Werner Vontobel
26.03.2009 | 05:00

Kein Regime währt ewig

G20-Gipfel Wenn die Devisenmärkte nicht endlich reguliert werden, hilft alles nichts. Die Weltwirtschaft braucht ein neues Bretton Woods. Teil 2 der Serie zum G20-Gipfel

Die Gruppe der Zwanzig, G20, heißt der Club der Industrienationen, der sich am 2. April in London trifft. Groß ist zumindest die Aufgabe, an der die Teilnehmer gemessen werden. Sie müssen die Weltwirtschaft erstens retten und zweitens neu und besser organisieren. Und zwar so, dass es zu einer derart gewaltigen Rezession, wie wir sie zurzeit erleiden, hoffentlich nie mehr kommen wird.


Die Freitag-Serie zum G20-Gipfel:

Teil 1:  Fünf Vorschläge für die Zukunft von Larry Elliot


Fangen wir mit dem Leichteren an, mit der Neuorganisation. Dafür gibt es immerhin schon mal ein Vorbild. Nach der Krise der 30er-Jahre – und dem nachfolgenden Weltkrieg – lag die Weltwirtschaft ebenfalls in Trümmern. Wie heute gab es eine klare Trennung zwischen stark verschuldeten Nationen und Gläubigern, und auch die damalige Krise war von Devisenspekulation und Währungsdumping geprägt.

Wie wir heute wissen, war das Ende des Zweiten Weltkriegs der Anfang von drei goldenen Jahrzehnten mit steigendem Wohlstand für alle, ausgeglichenen Staatshaushalten und mit sehr geringen Arbeitslosenquoten. Diesen Aufstieg aus der Asche verdanken wir vor allem dem neuen Währungssystem mit festen Wechselkursen, das bei der Konferenz in Bretton Woods im Juni 1944 aus der Taufe gehoben wurde.

Riesige globale Ungleichgewichte

Das Problem der Währungsrelationen ist auch heute zentral. Die aktuelle Krise ist nicht zuletzt die logische Folge schlecht regulierter Devisenmärkte. Da ist einerseits die von China herbeigeführte chronische Unterbewertung des Yuan, mit den entsprechenden Handelsüberschüssen. Da wäre die seit bald 15 Jahren betriebene Verbilligung deutscher Exporte im Rahmen einer schlecht konzipierten EU-Währungsunion. Und da ist drittens die von sogenannten Carry Trades dominierte Devisenspekulation.

Bei den Carry Trades verschieben Spekulanten kurzfristig Geld aus Währungsräumen mit niedrigen in solche mit hohen Zinsen. Zum Beispiel von Yen, Franken oder Euro in Dollar oder Pfund. Weil dies viele tun, werden die Währungen mit tiefen Zinsen geschwächt und umgekehrt. Folge: Der Spekulant erzielt neben dem Zins auch noch einen Währungsgewinn. Das zieht noch mehr Spekulanten an, bis die Blase platzt. Aus zwei Gründen: Erstens ist so viel Geld in die USA geflossen, dass dieses nicht mehr produktiv investiert, sondern nur noch konsumiert werden konnte. Dass die entsprechenden Konsumkredite lange Zeit als Subprime-Hypotheken getarnt wurden, hat das Platzen der Blase nur hinausgezögert und die Folgen verschlimmert.

Zweiter Grund: Hohe Zinsen sind fast immer die Folge einer hohen Inflation, die auch die Exporte der Hochzinsländer verteuert und erschwert. Unter normalen Umständen, also ohne Devisenspekulation, würde eine Verteuerung der Exporte zu einer Abwertung und damit zu einem Ausgleich der Handelsströme führen. Die Devisenspekulation verhindert dies. Die Folge waren riesige globale Ungleichgewichte, die in einem Handelsbilanzdefizit der USA von rund 800 Milliarden Dollar jährlich kulminierten.

Die Teuerung muss überall gleich sein

Doch es ist noch heimtückischer: Die Devisenspekulation bewirkt, dass eine Politik des Preis- und Lohndumpings jahrelang erfolgreich sein oder zumindest erfolgversprechend aussehen kann. Ohne Devisenspekulation würde Lohndruck rasch mit einer Aufwertung bestraft. Dank der Devisenspekulation konnten Länder wie Japan, Deutschland, die Schweiz oder China in den letzten Jahren immer wieder hohe Handelsbilanzüberschüsse erzielen.

Die Lösung des Problems ist klar: Die Welt braucht wieder ein neues Regime mit festen, aber nicht starren Wechselkursen, die von den Zentralbanken laufend den Inflations- oder Zinsunterschieden angepasst werden. Länder mit hoher Inflation und entsprechend hohen Zinsen werten ab, und umgekehrt. Die UNO-Entwicklungsorganisation UNCTAD in Genf hat in diesen Tagen genau diesen Vorschlag neu lanciert. Der G20-Gipfel sollte die Idee übernehmen.

Wenn – wie etwa im Euroraum – eine kontrollierte Währungsanpassung nicht möglich ist, bleibt nicht anderes übrig, als dafür zu sorgen, dass sich die Teuerung überall gleich entwickelt – am besten durch eine einheitliche Lohnpolitik nach der Formel gewünschte Inflationsrate plus Produktivitätsfortschritt. Im Euro-Raum hat man dies bisher versäumt.

Hartz IV verdoppeln

Doch bevor man die Währungen neu ordnen kann, muss erst einmal die Wirtschaft gerettet werden. Bretton Woods und der Marschall-Plan zeigen auch hier, wie es geht: Das Geld muss – Schuldenberge hin oder her – dorthin fließen, wo es am dringendsten gebraucht wird: In den Aufbau der Infrastruktur und in den Konsum der hungrigen Bevölkerung.

Wie der Weltkrieg hat auch der Neoliberalismus der letzten 20 Jahre Schäden hinterlassen: Eine zu Tode gesparte Infrastruktur und eine gewaltige Umverteilung von unten nach oben. Die Krisenprogramme haben bisher vor allem bei der Infrastruktur angesetzt. Diese Möglichkeiten sind nun weitgehend ausgeschöpft. Beim Konsum der Hungrigen ist noch viel Potential. Warum nicht Hartz IV so lange verdoppeln, bis die Arbeitslosenquote wieder unter – sagen wir – sechs Prozent sinkt?

Erst wenn die Armen mit ihrem Konsum entscheiden, ob sie Opel oder lieber Schaeff­ler retten wollen, ist auch die Marktwirtschaft noch zu retten.