Kein Postmann mehr, der zweimal klingelt ...

Spam! Spam! Spam! Wie eine einstige Guerilla-Taktik der Internet-Werbung zum Feindbild des Verbraucherschutzes verkommen ist

Wir wissen nicht genau, warum Ministerin Künast gerade eine Ankündigung gemacht hat, dass es bis zum Herbst eine Gesetzesinitiative gegen Spam-Mail geben soll. Vielleicht deshalb, weil der Sommer, wenn die Herren Wirtschafts-, Finanz-, Verteidigungsminister, also die Entscheidungsträger der Regierung, im Urlaub weilen, eine gute Zeit ist für so einen Soft-Skill-Vorschlag. Vielleicht aber hat sie auch einfach darauf reagiert, dass die CDU einige Tage vorher dasselbe getan hat und es nicht den Anschein haben soll, dass hier Themen nicht besetzt sind. Wahrscheinlich jedoch sind Künasts Vorschläge im Zusammenhang damit zu sehen, dass die EU, die den Gesamtschaden durch Spam für die europäische Wirtschaft auf 2,5 Milliarden Euro jährlich beziffert, schon im September 2001 eine Richtlinie beschlossen hat, die vorsieht, dass die Mitgliedsstaaten bis zum Oktober 2003 ein entsprechendes Gesetz zum Datenschutz in der Telekommunikation zu verabschieden haben. Was wie die spontane Reaktion auf ein gesellschaftliches Bedürfnis dargestellt wird, ist also einfach nur die Erledigung der Hausaufgaben auf den letzten Drücker.

Oder aber: Renate Künast hat zum ersten Mal eigenhändig ihren Outlook-Posteingangsordner bearbeitet. Und da sah sie viel Spam und nochmals Spam unter vereinzelten Dienst- und Privatmails. Als sie ihren Mitarbeitern und Freunden davon erzählte, da stimmten alle ein in den Chor und bald hörte man nur noch "Spam, Spam, Spam, Spam" durch die Flure des Verbraucherschutzministeriums schallen.

Manchem Monty Python-Fan mag diese Szene bekannt vorkommen. Er hat Recht. In einem alten Sketch der britischen Komikertruppe sitzt ein Ehepaar in einer Wikingerkneipe und bekommt von der Kellnerin die Speisekarte vorgelesen. Auf der gibt es Gerichte wie "Spam, egg, spam, spam, bacon and spam" oder "Spam, sausage, spam, spam, bacon, spam, tomato and spam". Gleichzeitig skandiert eine Wikingergruppe im Hintergrund "Spam, spam, spam, spam!. Lovely spam! Wonderful spam!". Dieser Sketch nun soll der Grund dafür sein, warum Spam Spam heißt.

Gemeinhin wird die Sammelbezeichnung Spam für all die unerwünscht zugesandte Werbemail anders abgeleitet: die Penisverlängerungsangebote, Spendenaufrufe für den Kampf gegen den Schleierzwang in Afghanistan und selbstlosen Bitten, 120 Millionen Dollar einer Diamantenmine in Südafrika mittels des eigenen Sparkassenkontos außer Landes zu bringen, seien eben genauso unappetitlich und glibberig, wie das 1937 von der Firma Hormel auf den Markt gebrachte Frühstücksfleisch in Dosen, dessen Name eine Zusammenziehung der Produktbezeichnung "SPiced hAM" ist.

In den frühen Chatrooms des Internets, dem Relay-System des Bitnets zum Beispiel oder den MUDs, den "Multi User Dungeons", in denen sich Nutzer austauschen konnten, gab es jedoch Provokateure, die gegen die ihrer Meinung nach banale Konversation dadurch protestierten, indem sie endlos den Wikinger-Chor des Monty-Python-Spam-Sketches eintippten. Seit dieser Zeit, Anfang der achtziger Jahre wurden solche Sprachvermüllungen der Internet-Kommunikation immer wieder mal als Spam bezeichnet.

Aber bis 1996 war doch meistens noch das Frühstücksfleisch gemeint, wenn man von Spam sprach. Erst die verunglückte Aktion des Systemadministrators Richard Depew, der in einer Newsgroup im Usenet das Prinzip der Moderation einführen wollte, machte Spam zum terminus technicus der Webkultur. Depew startete am 31. März 1993 ein Programm namens ARMM, das ihn bei der Tilgung unerwünschter Beiträge in Diskussionsforen unterstützen sollte: Wenn es einen vermeintlich unerwünschten Beitrag entdeckte, sollte das Programm eine Nachricht an die Newsgroup schicken, in der es darauf hinwies, dass diese Nachricht unerwünscht sei. Daraufhin ertappte sich jedoch ARMM selbst dabei, wie es eine unerwünschte Nachricht schrieb, und schrieb eine Nachricht darüber, dass es eine unerwünschte Nachricht gefunden hatte, die wiederum unerwünscht war und eine weitere unerwünschte Nachricht zur Folge hatte. Binnen Stunden war die gesamte Newsgroup von ARMM-Postings verstopft. In der hitzigen Debatte, die daraufhin zwischen Depew und den Nutzern entbrannte, wurde von allen der Begriff Spam verwendet, den sie aus den MUDs kannten, und so wurde sein Gebrauch festgeschrieben.

Dieser Spam war allerdings unbeabsichtigt und hatte noch keine der Eigenschaften, die wir mit den heutigen "100.000 Euro in 30 Tagen"-Mails verbinden. Die erste Aktion, die diesen Weg ebnete, war die sogenannte "Green Card Lottery - Final One?"-Mail. Die Rechtsanwälte Canter und Siegel schickten im April 1994 eine Nachricht an alle existierenden Newsgroups, in der sie darauf hinwiesen, dass die Lotterie, in der jährlich 55.000 Arbeitserlaubnisse für die USA verlost werden, wahrscheinlich zum letzten Mal stattfinden würde. Weitere Informationen könnte man über die Kanzlei erhalten.

Die Nutzer der Newsgroups, in denen damals noch eine sehr strenge Netiquette galt, zeigten sich wütend über diesen Missbrauch des Netzes und bestürmten die Anwälte mit Telefonanrufen, Faxen und E-Mails. Dadurch erfüllte sich jedoch genau die Absicht der Absender. Nicht nur, dass die Kanzlei bei den Internetnutzern bekannt wurde, auch die Medien fingen an, über diese Aktion zu berichten und jeder sprach über Canter und Siegel. Ihren neugewonnenen Ruhm vermarkteten die Rechtsanwälte dann prompt noch weiter, indem sie ein Buch über eben solches "Guerilla Marketing" im Internet veröffentlichten.

Neun Jahre später will niemand mehr mit Spam berühmt werden. Im Gegenteil, man möchte unerkannt und möglichst schnell Geld machen, um danach wieder im Dunkel des Netzes zu verschwinden. Dazu filtert man entweder selbst mit einem Programm E-Mail-Adressen von Internetseiten herunter oder man kauft für 200 Dollar eine schon fertige Liste mit Adressen, die von Preisausschreiben, Registrierungsformularen oder Newslettern stammen. Dann richtet man sich eine falsche Mail-Adresse ein, von der aus man Millionen Menschen die Botschaft schickt, dass sie nach Zahlung einer Bearbeitungsgebühr von 10 Dollar eine Erbschaft von 10 Millionen überwiesen bekommen. Jetzt müssen nur 20 Menschen auf diesen Trick hereinfallen und schon hat man zumindest die Kosten wieder hereingespielt. Wer sich darüber gewundert hat, warum in den letzten Jahren keine Drückerkolonnen mehr an der Tür geklingelt haben, der weiß nun, wo diese kriminelle Energie hingeflossen ist.

Manche Schätzungen gehen so weit zu behaupten, dass ein Drittel des gesamten Internetverkehrs aus Spam-Mail-Versand bestehen soll. Doch wann etwas Spam ist und wann nicht, ist in Wahrheit gar nicht so fest zu definieren. Denn wenn man in Zukunft, wie es die Datenschutz-Richtlinie vorsieht, nur noch dann Werbung verschicken darf, wenn der Empfänger diese auch angefordert hat, dann wird auch jeder freie Mitarbeiter, der einer Zeitung einen Artikel anbietet, zum Versender von Spam. Und noch weiter gedacht: Ist die Anfrage, ob ich Werbung schicken darf, nicht auch schon Werbung und zwar unverlangte, mithin also Spam? Warum ist der E-Mail-Müll, den ich innerhalb von zwei Sekunden umweltgerecht vernichten kann, sittenwidrig, die Postwurfsendungen, in denen ich täglich Hauptgewinner bin oder wertvolle Geschenke auf Kaffeefahrten versprochen bekomme, jedoch nicht? Und was ist mit Product-Placement in Vorabendserie und Hauptnachrichtensendung?

Die letzten Beispiele sind deswegen nicht strafwürdig, weil daran große, etablierte Institutionen wie Post oder Öffentlich-Rechtlicher Rundfunk verdienen. Betrügerische Einzelgänger sind volkswirtschaftlich irrelevant und deshalb gut zu verfolgen und zu bestrafen. Statt jedoch als Otto-Normal-Surfer in den großen Spam-Chor einzustimmen und nach gesetzlichen Verschärfungen zu rufen, was zur Ablenkung von anderem unlauteren Wettbewerb in großem Stil ablenkt, sollte man sich lieber über die eigene Datenpraxis Gedanken machen. Das effektivste Mittel gegen Spam ist nämlich immer noch, mit der eigenen E-Mail-Adresse im Netz nicht so umzugehen, als würde man überall in der Stadt Tausende von eigenen Visitenkarten auf den Bürgersteigen verteilen. Wer seine Adresse als HTML-Code auf der eigenen Seite abdruckt, wer bei jedem Gewinnspiel, jeder Gratis-E-Mail-Registrierung, in jedem Diskussionsforum kundtut, wo er zu erreichen ist, gibt damit ganz bewusst einen Teil seiner Privatsphäre frei - und will letztlich auch für unbekannte Absender erreichbar sein. Übrigens ist es noch immer sehr viel weniger aufwändig, die eigene Email-Adresse zu wechseln als die Postadresse.

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00:00 08.08.2003

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