Kein Heros

Politik Zum 85. Geburtstag von Horst-Eberhard Richter

Am Montag dieser Woche wurde Horst-Eberhard Richter, Psychoanalytiker, Psychosomatiker und Autor zahlreicher Bücher, 85 Jahre alt. Richter ist eine Leitfigur der deutschen Friedensbewegung, seit er sich gegen die Raketen-Stationierung in der Bundesrepublik engagierte: 1981 mit seiner Satire Alle redeten vom Frieden und als Mitgründer der westdeutschen Sektion der Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW), 1982 als Verfasser der Frankfurter Erklärung gegen jegliche Form der Kriegsvorbereitung. Richters Engagement ist mit seiner psychoanalytischen Forschung eng verwoben, und sie datiert nicht erst von der NATO-Nachrüstung.

Bereits im Zweiten Weltkrieg, aus dem er 1944 desertierte, bildeten sich die Ideen seines Hauptwerks Der Gotteskomplex heraus. Darin untersucht er die Konsequenzen der Weigerung, zu leiden, die im neuzeitlichen Projekt der Todesabschaffung gipfelt. Eine Konsequenz erlebte Richter im Krieg: Allmachtshoffnungen und den Versuch, das Leiden heroisch zu überwinden. Er selbst, der als 19-jähriger vom Abitur aufs Schlachtfeld geholt worden war, hatte sich eine Gegenwelt aus Kulturerinnerungen zurechtgelegt, um sich in den Schrecknissen zu bewahren. Nach dem Krieg wurde das Bewusstsein der Mitverantwortung prägend. Er studierte Medizin, Philosophie und Psychologie, er baute später, 1962, das Psychosomatische Universitätszentrum in Gießen auf und wurde dessen Direktor. Im Gotteskomplex, der 1979 erschien, hat Richter zwei weitere Konsequenzen der Leidensverweigerung untersucht, wobei ihm Freuds Psychoanalyse zu Hilfe kam: die Strategie der Vermeidung und Verleugnung und den Versuch, das Leiden "als ein von außen gemachtes Übel" hinzustellen. Mit der letztgenannten Variante, in der man sich den inneren Leidensdruck durch Feindbildproduktion vom Hals schaffen will, ist Friedenspolitik immer wieder konfrontiert.

Es geht nicht nur um Politik, sondern auch um gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Dass die Hexenjagd der beginnenden Neuzeit eine Reaktion auf eine schwere Krise war, in der Leiden und Todesangst dramatisch zunahmen, ist bekannt. Richter erinnert daran und findet eine vergleichbare Angst in der Eigenart des heutigen Gesundheitswesens. Aus den Hexen werden Bakterien oder Viren: Das sind gewiss keine eingebildeten Feinde, aber wenn versucht wird, jede Krankheit auf sie zurückzuführen, nimmt das Viren-Paradigma wahnhafte Züge an. Wie Richter zeigt, führen wir manchmal schon das Sterben als solches auf Bakterien und Viren zurück, archaischen Völkern nicht unähnlich, die hinter jedem Tod den ihn verursachenden Feind ausmachen: Statt es für natürlich zu halten, dass irgendwann die Organe des Körpers nacheinander ausfallen, isolieren wir den Ausfall des ersten Organs und sagen, dessen Infektion mit Erregern sei fürs Sterben verantwortlich. Diese Schuldzuweisung scheint unsere Organe an maschinellen Zahnrädern zu messen, suggeriert sie doch einen Normalfall, in dem alle Organe so gleichzeitig stillstehen, wie sie sich vorher gleichzeitig bewegt haben.

Es geht andererseits um Politik in der Psychoanalyse selber, wo man ihre Existenz nicht selten geleugnet hat. Richter kritisierte die US-amerikanische Psychoanalyse dafür, dass sie das Behandlungsziel auf Ich-Stärkung und Verbesserung des eigenen Lebens verschiebt, "anstatt in die Tiefe der Innenwelt herabzuloten". In dem Vortrag Erinnerungsarbeit und Menschenbild in der Psychotherapie, gehalten 1995, erinnerte er an jenen Präsidenten der Amerikanischen Psychoanalytischen Vereinigung, der im Krieg Brigadegeneral gewesen war und nunmehr die Frage, wie man die Rate der Militäruntauglichen reduzieren könne, als vordringliches Forschungsziel angab. Weil das nicht sehr bekannt ist, hält man Ich-Stärkung für ein ganz unpolitisches Ziel, statt zu sehen, dass Psychoanalyse und Politik überhaupt nicht getrennt werden können. Denn gerade weil ihr Behandlungsziel der zur Anpassung an die Außenwelt fähige Nichtneurotiker ist, kann sie der Frage der Zumutbarkeit von Anpassung in einer gegebenen Gesellschaft nicht ausweichen.

Richter hat sich auch gegen die neuen Kriege im 21. Jahrhundert, bei denen Deutschland nicht mehr abseits steht, in vielen Interventionen öffentlich engagiert. In der Welt, wie sie ist, wird auch diese Zeitung immer wieder seine Beiträge erbitten.

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00:00 02.05.2008

Ausgabe 38/2020

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