Kein Krieg, kein Frieden

Ukraine Vor der zweiten Runde der Präsidentenwahl scheint das Land vom Westen ebenso weit entfernt wie von Russland
Kein Krieg, kein Frieden
Da ein Termin bei Angela Merkel nicht drin war, suchte Wladimir Selenskij Trost beim Freizeitsport

Foto: Valentyn Ogirenko/Reuters

Man kann sich die heutige Ukraine auch als Zukunftslabor erklären. Kurz vor der Stichwahl um die Präsidentschaft am 21. April taumelt das Land umher – viele Entwicklungen, die woanders als dunkle Prophezeiung gelten oder satirisch verballhornt werden, sind dort Realität. Da duellieren sich die Kontrahenten Wladimir Selenskij und Petro Poroschenko in perfekt durchgestylten Youtube-Videos, lassen sich vor laufenden Kameras Blut für Drogen- und Alkoholtests abnehmen, streiten darüber, ob sie irgendwann in einem TV-Duell miteinander streiten oder nicht. Zum Glück rappen die Kandidaten nicht, was sie aber vor allem vermeiden – über Politik zu reden. Hier wurde eine postdemokratische Maxime konsequent zu Ende gedacht: Inhalte überwinden.

Der Kandidat Selenskij steht ohnehin für eine bemerkenswerte Umkehrung der Verhältnisse. Bekannt geworden ist er als TV-Darsteller eines hemdsärmeligen Lehrers, der Präsident wird. Als er dann zum Jahreswechsel seine Kandidatur verkündete, war klar, dass in der Ukraine fortan die Realität das Fernsehen imitiert, und nicht umgekehrt. Es sollen schon New Yorker Mafia-Bosse die allzu lässigen Gangster aus Hollywood-Filmen nachgeahmt haben, aber für einen möglichen Staatschef ist die Realwerdung einer TV-Figur bemerkenswert.

Bei seiner Wahlparty in einem verglasten Protzbau in den Hügeln über Kiew gibt sich Selenskij als Sieger der ersten Runde zunächst so wortkarg, dass es fast den Anschein hat, als wäre er von seinem eigenen Erfolg überrascht. So fröhlich er mit Journalisten Tischtennis spielt und so hipsteresk die elektronische Musik aus den Boxen dröhnt, so unbeholfen wirkt der Bewerber in seiner Sternstunde. Da helfen auch hochgekrempelte Ärmel nur wenig. Vielleicht ist er der richtige Mann für ein Land, das sich so sehr selbst sucht. Und für ein Land, das sich selbst nicht über den Weg traut.

Besuch vom Geheimdienst

Wer dieser Tage durch Kiew zieht, hört viele Theorien, Gerüchte, alternative Wahrheiten. Wladimir Selenskij hätte sich mit der drittplatzierten Julia Timoschenko geeinigt, die ihn unterstützen und dafür mit dem Posten der Ministerpräsidentin belohnt würde. Selenskij werde in letzter Sekunde seine Kandidatur zurückziehen und das Amt an Poroschenko verkaufen, raunen manche. Und ein älterer Herr mit roter Nase erzählt vom Tag der ersten Wahlrunde, dem 31. März, dass vor der Zentralen Wahlkommission schon die „Tituschki“ – bezahlte Schläger – gewartet hätten, um eine neue Revolution zu starten. Zumindest dieses Gerücht lässt sich nachprüfen. Und ja, vor dem Gebäude lungerten wirklich mehrere hundert Männer mit kurzen Haaren und eher wenig akademischen Gesichtern herum. Auf Nachfrage erklärten sie, „spazieren“ zu gehen, oder so lange zu bleiben, bis eine „ehrliche Wahl“ garantiert sei. Am Ende zogen sie ab. Wer sie geschickt hatte, war nicht zu klären.

Im Konferenzraum eines Luxushotels gab es am Tag nach der ersten Runde mehrere Pressekonferenzen, der Saal war brechend voll. Die positive Nachricht war nach dem Eindruck der OSZE und zahlreicher internationaler Institutionen die Wahl selbst. Es gab Probleme, auch Meldungen über etliche Verstöße, aber insgesamt sei die Abstimmung frei und fair verlaufen.

Nach den offiziellen Wahlbeobachtern sprachen Cindy McCain und Vertreter ihres International Republican Institute, einer der Organisationen, die der Ukraine seit so vielen Jahren den Westen einzuimpfen versuchen. In ihren Reden kommen sehr oft Worte wie „Stolz“, „Demokratie“, „Freiheit“ und ständig „The Ukrainian People“ vor. Vor allem der getragene Ton und das ungebrochene amerikanische Pathos klingen verstörend, wie Stimmen aus den 1980er Jahren. Dabei wirkt Cindy McCain, Witwe von John McCain, selbst noch sympathisch, eine werteorientierte, im besseren Sinn dieses Wortes konservative alte Dame. Nur ist die Differenz zwischen dem ergriffen-amerikanischen Ton auf ihrem Podium und dem kratzig-ostigen Sound der Ukraine so riesig, dass hier nicht zwei Weltregionen aufeinanderprallen, sondern zwei Planeten.

Wie demokratisch die Ukraine heute ist, hängt naturgemäß davon ab, wer gefragt wird. Es gibt jedenfalls viele, die von dem starken Strom der prowestlichen Bewegung an den Rand gedrängt und marginalisiert werden. Eine „liberale Zensur“ nennt das beispielsweise die Lyrikerin Jewgenija Bilchenko. Sie hat die Euromaidan-Revolution unterstützt, sich danach aber enttäuscht abgewendet. „Deshalb wurde ich marginalisiert“, erzählt sie, „auch weil ich der russischen Sprache und Kultur nahestehe.“ Bilchenko – mit feuerroten Haaren, Hornbrille und tief ins Gesicht gezogener Mütze eine auffällige Erscheinung – sieht die Ukraine dem „transnationalen Kapital“ ausgeliefert. Sie hat an einer Hochschule unterrichtet, bekam irgendwann wie viele ihrer Kollegen Besuch vom Geheimdienst SBU. „Alle, die gegen den Krieg im Donbass sind oder nicht auf Regierungslinie, werden bedrängt und eingeschüchtert.“ Bilchenko selbst erzählt ihre Geschichte immer wieder, auch als Selbstschutz, und reist dafür bis nach Westeuropa. Sie bleibt laut. Und laut bleiben allerdings auch Kräfte, die seit 2014 die neue Freiheit dazu nutzen, von rechts auf die Mitte der Ukraine zu zielen.

Zahlreiche rechtsextreme Initiativen hatten sich vor der ersten Runde dieser Wahl auf einen Kandidaten geeinigt: Ruslan Kuschulinskij, ein adrett ergrauter Herr, vom Typ her eher Jörg Meuthen als Björn Höcke, der vor der Abstimmung in einem alten sowjetischen Theater zu seinen möglichen Wählern sprach. Die Klientel erinnerte an deutsche Rechts-außen-Termine: eher alt, eher männlich, eher wütend. Im Unterschied zu westeuropäischen Rechtsextremisten sprach Koschulinskij aber weniger über Flüchtlinge, sondern mehr über Weltpolitik. Der Phantomschmerz darüber, dass die Ukraine über keine Atomwaffen mehr verfügt, scheint groß. Wie um ein schlechtes Vorurteil zu erfüllen, wurden Koschulinkijs atomare Tagträume während des Meetings häufig von einem laut bellenden Schäferhund unterbrochen, den ein Glatzkopf mitgebracht hatte. Alle warteten geduldig, bis der Hund zu Ende gebellt hatte.

„Scheiße ist es geworden“

Im ersten Wahlgang erreichte Koschulinskij lediglich 1,6 Prozent. Auch wenn die Rechtsradikalen politisch eher klein blieben, so waren sie doch um symbolische Präsenz in der Öffentlichkeit bemüht. Und dort, wo in Kiew früher Lenin auf einem Sockel stand, wehte am Tag des ersten Wahlgangs die Flagge des rechtsextremen „Rechten Sektors“. Niemand fühlte sich berufen, das zu ändern.

Ein Blick auf die Ergebnisse vom 31. März zeigt, dass Selenskij fast überall vorn lag. Nur tief im Westen gewann Poroschenko einige Regionen. Im Osten hatte der gegenüber Russland konziliant auftretende Jurij Bojko zumeist die Mehrheit – dort also, wo der Konflikt mit den von Moskau unterstützten Separatisten weiter schwelt, die Ukraine lähmt, eingefroren ist und trotzdem heiß bleibt.

Eine Fahrt in den Donbass, das heißt in den von der ukrainischen Regierung beherrschten Teil, gleicht einem zivilisatorischen Absturz auf Schienen. Mit jedem Kilometer scheinen die Hütten und Häuser noch einige Grade schiefer im Wind zu stehen, sind die Gerippe von Lastwagen am Straßenrand noch rostiger. Was weiter auffällt, ist in den Städten die Leere der zentralen Plätze. Etwa in Slowjansk, einer Stadt mit etwa 110.000 Einwohnern, die mit dem Krieg in der Ostukraine gleich mehrfach von sich reden machte. Erst wurde sie 2014 von den Separatisten eingenommen, zu denen der seinerzeit berühmte Guerillero Igor Strelkow gehörte, später von der ukrainischen Armee zurückerobert.

Dort, wo in Slowjansk früher das Lenin-Denkmal stand, skaten an diesem Tag ein paar Jungen. Es ist warm, ein paar Familien schlendern umher – eine seltsame, trostlose Idylle. Nicht weit davon steht Taxifahrer Sjoma an seinem Auto. Er ist bereit, seine Sicht der Dinge zu erklären und den Besucher aus dem Westen herumzufahren. „Ich zeige dir, wie wir hier leben.“ Sjoma hat einen massigen Körper, der kaum von seinem Lada zu verkraften ist. Mit seiner krächzenden Stimme schreit er mehr, als zu sprechen. „Für 300 Dollar im Monat muss ich arbeiten. 300!“

Sjoma fährt zu einer Kreuzung, an der die von Kugeln durchsiebte Ortstafel an die Kämpfe vor fünf Jahren erinnert. „Es ist seither sozial kalt geworden hier. Scheiße ist es geworden!“ Die Hälfte seiner Bekannten sei prorussisch, die andere halte zu Kiew. „Es bricht alles auseinander!“

Er selbst stamme aus Russland, „aber ich lebe in der Ukraine, also ist es mein Land. Wir müssen alle miteinander auskommen“. Von den Separatisten halte er nichts, da herrsche nur Willkür. Doch auch für die Regierung in Kiew hat Sjoma nur Flüche übrig. Er fährt mit seinem Taxi in eine Sackgasse, um dort ein Mahnmal für ukrainische Soldaten zu zeigen, die an dieser Stelle von Separatisten getötet wurden. Von Steintafeln blicken junge Gesichter mit hoffnungsfrohen Augen. Neben und hinter dem Gedenkort fällt der Blick auf Felder.

Später wird Sjoma sagen: „Verflucht sollen all jene sein, die dafür gesorgt haben, dass wir hier aufeinander schießen.“ Sollte die Ukraine wirklich ein Zukunftslabor für eine postdemokratische Ära sein, dann ist der eingefrorene Konflikt im Osten des Landes deren Essenz. In dieser Region herrschen weder Krieg noch Frieden, nichts geht vor und nichts zurück, was einigen wenigen Krisengewinnlern satte Gewinne beschert und die anderen nicht aufmucken lässt.

Der Westen setzt auf die vermeintlich demokratischsten Kräfte, die kaum in der Lage oder auch willens sind, jene westlichen Werte zu vertreten, von denen ohnehin immer weniger Menschen wissen, worin sie eigentlich bestehen. So bleibt die Ukraine – zerrieben zwischen Ost und West – zunehmend allein zurück. Aber manchmal ist es vielleicht nötig, allein mit sich selbst zu sein, um festzustellen, wer man eigentlich ist.

Geschichtsbilder

Revision Schon nach der „Orangen Revolution“ 2004 wird die tradierte sowjetische durch eine nationalukrainische Geschichtsdeutung ersetzt, was u. a. dazu führte, Stepan Bandera (1909 – 1959) postum den Ehrentitel „Held der Ukraine“ zu verleihen. Damit wird der Führer der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) hofiert, die ab 1941 mit der deutschen Besatzungsmacht kollaborierte und sich an der Ermordung ukrainischer Juden beteiligte. 1943 war die UPA für Massaker an Zehntausenden Polen in Wolhynien verantwortlich.

Nach dem Maidan 2014 wird das restaurative Geschichtsbild zur Staatsdoktrin. So beschließt 2018 das Parlament in Kiew, für Armee und Polizei die Grußformel „Ruhm der Ukraine – Den Helden Ruhm“ wieder einzuführen, wie sie im II. Weltkrieg von Banderas Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) gebraucht wurde.

Nik Afanasjew, geb. 1982 in der Sowjetunion, ist häufig als Reporter in Osteuropa unterwegs. Zuletzt suchte er in Brest/Weißrussland nach Diego Armando Maradona (der Freitag 9/2019)

06:00 18.04.2019

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