Kein Heiliger in der Vitrine

Zauberer Zum Tod des Schriftstellers Saul Bellow

Saul Bellow ist tot. Der 89-jährige Literaturnobelpreisträger starb am 5. April in Brookline, Massachusetts, in der Nähe des Universitätsviertels bei Boston, wo er seine letzte Professur inne hatte. Seine Kindheit, Jugend und Lehrjahre als Schriftsteller verbrachte er aber in den weniger vornehmen Gegenden nordamerikanischer Großstädte. Der erste Satz in Bellows Rroman, The Adventures of Augie March (1953), mit dem ihm der Durchbruch gelang, weist auf die Selbstidentifikation des Titelhelden hin, der voller Stolz annonciert: "Ich bin Amerikaner, geboren in Chicago." Gern hat man Bellow selbst auch in diesem Kontext gesehen. Aber eigentlich hat diesen Satz ein in Kanada geborenes und aufgewachsenes Einwanderungskind geschrieben, dessen Vater, dem der Roman gewidmet ist, Russisch und Jiddisch sprach. 1913 wanderte die Familie von St. Petersburg nach Kanada aus, als Teilnehmer der großen europäischen Emigration, in der mehr als zwei Millionen Juden ihren Platz in der Neuen Welt suchten. Zwei Jahre später wurde Saul Bellow im armen Immigrantenviertel von Lachine, Quebec, einem Vorort von Montreal, geboren, wo zwei Schwestern seines Vaters Abraham und viele andere Ostjuden lebten.

Viersprachig wuchs er auf. Jiddisch, Englisch und Russisch hörte er zu Hause und Französisch auf den Strassen der polyglotten kanadischen Metropole. Er bekam auch regelmäßig Unterricht in Hebräisch. 1924 zog die finanziell ständig bedrängte Familie nach Chicago, um ihr Glück in den USA zu suchen. Dort, in der zweitgrößten Stadt Nordamerikas, bemühten sich Polen, Skandinavier, Italiener, Deutsche und Juden, einen Weg aus der Armut des amerikanischen Schmelztiegels zu finden.

Als armer, englischsprechender Junge aus Chicago, dem es gelang, die richtigen Universitäten zu besuchen und relativ schnell ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden, gilt er als glänzender Beweis des amerikanischen Traumes. Aber als Jude wie als kanadischer Immigrant blieb Bellow in seiner Wahlheimat zeitlebens ein Außenseiter, der die erfolgreichen Parvenus in der wachsenden Großmacht - meist waren sie in Bellows Romanen sogar Juden - mit wachem und ironischem Blick analysieren konnte.

Als Schriftsteller machte er von beiden Perspektiven Gebrauch. In seinen Romanen - er schrieb auch einige wenig erfolgreiche Theaterstücke - schimmert die alte Welt seines Vaters und seiner eigenen Kindheit durch. Diese war geprägt von einem ironischen, fast melancholischen Sinn für Humor, auch im Angesicht des oft grotesk brutalen Schicksals, das die Ostjuden immer wieder aufs Neue erleiden mussten. In den Werken von Shalom Aleichem oder Isaac Singer wurde diese Welt posthum an den Schreibtischen in New York verewigt. Der junge Saul Bellow hat die erste englische Übersetzung eines Werkes - es war die Kurzgeschichte Gimpel der Narr - seines späteren Nobelpreiskollegen I. B. Singer selbst angefertigt. Aber Bellow erlebte die Zerstörung der alten Welt seines Vaters im Zweiten Weltkrieg gefahrlos in einem Land, das er ehrte, weil es ihm sicheres Asyl bot, dem er aber gleichzeitig kritisch gegenüberstand, weil es als Preis des ökonomischen Erfolgs die Entfremdung des Einzelnen von seiner Kultur, ja sogar von seiner Religion und seiner Familie zu oft verlangte.

Bellow fing kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu schreiben an. Seine Romanwelt bleibt von Anfang bis Ende sehr männlich-orientiert: Die ersten Werke - Dangling Man (1944) and The Victim (1947) - portraitierten Männer, die mit der Entfremdung des Individuums in einer von Gewalt und Antisemitismus geprägten Welt zu kämpfen hatten. Bellow selbst überlebte den Krieg in New York im Dienst der US-Handelsmarine. Nach dem Krieg siedelte er für ein paar Jahre nach Paris um, wo er seine unverwechselbare literarische Stimme erst in seinem dritten Roman, The Adventures of Augie March, herausarbeitete. Sie bestimmte von da an den Ton in seinen großen Romanen. Oft genug spielten zwielichtige, im Leben wenig erfolgreiche jüdische Männer die Hauptrolle in diesen Romanen. Neben Henderson the Rain King (1959), der auf eine jüdische Hauptfigur verzichtet, markieren The Adventures of Augie March (1953), Herzog (1964), Mr. Sammler´s Planet (1970) Humboldt´s Gift (1976 ), The Dean´s December (1982), More Die of Heartbreak (1987) und Ravelstein (2000) diesen Hauptweg der amerikanischen Literatur der Nachkriegszeit.

Immer wieder hat man versucht, Bellow in die heilige Vitrine der großen jüdisch-amerikanischen Schriftsteller zu hieven - Bernard Malamud, Cynthia Ozick, Philip Roth, ja auch Woody Allen wären hier zu nennen. Er selbst sah sich nicht dort. Er sei zwar Jude, so schrieb er, was man immer wieder betone, aber auch Eishockeyfan, was man nie erwähne. Seine Fahne wollte er lieber in der Erde des Allgemeinmenschlichen aufgestellt sehen. Saul Bellow wird als einer der großen Schriftsteller des Jahrhunderts geehrt, nicht weil seine Antihelden Juden im Tumult eines gewalttätigen Jahrhunderts sind, sondern Menschen, die die furchtbare, aber manchmal auch sehr komische Isolation des Einzelnen zeigen in seinem Versuch, sich irgendwie in einer geistig verarmten Gesellschaft und Zeit durchzuwursteln.

Peter Stenberg ist Professor für Neuere Deutsche und Skandinavische Literatur an der University of British Columbia in Vancouver und Leiter des Instituts für Central, Eastern and Northern European Studies.


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00:00 15.04.2005

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