Kein Mann fürs "philosophische Quartett"

Friedenspreis Zur Verleihung des Friedenspreises des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels an Jürgen Habermas

Als Jürgen Habermas am 10. März 1997 anlässlich der Verleihung des Demokratiepreises der Blätter für deutsche und internationale Politik an Daniel Goldhagen seine Rede "Über den öffentlichen Gebrauch der Historie" hielt, rahmte er sie so ein, dass er am Anfang wie am Schluss "politische Aufklärung" als Ziel seiner Darlegungen benannte. Er bezog diese Aufgabe, dem Anlass seiner Ausführungen entsprechend, auf die "komplexe Vorgeschichte des Holocaust". Die damals noch immer anhaltende Polemik gegen Goldhagens Buch und die gerade aufwallenden Eklats gegen die Wehrmachtsausstellung dokumentierten die Aktualität der Preisverleihung ebenso wie die des Habermasschen Kommentars zu ihr.

Schon Mitte der fünfziger Jahre war Hannah Arendts Großmonografie Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft in Deutschland erschienen, jener Klassiker politischer Philosophie, der allen Empörungen über die simple Tatsachenfeststellung, dass die überwältigende Mehrheit aller Deutschen - ob Arbeiter, Intellektuelle, Akademiker, Kirchenleute - die NS-Zeit nicht als eine durch äußeren Zwang auferlegte Gewaltherrschaft, sondern als begeisternden Aufbruch aus der Katastrophe von 1918 durchlebt hatte, für immer den Boden entzog. Arendt vollzog diese Richtigstellung nicht in Form einer pauschalen Anklage, sondern in der nüchternen Analyse einer die nationalstaatliche Perspektive hinter sich lassenden europäischen Katastrophengeschichte vom Nationalismus über den Imperialismus zum Totalitarismus, jener Sackgasse politischer Verzweiflung, in der eine Überwindung des braunen Terrors nur noch durch den roten möglich erschien, einer Alternative, in der der Archipel GULag als das angebliche Gegenstück von Auschwitz legitimierbar erschien.

Hannah Arendts Resümee ihrer über 500 Seiten lautete: "Das hätte nicht passieren dürfen!" Aber ist denn aufgeklärt, warum es passiert ist? Historikerstreit, Goldhagendebatte, Tumulte gegen die Wehrmachtsausstellung, Walser-Eklat - das alles belegt, wie weit wir von dem Habermasschen Ziel politischer Aufklärung in diesem Bereich unserer eigenen Geschichte noch immer entfernt sind. Aber Habermas und sein wissenschaftliches Engagement seit den sechziger Jahren ist eine Gewähr dafür, dass vom Bemühen um Fortschritte solcher Aufklärung nicht abgelassen wird. Das zu unterstreichen besteht um so mehr Anlass, als ein Preis, der den ehrenvollen Namen Lessings trägt, gerade jemandem verliehen worden ist, der die Dankrede für seine Auszeichnung dazu missbrauchte, öffentlich zu behaupten, wir seien zerrüttet durch zu viel Aufklärung!

Was Habermas in dieser Sache zum unermüdlichen Sachwalter der Vernunft gegen alle Usurpationen eines feuilletonistischen Obskurantismus qualifiziert, ist seine Treue - eine gewiss nicht unkritische Treue! - zu jener Einsicht, mit der die Frankfurter Schule unermüdlich der apologetischen und restaurativen Demokratieheuchelei der Adenauerära entgegentrat: Dass mit dem Sieg der Anti-Hitlerkoalition zwar das Ende der NS-Barbarei, aber mitnichten das Ende der von ihr angerichteten kulturellen und intellektuellen Verwüstungen gekommen sei. Konnte das deutlicher dokumentiert werden als es durch die Heidegger- und Carl-Schmitt-Konjunktur der fünfziger Jahre geschehen ist?

Habermas hat mit den in demokratischen Schafskleidern daherkommenden intellektuellen Wölfen à la Maunz und Globke weder geblökt noch mitgeheult bei ihren so erfolgreichen Versuchen, den NS-Staat zu normalisieren - als das lediglich von einigen Radikalitäten Hitlers und Himmlers deformierte, nach 1945 beziehungsweise 1949 aber durch sein Bündnis mit den Westalliierten rehabilitierte Deutsche Reich, einen Staat wie alle anderen auch, ausgenommen die unschöne Tatsache seiner Geteiltheit.

Die Unabhängigkeit gegenüber diesem Geist der Restauration - der übrigens nie versäumte, sich als Gegner der Weimarer Republik zu bekennen und damit die Zweideutigkeit all seines Demokratismus zu signalisieren! - verlieh Habermas auch jene andere Unabhängigkeit, in der er einerseits die Intentionen der studentischen Opposition 1967 folgende durchaus zu würdigen wusste, gleichzeitig aber ein unnachsichtiger Kritiker allen blindwütigen Aktionismus und ein prophetischer Warner vor dem Absturz in den Abyssos der totalitären Gewalt sein konnte, einer Gewalt, in der faschistoide Züge gerade bei jenen wahrnehmbar wurden, die sich immer als antifaschistisch zu legitimieren pflegten.

Zehn Jahre später ergriff Habermas die Gelegenheit, ähnlich wie es 1931 Jaspers für die Sammlung Göschen getan hatte, das Erscheinen des tausendsten Bandes der edition suhrkamp zu einer Bilanz der "geistigen Situation der Zeit" zu ergreifen, die er freilich nicht allein wie Jaspers, sondern gemeinsam mit anderen Autoren ziehen wollte. Das in zwei Bänden Nation und Republik, Politik und Kultur 1979 publizierte Ergebnis sollten alle zur Kenntnis nehmen, die an der nicht zur Ruhe kommenden 1968er-Diskussion ein mehr als parteipolitisches Interesse nehmen. Zweierlei wird eine solche Kenntnisnahme offenbar werden lassen:

Erstens, dass die zur Zeit eine Hochkonjunktur erlebende Renegatenliteratur der Schabowskis von 1968 gerade aus der Ecke jener kommt, die Habermasens Warnungen von 1969 nicht ernst genommen oder nicht verstanden hatten.

Zweitens, was noch viel wichtiger ist: Alles, was die Konservativen nach 1989 als angeblich durch den Zusammenbruch der sozialistischen Diktaturen offenbar gewordene Wahrheiten vortrugen - es sind wortwörtlich Bestände des Agitationsarsenals der sechziger und siebziger Jahre, mit denen damals gerade auf die mit Sputnik-Schock und Kuba-Krise signalisierte Stabilisierung und den internationalen Bodengewinn der Sowjetunion reagiert wurde: Warnungen vor zu viel Demokratie als Anlass von Unregierbarkeit; Anspruchsmentalität der sozial Bedürftigen; Werteverlust durch Antiautoritarismus und "Verlust der Mitte" in der avantgardistischen Kunst. Nicht eine einzige neue Idee wird man in den Texten aus der Zeit nach 1989 finden, die die Ritter, Rohrmoser, Lübbe, Gehlen, Schelsky nicht damals schon vorgetragen hätten. Was ist größer, die Selbsttäuschung derer, die behaupten, ihre Ideen hätten 1989 einen weltgeschichtlichen Sieg errungen, oder der Betrug, altkonservatives Gedankengut als neoliberale Modernität unter die Leute bringen zu wollen?

Habermas jedenfalls kann für sich buchen, schon zehn Jahre vor der Friedlichen Revolution auf eine geistige Situation aufmerksam gemacht zu haben, in der eine verunsicherte Linke einer Rechten gegenüberstand, die außer wirtschaftlichem Wachstum und technologischen Weiterentwicklungen für die geschichtliche Zukunft keinerlei Perspektiven mehr besaß. Um so klarer hebt sich aus diesen Aporien heraus, was Habermas zu den Ereignissen der Friedlichen Revolution von 1989 zu sagen hatte. Nicht nur, dass sein Name unter den Erstunterzeichnern des Aufrufs zur Gründung des "Kuratoriums für einen demokratisch verfassten Bund deutscher Länder" vom 16. Juni 1990 steht. In seinem Beitrag zu den Verhandlungen der Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland", den er in der Sitzung am 4. 5. 1994 vortrug, sprach er sich in solcher Klarheit dafür aus, die Gegenposition zur SED-Diktatur auf einen "antitotalitären Konsens" zu stellen, dass dies auch in den zusammenfassenden Bericht der Kommission Eingang gefunden hat.

Eine nicht zu überschätzende Entscheidung, die allen mittlerweile beinahe zur herrschenden Lehre gewordenen Tendenzen, den antitotalitären durch den antikommunistischen Konsens des Kalten Krieges zu ersetzen, jede Legitimation entzieht. Das ist um so wichtiger, als es angesichts der von diesem Sprachgebrauch geförderten Meinungsbildung niemandem verborgen bleiben kann, dass diese öffentliche Adoption des Antikommunismus als eine nachträgliche Legitimation der Nationalsozialismus politisch wirksam werden muss und auch mittlerweile wirksam geworden ist. Warum denn gelang es den Nazis, das deutsche Bürgertum so vollständig auf ihre Seite zu ziehen, wenn nicht deswegen, weil dieses Bürgertum auch dort, wo es der Rassenideologie des NS fernstand, es in ihm doch den erfolgreichsten Bekämpfer des Kommunismus sah?

Alles hier Gesagte wäre gänzlich missverstanden, wenn es so gelesen würde, als solle Habermas auf seine Rolle als politischer Publizist reduziert werden. Das wäre nicht nur eine unerlaubte Verengung, sondern auch eine unhaltbare Interpretation von Habermasens wissenschaftlicher Position als Sozialwissenschaftler und Philosoph, als Philosoph und Sozialwissenschaftler. Denn genau die mit dieser Doppelfunktion eröffnete und unermüdlich wahrgenommene Kommunikation zwischen zwei durch die derzeitige chaotische Spezialisierung gefährdeten Wissensgebieten hat er kaum Überschätzbares für beide geleistet.

Er konnte einerseits im Methodenstreit der sechziger Jahre den Reduktionismus eines platt rationalistischen Positivismus ebenso in die Schranken weisen wie den usurpatorischen Universalismus einer Hermeneutik, die vor lauter Texten keine außertextliche Wirklichkeit mehr zu sehen und angesichts endlosen Interpretierens keine Urteile mehr zu formulieren vermochte. Gerade der letztere kritische Impuls trug im Spätwerk Faktizität und Geltung (1992) eine Frucht, die in der deutschen Philosophiegeschichte Epoche macht, weil sie die seit Hegel weithin abgerissene Beziehung zwischen Philosophie und Rechtsdogmatik wiederherstellt. Sie gibt damit einem Hegelschen Urimpuls gleichsam eine ganz unerwartete Wendung, indem sie nicht, wie es Adorno tat, Hegels positiv-systematischer Dialektik eine systemfeindliche entgegenstellte, die das Ganze als das Falsche denunzierte. Habermas hat solche Denunziationen nicht mehr nötig, weil für ihn die Normativität des Faktischen gebrochen ist in der Einsicht in die Faktizität des Normativen.

Und dieser so gut begründeten Position sollte nahegelegt werden, ihr Urteil gegen Heidegger aufzuheben, damit die Freundschaft mit den Brillantfeuerwerkern der französischen Postmoderne unter ihr nicht mehr zu leiden braucht, wie Raulff gerade in einem Essay des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung vorschlägt? Damit widerriefe Habermas alles, was ihm hier nachgerühmt worden ist. Denn es war nicht ein "politischer Irrweg" (Raulff) des Todtnaubergers, von dem man aus "Takt" oder "Kollegialität" in der Philosophie guten Gewissens abstrahieren könnte. Nein! Der Name Heidegger steht genau für jenen Irrweg einer Wissenschaft, die die Philosophie missbraucht, um sich der Pflicht zu pünktlicher Rechenschaftslegung und öffentlicher Verantwortung in die Parklandschaften einer privaten Ästhetik zu entziehen. Man lese nur einmal in der unlängst veröffentlichten sogenannten "Logik"-Vorlesung Heideggers nach, welchen Hochstapeleien die bemitleidenswerten Hörer dieses Kollegs von 1934 ausgesetzt gewesen sind!

Auch wenn es Nietzsche gewesen ist, der diesen unheilvollen Weg gewiesen hat - auch er konnte den Sieg nicht rückgängig machen, den Sokrates und Platon über eine marktgängig gewordene Sophistik errungen haben.

Denn mit der Logik der Ideenlehre fanden sie eine Dialektik von solcher Flexibilität, dass sie das von Hegel auf die Spitze getriebene Dilemma von positiver und negativer Dialektik, an dessen Gitterstäben auch noch ein Adorno vergebens rüttelte, schon im Ansatz und für immer hinter sich gelassen hatten. Entdeckten sie doch mit der Ideenlehre eine unüberbietbare Verallgemeinerung mathematischer Methoden, mittels derer sie ein nicht mehr intuitives, sondern diskursives Erfassen von Identität zu realisieren vermochten. Aus ihm entsprang die unendlich fruchtbare Rationalität eines Erkennens, dem Bejahung und Verneinung nie zusammenfallen und doch beide vollen Anteil am Aussagen der Wahrheit haben.

Wie auch immer es um ihre Dialektik bestellt sein möge - unwiderruflich bleibt die Aufklärung allemal!

Das gilt natürlich erst recht gegenüber den Marktschreiern der postmodernen Sophistik in unserem Lande, die die vollkommen unberechtigte Kühnheit besaßen, die Frankfurter Schule für tot zu erklären. Sie wussten wirklich nicht, was sie taten. Denn sollten sie Recht behalten, was angesichts der Situation unseres Meinungsmarktes keineswegs ausgeschlossen ist, dann wäre nicht nur die Frankfurter Schule, sondern auch der intellektuelle Diskurs in unserem Lande gestorben. Wer sollte ihn wieder erwecken? Das in Aussicht gestellte "Philosophische Quartett" ganz gewiss nicht!

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00:00 05.10.2001

Ausgabe 42/2021

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