanaer unerschwinglich. In Ghana, wie im übrigen Afrika, geht die Digitalisierung mit gebrauchten und reparierten Computern aus dem globalen Norden voran. Aber früher oder später landen auch diese gebrauchten und wiederaufbereiteten Elektrogeräte auf Deponien wie den Schrottbergen von Agbogbloshie.

Für die Zehntausende von Menschen, die auf und von den Schrottbergen hier leben, ist Agbogbloshie kein guter Ort. Die Arbeit ist schmutzig, gefährlich und erbärmlich bezahlt. Schutzkleidung, passende Geräte, Maschinen, Recycling-Öfen auf dem heutigen Stand der Technik gibt es hier nicht. Unfälle und Verletzungen sind an der Tagesordnung, Verbrennungen, unbehandelte, eiternde Wunden, Augenverletzungen, Lungen- und Rückenschmerzen, Herz- Kreislauf-Erkrankungen kommen bald dazu. Die meisten, die hier arbeiten, werden rasch chronisch krank und leiden unter ständiger Übelkeit. Viele sterben an Krebs, andere an Bleivergiftung. Alle wissen, dass die Arbeit hier gefährlich ist, alle wissen, dass sie ihre Gesundheit ruinieren. Aber für viele gibt es keine Alternative.

Die Stadtverwaltung von Accra und die Regierung des Landes sind sich dessen bewusst, dass diese Art der Elektroschrottverwertung enorme Umweltschäden in Accra und der weiteren Umgebung bewirkt. Geht es so weiter, ist nicht nur die Gesundheit der Arbeiter auf den Schrottbergen und die der Slumbewohner bedroht, sondern die aller Einwohner Accras. Daher bemüht sich die Regierung seit Kurzem, gegenzusteuern und mithilfe moderner Recyclinganlagen des wachsenden Problems Herr zu werden. Eine Reihe von NGOS beteiligt sich. Die deutsche Bundesregierung plant, in Agbogbloshie eine Recyclinganlage zu bauen, für 20 Millionen Euro. Allerdings hilft das den Arbeitern auf den Schrottbergen wenig. Denn genug Jobs, um sie alle anständig zu beschäftigen und zu bezahlen, werden die neuen Recyclingfabriken nicht bieten können.

Michael Krätke ist Professor für Politische Ökonomie an der Lancaster University

06:00 27.02.2019
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