Kein irrer Duft aus dem Garten Allahs

Kabul im Winter Auf den Ramadan folgt das Eid-Fest - islamische Weihnachten in einer Stadt, die oft kaum begreift, was mit ihr geschieht

Junge, warum willste denn da ooch noch hin?", meint mein Vater, als ich mich nach Kabul abmelde. Ich sage, ich will mich vergewissern, wovon ich längst überzeugt bin - dass man den Fernsehbildern nicht trauen kann. Ich muss mir selbst ein Bild machen von Afghanistan.

Bis zu meinem 38. Lebensjahr musste ich eine Weltanschauung haben, ohne die Welt anschauen zu dürfen. Inzwischen sah ich Länder und Städte, die mein Vater mit dem Reisebüro Deutsche Wehrmacht nicht eroberte. Auf dem Vormarsch nach Indien blieb er im Schnee des Kaukasus stecken und erfror sich zwei Zehen. Sonst hätte er im "Wunschkonzert" über Sender Kabul, 1940 von deutschen Technikern erbaut, Neujahrsgrüße an seine liebe Mutter daheim gesandt.

Fast auf den Tag genau 60 Jahre später, lande ich mit dem einzigen Airbus der afghanischen Ariana Airlines in Kabul. Glücklich am Boden nach einem waghalsigen Anflug über schneebedeckte Berge, die das 1.800 Meter hochgelegene Kabul-Tal um Rollbahnlänge überragen, rollt man vorbei an zerschossenen Passagiermaschinen, Kampfhubschraubern, Panzern und anderem Kriegsgerät russischer Bauart, das achtlos auf dem Flugfeld steht. Der Terminal aus den frühen sechziger Jahren täuscht außen europäische Moderne vor, drinnen herrscht asiatischer Destruktivismus. Die Neonleuchten der Gepäckhalle baumeln finster von einer maroden Deckenkonstruktion. Das Förderband Made in GDR ging vorzeitig in den Ruhestand, die Luftfracht fliegt per Muskelkraft durch ein Wandloch zurück zum Besitzer. Kofferträger in Dederon-Arbeitskitteln aus sozialistischer Produktion drängen sich um die Reisenden, die Ein-Dollar-Noten verteilen und wirren Blickes zum Ausgang taumeln. Dort warten indische Taxis und japanische Kleinbusse auf Menschenfracht: In der Mehrzahl Mitarbeiter internationaler Hilfsorganisationen, ein paar Journalisten und Geschäftsleute, keine Touristen, weder mit Rucksack, noch Vuitton-Luftkoffer. Auf dem Vorplatz reckt ein einbetonierter russischer Kampfjet vom Typ MIG-23 seine Nase in den trüben Kabuler Himmel. Die Fahrt geht vorbei am Schrottplatz der einst stolzen Ariana-Luftflotte. Dutzende weißblaue Tupolews und Iljuschins ruhen mit gebrochenen Schwingen im Staub der Geschichte, der wie Mehltau über Kabul zu liegen scheint - seit vier Jahren fiel hier kein Tropfen Regen, nur heftige Stahlgewitter aus allen Wolken.

Während der Fahrt über die schnurgerade Avenue Abdullah Ansari, benannt nach dem großen Philosoph des 11. Jahrhunderts - jetzt Great Massoud Road zu Ehren des vor reichlich einem Jahr ermordeten Führers der Mudschaheddin - suche ich vergebens nach weiteren Spuren des Krieges, die im Fernsehen das Bild von Kabul dominieren. Nur orientalischer Gleichmut und arabisches Unvermögen gegenüber historischen Lehmhütten und Holzbauten, an denen der Zahn der Zeit stetig nagt. Der Hausmüll verrottet vor der Tür und wirbelt im Sog der vorbeirasenden Taxis durch die Luft, um wieder dort zu landen, wo er nicht hingehört, auf dem Gehsteig. Dort kann man nicht gehen, weil alle paar Meter ein tiefes Loch durch unvollendete Schachtarbeiten an Strom- und Wasserleitungen klafft. Die Menschen kommen zu Fuß nur auf dem Asphalt voran und lösen ein Hupkonzert aus. Am Pushtunistan Square - jetzt Great Massoud Square - dirigiert ein Polizist mit dynamischem Taktgefühl à la Toscanini den Verkehr. Seine Autorität wird jedoch von Autos und Radfahrern kaum beachtet. Erst eine Straßenkontrolle bewaffneter Polizisten bringt die Blechkarawane vom Airport zum Stehen. Begierig schauen die Milizionäre in den Kleinbus und winken uns schließlich durch den Gefühlsstau des Checkpoints, nachdem der Fahrer ihnen 90.000 Afghani (zwei Dollar) zugesteckt hat.

Linkerhand ein dezent renovierter Zweckbau hinter hohen Mauern mit Stacheldraht und Videoüberwachung. Mein Stadtplan von 1972 verrät, dass es die alte und neue US-Botschaft sein muss. Aus Sicherheitsgründen weisen weder Sternenbanner noch Hoheitszeichen darauf hin, dass hier George Bushs gefährdetster Ambassadeur residiert. Nebenan verkommen die Studios von Afghan-Film, doch vis-à-vis erfreut das ISAF-Camp (*) der Italiener mit grün-weiß-roter Trikolore die Tristesse der menschenleeren Magistrale.

Wer nachts noch unterwegs ist, fühlt sich von seinen eigenen Schritten verfolgt

Auch im Zentrum herrscht kaum orientalisches Treiben. Die Chicken Street, Kabuls legendäre Souvenir-Meile, auf der einst Legionen von europäischen Hippies billigen Modeschmuck und Haschpfeifen feilboten, wirkt wie ausgestorben. Auf der Flower Street kein irrer Duft aus dem Garten Allahs, keine Blumenhändler. "An normalen Tagen ist hier mehr los", versichert mein Dolmetscher Achmad. Nach dem Ende des Fastenmonats Ramadan feiern die Kabuler drei Tage lang ihr Eid-Fest - islamische Weihnachten. Heute ist Eidul fitr, das kleine Fest in der Familie. Am morgigen Tag Eidul Duha. Zu diesem großen Fest werden Gäste bewirtet, und was man hat, erhalten die Ärmsten der Armen. Am dritten Tag feiern sie die Nacht der Macht, in der Mohammed die Offenbarung des Engels Gabriel zuteil wurde, auf allen Straßen. Bis dahin sei das Fahren auf Kabuls breiten, aber von Bussen und Taxis völlig verstopften Straßen ungefährlich, meint Achmad. Er ist 16 Jahre und spricht fließend Englisch. Weil er in Pakistan aufwuchs und das Selbstbewusstsein eines Maharadschas zur Schau trägt, nenne ich ihn fortan nur Little Prince. Weil ich mich als Europäer scheinbar furchtlos wie Lawrence of Arabia ins afghanische Abenteuer stürze, nennt er mich fortan Sir Thomas. Nomen est omen.

Mit der Rolle des bornierten englischen Kolonialoffiziers, den ich auf Reisen in den Orient mehr aus Notwehr denn aus Neigung spiele, sollte ich im anti-britischen Afghanistan noch Ärger bekommen. Doch erst einmal nimmt mich Kabul wie einen nahen Verwandten in seiner Mitte auf. "Aleman good friend! Rummenigge, Kahn, Ballack - good men!", rufen mir die Straßenkinder im Stadtviertel Share Naw zu und verlangen jeder einen Dollar Bakschisch. Binnen Minuten bin ich um einen Tagessatz meines Reisebudgets erleichtert und muss mein 70-Dollar-Zimmer im Hotel Intercontinental gegen eine billigere Accomodation eintauschen. Im Gästehaus Dreamland finde ich Quartier für die Hälfte, weil ich seit längerem der einzige Gast bin, der hier landet. Das Zimmer mit Ausblick auf eine dörfliche Gegend ist arabisch-geschmacklos, aber gemütlich und wenigstens symbolisch beheizt mit Propan-Gasbrenner. Strom gibt es nur stundenweise und nie, wenn ich ihn zum Schreiben und Lesen brauchte.

In Kabul wird es um vier Uhr dunkel, um fünf versinkt die Stadt in Apathie. Keine Straßenbeleuchtung, kaum Restaurants, drei Kinos für 3,5 Millionen Menschen. Wer nachts noch unterwegs ist, fühlt sich von seinen eigenen Schritten verfolgt. Auch wenn er nicht fürchten muss, überfallen oder von einer verirrten Kugel niedergestreckt zu werden. Seit einem Jahr schweigen im Tal des Kabul-Flusses die Waffen, doch das Elend eines nach 25 Jahren Bürgerkrieg von außen erzwungenen Friedens schreit zum Himmel. Weil dieser Frieden keine Sieger und Besiegte kennt, nur Verlierer und Verlorene. Ehemalige Taleban-Jünger ohne Bärte sitzen allerorts am Straßenrand und vergraben das Gesicht, um ihr Elend nicht sehen zu müssen. Zum Betteln sind sie zu stolz oder zu schwach. Tausende Flüchtlinge aus dem noch umkämpften Pandshab-Tal lagern in Zelten oder Ruinen am Stadtrand und werden von Hilfsfonds versorgt. Arbeit finden sie als Bauern in Kabul keine, denn der Boden gibt nichts mehr her, seit die Taleban die einst ausgeklügelte Wasserversorgung lahm legten und der Regen ausbleibt.

"In Kabul kann man nur noch verzweifeln", sagte ein Buchhändler, dem ich ein vergilbtes Büchlein über die Sitten und Gebräuche der Afghanen abkaufe. Die einst stolzen Krieger der Mudschaheddin sind depressiv und abgestumpft. Erst im Ausnahmezustand des Friedens, den fremde Soldaten sichern, wird ihnen die totale Niederlage bewusst, die sie sich und ihrem Land zufügten. Das ISAF-Korps muss die Afghanis vor sich selbst schützen, ihnen beibringen, fremdbestimmt, aber angstfrei zu leben, statt mit Glück und Gewalt zu überleben. Wie Kaspar Hauser lernen sie begierig alles Gekonnte neu und alles Neue gekonnt, doch das Trauma ihrer seelischen und körperlichen Wunden macht ihnen zu schaffen. Die arabische Apathie und Begriffsstutzigkeit, gepaart mit empfindlicher Förmlichkeit, treibt selbst multikulturell orientierte Europäer zur Verzweiflung.

Was Havanna für amerikanische Autos aus den Fünfzigern, ist Kabul für Busse aus den Sechzigern - ein Transportmuseum auf Rädern. 1929 bauten deutsche Ingenieure eine Trolleybus-Linie an der Peripherie der Stadt. Die Sowjets modernisierten Anfang der achtziger Jahre die fünf Kilometer lange Route und fuhren aus Heimweh selbst gern mit. Heute stehen die Busse brachial übereinandergestapelt an der Endstelle - von den Oberleitungen sind nur die Masten geblieben. An ihnen verfangen sich dauernd die bunten Papierdrachen, die Kinder lachend steigen lassen, weil es unter den Taleban verboten war, bildhafte Zeichen in Allahs Himmel zu malen. An den Häuserwänden der zerstörten Viertel, die ich doch noch finde, aber erst nach langer Suche, zeichnen sie die Piktogramme des Krieges, Panzer, Gewehre, Flaggen, Strichmännchen mit erhobenen Händen. Und in die Schule gehen die Kinder wie ins Kino, mit großen Augen und kollektiven Träumen. Fragt man die Jungen, sagt jeder: Ich will Ingenieur werden. Die Mädchen, deren Mütter unter den Sowjets in Moskau und Teheran studieren konnten, um unter den Taleban geistig zu verhungern, möchten Ärztin, Lehrerin oder Journalistin werden. Wie Jamila Mujahed, die Herausgeberin des Frauenmagazins Malalai, die gerade den begehrten japanischen Medienpreis erhalten hat.

Trotzdem entspricht die Mutter von vier Kindern nicht dem westlichen Bild einer Feministin. Alice Schwarzer würde rot sehen, sähe sie ihre Kollegin. Die attraktive Frau demonstriert weder profanes Selbstbewusstsein, noch verbale Angriffslust. Auf Fragen ausländischer Journalisten antwortet sie ausweichend und lässt sich ungern fotografieren.

Unter der Burka trauen sich die Frauen zu flirten, ohne ihr Gesicht zu verlieren

Jamila wohnt in der russischen Plattenbausiedlung Mikrorayon und geht dort nur in der Burka auf die Straße, um nicht von Männern angespuckt zu werden und ihre Geschlechtsgenossinnen nicht zu brüskieren. Die Burka, das hellblaue, feinbestickte Einheitskleid mit Gitterfenster, Gefängnis und Schutzraum der afghanischen Frau - was wurde nicht in den Westmedien darüber argumentiert und politisiert. Auf Kabuls Straßen zeigt sich ein anderes, komplexeres Bild. Zum einen ist die Burka ein bequemer Übermantel gegen allgegenwärtigen Staub. Darunter tragen die modernen Kabulerinnen das "kleine Schwarze" fürs Büro. Zum anderen können sie den weiblichen Blick ungeniert auf alles lenken, was ihnen männlicher Stolz verbietet. Arabische Männer sind leicht erregbar und schüchtern. Ein prüfender Blick auf ihr Äußeres ist ihnen peinlich. Unter der Burka trauen sich die Frauen, mit ihnen zu flirten, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Indem sie mit der Zunge schnalzt, signalisiert eine verschleierte Frau, dass ihr jemand gefällt.

Doch Kabul ist voller Männer, die schlecht gekleidet und ungepflegt daherkommen, herumstehen oder lethargisch am Boden liegen. Das kurze Tageslicht des Winters streift kraftlos über die freudlosen Gassen und einst berühmten Rosengärten, die längst verdorrt sind. Bäume stehen nur noch in Regierungsarealen und musealen Parks, der Rest wird verfeuert.

Wird fortgesetzt

(*)International Security Assistance Force, nach UN-Resolution 1386 (2001) Schutztruppe für Afghanistan

00:00 20.12.2002

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