Kein Manifest, eine Tat!

Wissenschaft und Verantwortung Vor 50 Jahren forderten die "Göttinger Achtzehn" den Verzicht auf eine Atombewaffnung der Bundesrepublik

"Die Göttinger Gelehrten hielten Rat
und sie erklärten jede Mitarbeit
an einer Bombe zu verweigern.
Das ist nicht nur ein Manifest, das ist die Tat!"

Günther Weisenborn Göttinger Kantate


Die Tat - das war das Manifest der Göttinger Achtzehn vom 12. April 1957. 18 namhafte Wissenschaftler um Carl Friedrich von Weizsäcker, darunter die Nobelpreisträger Max Born, Otto Hahn, Werner Heisenberg und Max von Laue, stellten sich gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Das Manifest ist als Göttinger Erklärung in die Geschichte eingegangen.

1957/58, in der Zeit des beginnenden Wirtschaftswunders und der politischen Normalisierung, schlug das Manifest hohe Wellen: Die Bundesrepublik erlebte ihre erste außerparlamentarische Opposition mit Massenprotesten gegen die nukleare Aufrüstung und einen drohenden "Atomtod". Wissenschaftler waren sich ihrer beruflichen Verantwortung bewusst und ließen es sich nicht mehr nehmen, in Fragen der Friedens- und Sicherheitspolitik Farbe zu bekennen und sich einzumischen.

Weiterentwicklung der Artillerie

Bis 1956 war die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik trotz einer weit verbreiteten antimilitaristischen "Ohne-mich-Haltung" der Bevölkerung Realität geworden. Kaum mehr als zehn Jahre nach der Kapitulation gab es wieder eine deutsche Wehrpflichtigenarmee, und die Bundesrepublik war der NATO beigetreten.

Um ihre Position im nordatlantischen Bündnis zu stärken, wollte die Bundesregierung im Rahmen der NATO die Aufrüstung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen durchsetzen. Im Kriegsfall sollten diese direkt im Gefechtsfeld eingesetzt werden. Bundeskanzler Konrad Adenauer und sein Verteidigungsminister Franz Josef Strauß verharmlosten noch Anfang 1957 die Atombewaffnung gegenüber einer zunehmend irritierten Öffentlichkeit. Als Adenauer am 5. April 1957 auf einer Pressekonferenz den Bogen überspannte und mit jovialer Unverfrorenheit die taktischen Atomwaffen kurzweg zu einer bloßen "Weiterentwicklung der Artillerie" erklärte, war der Anlass für die Göttinger Erklärung gegeben.

Die Unterzeichner des Manifestes bildeten die Elite der bundesdeutschen Atomforschung. Die Physikprofessoren und Leiter von Max-Planck-Instituten gaben ihrer "tiefen Sorge" über die Pläne zur atomaren Bewaffnung der Bundeswehr Ausdruck. Sie, als Atomwissenschaftler, erklärten der aufgestörten Öffentlichkeit, dass die taktischen Atombomben eine mindestens ebenso zerstörerische Wirkung haben würden wie die Hiroshima-Bombe. Ausdrücklich nahmen sie als "Nichtpolitiker" für sich in Anspruch, nicht zu allen politischen Fragen zu schweigen: "Unsere Tätigkeit, die der reinen Wissenschaft und ihrer Anwendung gilt, belädt uns mit einer Verantwortung für die möglichen Folgen dieser Tätigkeit." In ihrer Erklärung verurteilten sie die nukleare Abschreckungsdoktrin der Großmächte USA und UdSSR. Ein kleines Land wie die Bundesrepublik, so die "Göttinger Achtzehn", diene sich und dem Weltfrieden am Besten, wenn es keine atomaren Waffen besitze.

Der Text belässt es nicht bei Appellen, sondern schließt mit einer konkreten Handlungsabsicht: Die unterzeichnenden Wissenschaftler kündigten ihre Arbeitsverweigerung an; sie wollten sich an Herstellung, Erprobung und Einsatz von Atomwaffen nicht beteiligen.

Weizsäckers Schrecksekunde

Carl Friedrich von Weizsäcker, der maßgebliche Initiator des Göttinger Manifestes, sprach später von der "Schrecksekunde nach der Veröffentlichung unserer Erklärung". Die Wissenschaftler waren von der immensen Wirkung überrascht, die der Text in der Öffentlichkeit der Bundesrepublik auslöste. Die Erklärung beherrschte die Kommentarspalten der Tagespresse. Zustimmung kam von den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen: Gewerkschaftsverbände, Kirchenvertreter, Studierende, Hochschuldozenten, Kommunalparlamente und Frauenorganisationen schickten den Urhebern Dankestelegramme, Grußadressen, offene Briefe und Resolutionen.

Auch die Bundesregierung wurde von der Göttinger Erklärung überrascht. In ersten Stellungnahmen bestritten Adenauer und Strauß den Atomforschern schlichtweg die Kompetenz, sich in Fragen der Atombewaffnung einzumischen. Strauß sprach den Wissenschaftlern "eine ausreichende Kenntnis der politischen und militärischen Zusammenhänge" ab. Die Erklärung stelle das westliche Verteidigungskonzept in Frage, denn sie bedeute "praktisch die Auflösung der NATO". Angesichts der breiten öffentlichen Unterstützung für die Wissenschaftler verlegte sich die Bundesregierung jedoch schnell auf eine Taktik der Zurückhaltung: Im Jahr der Bundestagswahl wollte es die Regierung nicht auf eine Konfrontation beim Thema Atombewaffnung ankommen lassen.

Die Initiative der Wissenschaftler hatte Langzeitwirkung. Der Protest gegen die Atombewaffnung artikulierte sich ein Jahr nach der Veröffentlichung der Erklärung nicht mehr nur in Resolutionen und Debatten, sondern auch auf der Straße. Im März 1958 entstand mit Unterstützung von SPD und DGB, aber ohne direkte Beteiligung der "Göttinger", das bundesweite Aktionskomitee "Kampf dem Atomtod". Arbeiter, Intellektuelle und Kirchenvertreter engagierten sich gemeinsam gegen die atomare Aufrüstung. Ihre Mittel waren Kundgebungen, Mahnwachen und Großdemonstrationen, es kam auch zu politisch motivierten Warnstreiks.

Als Günther Weisenborns Göttinger Kantate im Mai 1958 auf dem SPD-Parteitag in Stuttgart uraufgeführt wurde, begann die Protestbewegung schon an Schlagkraft zu verlieren; sie wurde zunehmend durch antikommunistische Propagandaaktionen gelähmt. Die CDU stimmte mit ihrer absoluten Mehrheit im Bundestag der Aufrüstung der Bundeswehr mit "den modernsten Waffen" zu. Hier griff erneut die Verschleierungs- und Verharmlosungstaktik der Bundesregierung, denn es waren Nuklearwaffen gemeint.

Jenseits des Elfenbeinturms

Der Aufruf der "Göttinger Achtzehn" verhallte nicht wie viele andere Appelle im Elfenbeinturm der Wissenschaft, sondern hatte handfeste Folgen. Weil die Erklärung einem in der Bevölkerung latent vorhandenen Unbehagen eine Stimme verlieh, wurde sie zur Initialzündung für die Anti-Atomwaffen-Bewegung der Jahre 1957/58, der heute wenig bekannten ersten außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik. Die Bewegung politisierte viele gesellschaftliche Gruppen und ist mit ihrer modern anmutenden Protestkultur auch als Vorläuferin der Friedensbewegung der achtziger Jahre zu sehen.

Die historische Bedeutung der Göttinger Erklärung kann gar nicht groß genug veranschlagt werden: Erstmals in der deutschen Geschichte fanden Wissenschaftler den Mut, sich aus ihrer Sachkompetenz heraus in sicherheitspolitische Auseinandersetzungen einzumischen und sich gegen die Politik ihrer Regierung zu stellen: nicht länger als Einzelpersonen wie einst Albert Einstein, sondern als Expertengruppe.

Die politisch-moralischen und die fachlichen Impulse der "Göttinger Achtzehn" waren Vorbild für einen neuen Wissenschaftler-Typus, der nicht nur wissenschaftlicher Experte, sondern kritischer Staatsbürger ist und deshalb dezidiert politisch agiert. Als "political scientists" stellten sie das Wertfreiheitsparadigma der (Natur)-Wissenschaften in Frage, benannten die politischen und gesellschaftlichen Folgen und Gefahren wissenschaftlicher Entwicklungen und technologischer Neuerungen und regten Lösungen an.

Die "Göttinger" Born, Hahn, Heisenberg und v. Weizsäcker institutionalisierten ihren Protest und gründeten 1959 die "Vereinigung Deutscher Wissenschaftler" (VDW), die das friedenspolitische Engagement der "Göttinger Achtzehn" weiterführte und seit ihrer Gründung als deutsche Sektion der internationalen Pugwash-Konferenz fungiert. Dieses im Juli 1957 im kanadischen Pugwash gegründete weltweite Ost-West-Netzwerk von Wissenschaftlern befasst sich mit Fragen der atomaren Bedrohung und der Verhütung bewaffneter Konflikte. Zur Zeit des Kalten Krieges bildete die Pugwash-Konferenz ein vertrauensbildendes Beratungsgremium zwischen den verfeindeten Supermächten. Für ihr Engagement erhielten die "Pugwashies" um den Physiker Joseph Rotblat 1995 in einer späten Würdigung den Friedensnobelpreis.

Im Rahmen der Friedensbewegung der achtziger Jahre entstanden schließlich eine Vielzahl von Friedensinitiativen einzelner Berufsgruppen wie Pädagogen, Informatikern oder Soldaten. Die bis heute bekannteste Vereinigung ist die Medizinerorganisation "Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges" (IPPNW).

Heute geht es kritischen Wissenschaftlern nicht mehr nur um Rüstungspolitik und Konfliktlösungsstrategien, sondern auch um Fragen des Umweltschutzes, der Biotechnik und der Nachhaltigkeit. Die Vervielfachung und damit Diffusion der Themen und der ständige Kampf um mediale Aufmerksamkeit stellen die Nachfolger der "Göttinger Achtzehn" dabei vor neue Herausforderungen.

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00:00 13.04.2007

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