Kein Haus für alle

Hamburger Elbphilharmonie Fünf Jahre nach der Eröffnung ist vom geplanten Weltruhm wenig zu sehen, Vorstellungen begeistern vor allem das solvente Bürgertum aus der Umgebung. Und trotzdem ist das Konzerthaus für Überraschungen gut
Das solvente Bürgertum ist unterhalten
Das solvente Bürgertum ist unterhalten

Foto: Christian Charisius/AFP/Getty Images

Ist es nicht niedlich, wie sie in Hamburg derzeit von Litfaßsäulen und Plakatwänden gucken? Die kleine Jil, die kecke Ina, der schlagkräftige Alexander und natürlich Jonathan, der ewige Lausbub der Kunst. „Der fünfte Geburtstag ist erst der Anfang“, steht über den Kinderbildern hanseatischer Promis. Es gilt ein Haus zu feiern, das nicht einfach nur eine 789 Millionen Euro teure Philharmonie ist, sondern angeblich „ein Haus für alle“. Ein Gebäude, das, wenn man von der richtigen Seite draufschaut, auch an den Umriss einer Narrenkappe erinnert. „Elphi“ sagen sie zwischen Alster und Elbe liebevoll, als sei das vollverglaste Hochhaus ein muckeliges Wohnzimmer. Für das solvente Bürgertum mag das zutreffen, der Rest fährt mit der Rolltreppe zur zugigen Plaza und genießt den – auch sehr schönen – Blick über den Hafen.

Als die Elbphilharmonie vor fünf Jahren den Konzertbetrieb eröffnete, nach einer 14-jährigen Planungs-, Skandal- und Bauphase, galt es erst einmal, die zahlreichen Kritiker zu beruhigen. Weltstars wie Yo-Yo Ma, Anne-Sophie Mutter und Cecilia Bartoli demonstrierten die künftig zu erwartende Flughöhe; mit zwei Konzerten der Einstürzenden Neubauten machte die Marketing-Abteilung einen smart augenzwinkernden Punkt. „Die Eröffnung der Elbphilharmonie wurde sogar auf dem Times Square in New York gefeiert – die ganze Welt ist begeistert von Hamburgs neuem Wahrzeichen“, jubilierte die Welt nach 100 Tagen Betrieb. Waren wir wieder einmal Weltmeister geworden? Diesmal in Sachen Kultur? Das kommt auf den Standpunkt an. „Die ‚Weltpresse‘ hat seit dem Eröffnungsjahr keine ausführlichen Berichte mehr über die Elbphilharmonie geschrieben“, weiß die Süddeutsche Zeitung. Rund 80 Prozent der Besucher kommen aus dem Großraum Hamburg. Aber auch vielen weit gereisten Schwaben und sonstigen Touristen geht es vor allem ums Gucken und Staunen. Das Architektenbüro Herzog & de Meuron hat tatsächlich einen spektakulären Augenschmaus abgeliefert. Wird es deshalb im großen Saal nie so richtig dunkel? Immerhin erkennt man so, wie viele Besucher sich regelmäßig vor Ende des Konzerts, allein oder in kleinen Gruppen, aus dem Saal schleichen. Im Deutschen Schauspielhaus würde das Publikum wohl meutern, bei so viel gut ausgeleuchtetem Blickkontakt mit den Rängen gegenüber. Und günstig sind die Plätze im großen Saal ja auch nicht. Selbst wenn es auf der Webseite heißt: „Tickets ab 12 Euro“. Kennen Sie jemanden, der mal eins dieser Schnäppchen hoch oben unterm Dach ergattert hat?

Grundsätzlich gilt das Naheliegende: Die Nachfrage nach gediegener Orchester-Klassik ist größer als die nach mutigeren Klängen – Mahler schlägt Zimmermann. Unter dem Motto„Witness! Composed and Directed by Solange Knowles“ versuchte die Pop-Großkünstlerin und Beyoncé-Schwester 2019 den globalen Anspruch des Hauses einzulösen. „Please come fitted in ya finest all black“, wünschte sie sich auf Twitter. Das Publikum war so jung und divers wie noch nie, doch ganze Reihen blieben leer (und die Performance weitgehend hinter den Erwartungen zurück).

Trotzdem sind Konzerte in der Elbphilharmonie etwas, das man sich gerne mal gönnt. Für die meisten ist es die Ausnahme vom Alltag, nicht das kulturelle Wohnzimmer. Musikalisch ist es eher der kleine Saal, der überrascht und auch noch bezahlbar ist: Die Sopranistin Asmik Grigorian – im von Rosemarie Trockel kuratierten Paket mit Kristof Schreuf und der Electro-Band Kreidler – war jedenfalls ganz großes WOW!

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