Kein schöner Agglo-Land

Postmoderne Wenn die Stadt nicht mehr Stadt und das Land nicht mehr Land ist – die Schweiz verwandelt sich gerade in einen einzigen Vorort. Ein warnendes Beispiel

"Agglo, das ist die Hölle!", sagen meine fast erwachsenen Kinder. „Agglo“ klingt ein bisschen wie Aggro für sie. Aus der Agglo kommen diejenigen, die einem am Wochenende den Ausgang vermiesen. Aggressive Landeier. Plumpe Anmacher. Agglo halt!

Ein Kollege, der mitten in Zürich lebt, beschreibt Agglo als Geisteszustand: Die Leute dort dächten, sie wohnten noch auf dem Dorf, in einem intakten, natürlichen Umfeld, auch weil sie vor der Stadt Angst hätten. Sie sind Illusionisten in Ziergrün, mit eigener Doppelgarage.

Agglo, kurz für Agglomeration, das sind steuergünstige Schlafgemeinden, das ist Landschaftszersiedlung durch Einfamilienhäuser, die sich wie Geschwüre in Naherholungsgebieten festsetzen, das sind gewaltige Infrastrukturkosten, wie etwa durch den Straßenbau. Meine Kinder sagen auch: Die Agglo ist das neue Ghetto! Angesichts der seit ein paar Jahren stattfindenden Wiederaufwertung der Stadt, der Gentrifizierung von so genannten Problemquartieren, kann man dieser These durchaus zustimmen. Wobei dann die Stadt wieder zur Party-Meile verkommt, ausgenützt gerade von den Agglos. Freizeit und Kultur, das wird gerne in der Stadt genossen. Eigentlich muss man jeden, der in der Agglo ein Konzertlokal, eine Kleinbühne oder eine Literaturinitiative betreibt, maßlos bewundern. Die Agglo ist kulturlos. Dass dieser Zustand ein großes Thema in Literatur oder Film wäre, ist aber nicht der Fall. Die Agglo hat unseren Künstlern buchstäblich nichts zu sagen, obwohl sie ihrer Lebenslage vielfach entspricht.

Fast 500 Quadratkilomter verbaut

Heute leben circa Dreiviertel aller Schweizerinnen und Schweizer in einer Stadt und in ihrer Agglomeration, und vier von fünf Arbeitsplätzen befinden sich dort. In den Jahren von 1985 bis 1997, in der Zeit der ausgeprägtesten Stadtflucht, wurden im Umland der Städte wie Zürich, Basel, Bern oder Genf fast 500 Quadratkilometer verbaut. Das ist viel in dem kleinen Land. Zwei Drittel aller hiesigen Berufstätigen pendeln, sie fahren zum Großteil mit dem Auto, aber auch mit dem Öffentlichen Verkehr in die Stadt zur Arbeit.

Der Raumbedarf der Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten aufs Doppelte gestiegen, die Tendenz zu den eigenen vier Wänden hält ungebrochen an. Mit den momentan extrem niedrigen Hypothekenzinsen kann für jeden der Traum vom Häuschen im Grünen wahr werden. Die Schweiz: Das ist heute Agglo-Land, mehr jedenfalls als Heidi-Land, denn die Zersiedlung macht natürlich auch vor den voralpinen Regionen nicht halt.


Bis etwa 1955 war Spreitenbach im Limmattal ein Bauerndorf, etwa zwanzig Kilometer westlich der Stadt Zürich. Die Hähne krähten fröhlich, die Kühe muhten und gaben gute Milch, der Boden des Flusstals war fruchtbar. Es gibt eine interessante These, wie dieses Bauerndorf als Wohngebiet „entdeckt“ wurde: In der Stadt und im Kanton Zürich herrschte damals ein Konkubinatsverbot, unverheiratete Paare durften nicht zusammenwohnen. Die Polizei kontrollierte das regelmäßig. Spreitenbach war das erste Dorf in der Nähe Zürichs, das auf einem anderen Kantonsgebiet lag, nämlich im Aargau. Und dieser Kanton hatte kein Konkubinatsverbot. Aber auch sonst zogen junge Familien und Arbeitsemigranten hierher. Die Stadt war nahe, die Hochkonjunktur brummte bis Mitte der Siebzigerjahre. Es kam zum Bauboom im Bauerndorf, man plante gar eine Satellitenstadt mit 35.000 Einwohnern. Erst die Ölkrise und die Wirtschaftsflaute stoppten diese Pläne. Heute hat Spreitenbach an die 11.000 Einwohner, davon knapp über die Hälfte Ausländer. 1970 und 1973 wurden hier, an günstigster Lage, die beiden ersten Einkaufszentren der Schweiz eröffnet. Pünktlich zu diesem Ereignis wurde auch das Autobahnteilstück nach Zürich fertiggestellt. Agglo ist eben auch: Mobilitätsdruck.

Gesichtslose Zentren

Es gibt im Umkreis von Zürich viele dieser Spreitenbachs. Die Agglomeration der größten Stadt der Schweiz reicht mittlerweile bedeutend weiter ins Mittelland hinein, weit in den Aargau und in die Ostschweiz. Mit der Eröffnung des S-Bahn-Netzes 1990 ist die Stadt Zürich auch mit dem öffentlichen Verkehr aus allen Ecken und Enden der Agglo erreichbar.

In den neunziger Jahren wurde aber auch einer breiteren Öffentlichkeit bewusst, dass die wild wuchernde Agglomeration einen wachsenden Druck auf die Kernstädte ausübt und eine erhöhte Umweltbelastung mit sich bringt. Was in der Stadt baulich nicht mehr möglich ist, ist es im Vorort durchaus noch. Für unbebaute Flächen gibt es keinen Denkmalschutz und keine Stadtbildkommission. Entsprechend öde und gesichtslos sehen viele „Zentren“ in diesen Gemeinden aus, es dominiert der gehobene Sparkassenstil. Eines der Hauptprobleme ist ganz schlicht, dass die Agglomerationsgemeinden sich in Konkurrenz zu ihren Nachbarorten ausrichten und planerisch und steuertechnisch autonom sind. Die Agglo-Gemeinden wuchern mit diesem Standortvorteil, der günstige Steuern beinhaltet. Dieses egoistische Vorsichhingewurstel nennt man Föderalismus, und der ist in der Schweiz eine Heilige Kuh.

Viele SVP-Wähler

Die Städter sind benachteiligt. In die Agglo-Gemeinden ziehen dann einkommensstarke Haushalte, die von der Infrastruktur der Stadt profitieren, ohne durch Steuern zur Finanzierung derselben beizutragen. Auch arbeitet ein Großteil dieser Stadtflüchtigen in der Stadt, zahlt die Einkommenssteuer aber eben in den Wohnsitzgemeinden, im „Speckgürtel“.

In einer direkten Demokratie wie der Schweiz, in der über jeden Mückenstich eine Volksabstimmung stattfindet, ist selbstverständlich auch die politische Ausrichtung der Agglo ein Thema. Allgemein gilt, dass die Städte eher links und fortschrittlich abstimmen und die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei SVP ihre Stammwähler ganz draußen auf dem Land und in den Bergen hat. Es gibt aber auch die These, dass gerade in der Agglo die SVP immer mehr Stimmen bekommt. Man wird sie im Herbst, bei den nächsten Parlamentswahlen, verifizieren können.

Abstimmung der Siedlungspolitik

Seit 2001 gibt es sogar eine eidgenössische Agglomerationspolitik, nachdem jahrzehntelang nur strukturschwache Randgebiete unterstützt wurden, damit auch der letzte Bergbauer noch ein Postamt und eine Bushaltestelle hat. Der Bund vermeldet nun, dass Erfolge vor allem in der verbesserten Zusammenarbeit in den Agglomerationen und ­zwischen Bund, Kantonen, Städten und Gemeinden zu verzeichnen seien. Auf allen staatspolitischen Ebenen genieße die Agglomerationspolitik eine hohe Akzeptanz. Dank der Agglomerationsprogramme und dem Infrastrukturfonds sei es gelungen, die Verkehrs- und Siedlungsentwicklung besser aufeinander abzustimmen. Das klingt nach vielen Kommissionen und Sitzungen, nach viel Papier und wenig Substantiellem.

„Wir schaffen es nicht, die Agglomerationen städtischer und dichter zu gestalten, damit sie nicht weiter in die Landschaft ausufern und die Qualität des Ländlichen zerstören“, meint etwa der bekannte Basler Architekt Jacques Herzog („Herzog De Meuron“) in einem Interview skeptisch. Herzog fordert anstelle der Agglomeration die Metropolitanregion. Das klingt gut: Verdichtung der Besiedlung, strikter Landschaftsschutz. Das freistehende Einfamilienhaus wäre dann verboten, an seiner Stelle sollen laut Planer und Politiker Mehrfamilienhäuser stehen, hochwertig und natürlich keine Mietskasernen, dazu eine gemeinsam genutzte Infrastruktur (Garten).

Wunderbar, doch wer soll das durchsetzen?

Die Metropolitanregion Basel mit gut 800.000 Bewohnern erstreckt sich beispielsweise ins angrenzende Frankreich und weit nach Deutschland hinein. Hier kämen also neben Gemeinden, Städten und Kantonen internationale Ansprechpartner ins Spiel. Man muss schon sehr auf die Vernuft hoffen, wenn man an das Hickhack um den öffentlichen Verkehr von Basel nach Frankreich oder Deutschland denkt, der oftmals groteske Formen annimmt. Eine internationale Lösung der Agglomerationsproblematik könnte gleichwohl einen gewissen Schub bringen, obwohl das beim momentan gerade etwas zerrütteten Verhältnis zwischen der Schweiz und der EU nicht sehr wahrscheinlich ist. Also: Raumplaner dieser Welt, schaut auf die Schweiz und nehmt euch ein warnendes Beispiel.

Wolfgang Bortlik (geb. 1952) lebt in Basel-Stadt. Er ist freier Schriftsteller und Journalist


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11:15 25.07.2011

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