Kein Safe Space

Straftaten Eine Anfrage der Linken offenbart, dass die Gewalt gegen LSBTIQ-Menschen in Deutschland zunimmt. Ein erschreckendes Bild
Kein Safe Space
Besser nicht zu offensichtlich: LSBTIQ müssen sich in Deutschland oft verstecken

Foto: Oscar del Pozo/AFP/Getty Images

Eine Filterblase ist gemütlich. Man kann sie sich einrichten und lässt nur noch rein, was zur Deko passt. Man einigt sich mit den anderen Bewohnern auf bestimmte Tatsachen: etwa, dass die Akzeptanz von LSBTIQ-Personen in unserer Gesellschaft steigt. Und obwohl manche Freunde ganz anderes erzählen, versucht man sich einzureden, dass die Dinge sich tatsächlich verändern. Was sie auch tun. Nur nicht zwangsläufig zum Besseren.

Die Polizeistatistik, die die Regierung auf Anfrage der Partei die Linke zu Hasskriminalität gegen LSBTIQ-Personen veröffentlicht hat, zeigt einen stetigen und erheblichen Anstieg. Seit 2013 haben sich die Anzeigen von Straftaten, die sich gegen LSBTIQ-Personen richten, verdoppelt. Damals waren es im ganzen Jahr 240. Das erste Halbjahr 2019 hat diese Zahl mit 244 Anzeigen bereits überschritten.

Damit die Blase nun trotzdem nicht platzt,könnte man auch weiterhin versuchen, sich einzureden, dass es gestiegene Akzeptanz ist, die dazu führt, dass mehr Betroffene offen über ihre Erfahrungen sprechen und schlechte Erfahrungen auch bei der Polizei anzeigen.

Doch irgendwann muss man den Tatsachen ins Auge sehen und die Filterblase verlassen. Die Zahlen würden, so der Lesben- und Schwulenverband (LSVD), zeigen, „dass homophobe und transfeindliche Hasskriminalität in Deutschland zum Alltag“ gehört.

Was aber leider auch nur bedingt stimmt. Denn die Zahlen der Polizei könnten die tatsächliche Normalität dieser Straftaten gar nicht adäquat wiedergeben. Das lassen Schätzungen des LSVD selbst vermuten. 80 % der Fälle, so schätzt er, darunter auch Gewaltstraftaten, würden nicht angezeigt und fehlten in der Statistik. Die Opfer fürchteten, von der Polizei nicht ernst genommen zu werden – und dass Anzeigen ins Leere laufen würden. Einige Fälle würden zudem fälschlicherweise unabhängig von der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität der Opfer kategorisiert und fielen so aus der Statistik heraus. Somit würde das wirkliche Ausmaß LSBTIQ-feindlicher Gewalt aus dem Gesellschaftsbild verdrängt. Dieses Bild aber so realistisch wie möglich zu malen, ist notwendig. Homophobe und transfeindliche Gewalt muss als solche sichtbar gemacht werden, damit sie verfolgt werden kann und Opferhilfe-Einrichtungen ausreichend Unterstützung erhalten.

06:00 04.10.2019
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