Kein Marsch ins Gelobte Land

Südsudan nach dem Tod von John Garang Nachfolger Salva Kiir gilt nicht als begeisterter Anhänger des Friedensabkommens mit dem Norden

Der biblische Vergleich scheint vielen Anhängern John Garangs durchaus angebracht: Ähnlich wie Moses, der sein Volk so viele Jahre auf dem Weg ins Gelobte Land führte und es doch nie betreten konnte, hat auch der Führer der Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung (SPLM) den 21 Jahre dauernden Bürgerkrieg gegen den Norden nur knapp überlebt. Drei Wochen, nachdem der Christ John Garang als erster Vizepräsident des Sudan vereidigt worden ist, stirbt er am 30. Juli mit 60 Jahren bei einem Hubschrauberabsturz. Allenthalben wird ein Attentat ausgeschlossen, dennoch gibt es Ausschreitungen in Khartum und anderswo, die bisher über 100 Menschenleben gefordert haben - und der Friedensprozess gerät in Gefahr, kaum dass er beginnen konnte.

Erst im Januar hatte John Garang für die SPLM einen Friedensvertrag mit der Zentralregierung in Khartum unterzeichnet, um dem größten afrikanischen Flächenstaat endlich Stabilität und Versöhnung zu bringen. Ein mehr als blutiger Bürgerkrieg sollte endlich ein Ende haben, zwei Millionen Todesopfer waren zu beklagen, mindestens vier Millionen Vertriebene hatten ihre Heimat verloren - die größte Zahl von Binnenflüchtlingen weltweit.

Das Abkommen sieht eine sechsjährige Übergangsfrist vor, danach soll der Süden per Referendum über eine mögliche Unabhängigkeit vom Norden entscheiden, doch auch jetzt schon wird der Region mit ihren ergiebigen Ölressourcen eine weitgehende Autonomie zugestanden. Das bedeutet nicht zuletzt, dass die drakonischen Gesetze der Scharia auch künftig nur für den moslemischen Norden gelten, der bewaffnete Arm der SPLM - die Sudanese People´s Liberation Army (SPLA) - noch für sechs Jahre eigene Soldaten unter ihrem Kommando halten darf - und Staatschef Omar al-Bashir und ein Vizepräsident aus dem Süden die Macht teilen.

Vom Marxisten zum Christen

In der letzten Phase des Bürgerkrieges hatte sich John Garang in seinem Kampf gegen das islamisch-fundamentalistische Militärregime in Khartum zusehends auf den Flankenschutz der USA berufen können. Die Selbstbekehrung der SPLA vom Marxismus zum Christentum fand Anklang in Washington. Garang galt als geradezu sakrosankte Führungsfigur, die wie niemand sonst die Interessen des sudanesischen Südens verkörpert. Es konnte daher kaum verwundern, dass ihm nie ein potenzieller Nachfolger zur Seite treten durfte.

Garang hatte in den USA als Agrarwirtschaftler promoviert und wurde daher gelegentlich als "Busch-Intellektueller" bezeichnet, der den Hörsaal für ein hartes Guerilla-Leben aufgeben wollte. Zumindest musste ihm zugestanden werden, die keinesfalls homogene südsudanesische Befreiungsbewegung über zwei Jahrzehnte hinweg vor allen zentrifugalen Tendenzen bewahrt zu haben, wenn auch oft mit zweifelhaften Methoden. Noch Ende 2004, kurz vor dem Vertrag mit Khartum, hatte er sich eines von seinem Stellvertreter Salva Kiir geführten internen Putsches erwehren müssen. Die Rebellen wollten kein Agreement mit dem verhassten Norden, sondern die Unabhängigkeit ohne Wenn und Aber - Garang hingegen blieb überzeugt, gerade weil Afrika so schmerzhaft von Sezessionen zerrissen ist, verdient ein einheitlicher Sudan eine Chance.

Was hat es angesichts dieser Vorgeschichte zu bedeuten, wenn - nach dem Tod des großen Bwana Mwalimu* - die SPLM-Führung in unerwarteter Einigkeit Salva Kiir zum Nachfolger und damit neuen Vizepräsidenten erklärt hat? Wird der jetzt erst recht eine Abspaltung des Südens betreiben und auf eine mehrheitlich sezessionswillige Bevölkerung setzen? Beobachter halten das für wenig wahrscheinlich, prophezeien aber, dass Kiir besonders aus einem Grund mehr Wert auf eine demokratische Kultur legen dürfte als sein Vorgänger: Während Garang oft durch die schiere Autorität und das Charisma seiner Persönlichkeit zu herrschen wusste, ist ab sofort mehr Konsens untereinander nötig, was der SPLM zu mehr Geschlossenheit verhelfen könnte. Dem stimmt auch Garangs Witwe Rebecca zu. Der BBC gegenüber meinte sie in Richtung SPLM-Führung: "Der Tod von John Garang war ein Weckruf für euch. Bisher habt ihr euch auf ihn verlassen. Jetzt ist es Zeit, dass ihr auf eigenen Füßen steht."

Wohin soll ich zurückkehren?

Garang hat kurz vor seinem Tod angekündigt, man wolle energisch mit dem Aufbau der Infrastruktur des vom Krieg heimgesuchten Südens beginnen. Einer Region, in der mehr als zwölf der 30 Millionen Sudanesen leben. Trotz des Erdölreichtums fehlen Straßen, Schulen, Hospitäler, was um so schwerer wiegt, als seit dem Friedensschluss mehr als 600.000 Flüchtlinge in ihre Dörfer - oder das, was davon übrig blieb - zurückgekehrt sind. Auch wenn die meisten Entwurzelten die Sicherheit eines Flüchtlingslagers einer ungewissen Zukunft im Sudan weiterhin vorziehen. Etwa 500.000 Sudanesen leben noch in den Nachbarländern - 60.000 davon allein in Kenia.

Die Skepsis der Rückkehrer scheint begründet, denn noch ist der Wiederaufbau mehr Programm als Realität. Von den fast zwei Milliarden Dollar, die aus dem Haushalt der Vereinten Nationen 2005 fließen sollen, ist bislang nur ein Drittel verfügbar. "Im Moment bauen die UNO und das Welternährungsprogramm Straßen aus, um Lebensmittel transportieren zu können", heißt es in Rumbek, der provisorischen Hauptstadt des Südsudan. Das größte Problem seien fehlende Fachkräfte, 20 Jahre lang wurden junge Männer vorwiegend von der SPLA rekrutiert. Wer das nicht wollte, ging ins Exil. So arbeitet der Physiklehrer eines Gymnasiums in Rumbek zugleich als Ingenieur für die Stadtverwaltung und beaufsichtigt mehrere Baustellen. "Wir brauchen dringend Rückkehrer", meint er. "Es ist beschämend, wenn Sudanesen im Ausland abwarten, was geschieht, anstatt hier mitzuhelfen."

"Wohin soll ich zurückkehren?", fragt in Nairobi der darauf angesprochene John Ajang, "wenn ich nicht einmal weiß, wo meine Familie lebt? Die Menschen sind vom Krieg traumatisiert und haben Angst. Die Kämpfe um Weideland und Wasserstellen gehen doch weiter wie im Krieg."

Dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR zufolge sind trotz Friedensschluss zwischen Januar und Juni knapp 15.000 Sudanesen nach Kenia und Uganda geflohen, sie finden in den Flüchtlingscamps, was die Heimat nicht bieten kann: Nahrung, Bildung und die Vergünstigungen des UN-Repatriierungsprogramms - all das zügelt die Sehnsucht nach einem unsicheren Schicksal im eigenen Land.

(*) In Ostafrika gebräuchliche Bezeichnung für den weisen Lehrer und Führer



Die Ära John Garang

1970 - als 27-jähriger Regierungsbeamter in Khartum hat Garang Kontakte zur Befreiungsbewegung Anya Nya (Schlangengift), die dem damaligen sudanesischen Staatschef Numeiri 1972 eine begrenzte Autonomie für den Südsudan abtrotzt.

1974 - zunächst militärische Ausbildung in den USA, später Studium und Promotion an der Iowa State University über Kanalprojekte im Südsudan.

1981 - Rückkehr nach Khartum, als Präsident Numeiri 1983 das Autonomiestatut für den Süden annulliert und dort die islamische Rechtsprechung einführen will, gründet Garang in seiner Heimatstadt Bor die Sudan People´s Liberation Movement (SPLM), deren bewaffneter Arm die Sudan People´s Liberation Army (SPLA) wird.

1983 - Beginn des Bürgerkrieges

1987 - die SPLA kontrolliert den gesamten Süden, noch im gleichen Jahr erstmals Friedensgespräche mit der islamischen Regierung des Nordens in London.

1989 - Abbruch der Kontakte, der Krieg hat zu diesem Zeitpunkt mehr als 350.000 Menschenleben gekostet.

1997 - die USA verhängen Sanktionen gegen den Norden und unterstützen immer offener Garangs SPLM.

2001 - erneute Friedensverhandlungen mit der Regierung von Ahmad al-Bashir in Kenia, zunächst über die Unabhängigkeit des Südens.

2005 - Friedensvertrag über den Erhalt der Einheit des Sudan, die Autonomie des christlichen Südens und die Machtteilung mit dem islamischen Norden innerhalb der Zentralregierung.

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00:00 26.08.2005

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