Kein Sex, viel Gebell

Literatur-Wettbewerb Auffallend viel Hunde bevölkerten die Texte beim 33. Ingeborg-Bachmann-Preis im österreichischen Klagenfurt. Und auch die Jury musste sich erst zusammenraufen

Das politische Gewissen trug Pink, der beste Autor des diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs las außer Konkurrenz. Josef Winkler, in Klagenfurt ansässiger Georg-Büchner-Preisträger, katholischer Schmerzensmann, Anwalt der geschundenen Kreatur und unerreichter Chronist aller erdenklichen Todesarten und Bestattungsrituale, setzte mit seiner "Klagenfurter Rede zur Literatur" einen Paukenschlag. Die Mienen des Kärntner Landeshauptmanns Gerhard Dörfler und von Jörg Haiders Witwe Claudia in der ersten Reihe des ORF-Theaters versteinerten sichtlich, als Winkler in einem gewaltigen Rundumschlag die Geldgier und moralische Verkommenheit der Mandatsträger ("der ehemalige Kärntner Landeshauptmann, der sich mit seiner Asche aus dem Staub gemacht hat") geißelte.

Für den millionenschweren Neubau des EM-Fußballstadions hätten die "Sensenmänner von Klagenfurt" indirekt den Tod eines Neunjährigen in Kauf genommen. "Diese Stadt Klagenfurt, die sich seit über dreißig Jahren, jährlich im Juni, in der Zeit der Lindenblüte, als deutschsprachige Literaturhauptstadt feiern lässt, ist wohl die einzige Stadt Mitteleuropas mit 100.000 Einwohnern, in der es keine eigene Stadtbibliothek gibt", fuhr Winkler in seiner Philippika fort. Stattdessen soll, so wird gemunkelt, auf dem Gelände eines ehemaligen Bunkers, nicht weit von Bachmanns Wohnhaus in der Henselstraße, ein Jörg-Haider-Museum eingerichtet werden. Der ramponierte Unfallwagen des Volksidols wurde bereits für diesen Zweck akquiriert – neuer Stoff für Haiders einstige Erzfeindin Elfriede Jelinek.

Glückliches Österreich, in dem eine solche Littérature engagée noch für Aufregung sorgt. Die vier österreichischen Autorinnen und Autoren, die mit zwei Schweizern und acht Deutschen um die Wette lasen, hatten weniger Glück: die "Piefkes" heimsten alle Preise ein. Ausgerechnet die schwächste Österreicherin, eine debütierende Religionspädagogin namens Caterina Satanik, geriet mit einer sprachlich plumpen Trennungs-Etüde, deren Stil von Teilen der Jury mit Avantgarde verwechselt wurde, auf die "Shortlist" jener sechs Kandidaten, aus denen die Preisträger bestimmt wurden. Satanik profitierte dabei von der traditionellen Samstags-Euphorie, die den am Schluss lesenden Kandidaten schon häufig zugutekam. Im Sinne des engeren alpenländischen Text-Körper-Bezugs verleibte sich der junge Wiener Philipp Weiss am Schluss seiner Lesung einen Oblaten-Text ein und erzeugte doch nur müdes Lachen.

Die Droschl-Autorin Andrea Winkler stieß mit einer Sprach-Etüde über das Gras und die Hand ihres Erzähler-Ichs auf eine peinliche Verständnis-Verweigerung seitens der Jury, vor allem bei Everybodys Darling Ijoma Mangold von der Zeit. Aber auch die formal und psychologisch hochtalentierte Linda Stift (Stierhunger, Deuticke 2007) blieb mit ihrer in der reizvoll changierenden Wir-Form gehaltenen Parabel über den Leidensweg illegaler Flüchtlinge hinter den Erwartungen zurück und wurde darüber hinaus gründlich missverstanden.

Nachlässige Jury

Die siebenköpfige, oft nachlässig vorbereitete Jury musste sich aufgrund mehrerer Neuzugänge – die chronisch grantige Wiener Übersetzerin Karin Fleischanderl, die mit schwäbischer Gründlichkeit agierende Meike Feßmann, die freundlich-entrückte Mittelalter-Expertin Hildegard E. Keller und der pointiert argumentierende Wiener NZZ-Kulturkorrespondent Paul Jandl – erst zusammenraufen. Die ORF-Journalistin Clarissa Stadler fiel als neue Moderatorin durch Nervosität und übertriebene Einmischung auf. Nach dem unsäglichen Dieter Moor im unseligen "Reformjahr" 2008 wurde erneut der Ruf nach "Mister Bachmann" laut, dem sonoren Ernst A. Grandits.

Allzu sehr waren die Preisrichter unter der Ägide des ebenso literaturwissenschaftlich exakt wie anekdotenreich dozierenden Burkhard Spinnen auf die vermeintlichen Alternativen Realismus ("deutsch/schweizerisch") oder Sprachexperiment ("österreichisch") geeicht. Die wenigen innovativen Beiträge aus dem poetologischen Zwischenreich hatten es folglich schwer, etwa Bruno Preisendörfers an Freuds Traumdeutung orientierte, streng komponierte Seelenschau eines fünfzigjährigen Psychoanalytikers (Fifty Blues).

Immerhin reüssierte Ralf Bönt mit seiner gewagten Engführung der Lebensläufe zweier vom Quecksilber affizierter Physiker aus der Perspektive eines Phonons, eines physikalischen Quasiteilchens. Bönt erhielt den Kelag-Preis in Höhe von 10.000 Euro. Doch die Lektüre erzeugte aufgrund vieler schiefer Formulierungen einen Drehschwindel, wie ohnehin Ludwig Reiners Warnung vor der "Schlingpflanze Adjektiv" kaum beachtet wurde. Das gilt auch für Gregor Sanders Fischwinter, eine einfühlsame Jubiläumserzählung zum Mauerfall aus nordostdeutscher Sicht, ausgezeichnet mit dem 3sat-Preis in Höhe von 7.500 Euro). Bieder-sentimental fiel Karsten Krampitz’ Paraphrase auf das Leben des Pfarrers Oskar Brüsewitz, der sich 1976 in Halle verbrannte. Offenbar war es Krampitz’ Performance im Berliner Tonfall von Emil Jannings, die ihm überraschend den Publikumspreis in Höhe von 7.000 Euro eintrug.

Als wendige, wenn auch recht konventionelle Erzählerin erwies sich Katharina Born, Tochter des früh verstorbenen Schriftstellers Nicolas Born. Anhand einer fatalen Familiengeschichte zeigte sie seelische Verheerungen auf, die aus der 68er-Bewegung resultieren. Sie warf mit Fifty Fifty die unterkühlte Familientrauma-Bewältigung Auszeit des Berliner Autors und Journalisten Andreas Schäfer in der Konkurrenz um den Ernst-Willner-Preis (7.000 Euro) aus dem Rennen. Katharina Born war auch die einzige erotische Textstelle des ganzen "Bewerbs" zu verdanken: "Mit der anderen Hand, die noch feucht war vom Zwiebelsaft, fasste er ihre Brust, zerrte daran, durch den glatten Stoff der Bluse hindurch, bis sie aufstöhnte." Die Rede ist von einem pseudolibertären Macho, der Mutter und Tochter verführte und letztere ins Unglück stieß.

Die Macht des Wortes

Kein Sex also, aber viel Gebell dieses Jahr in Klagenfurt. Nach einem Besuch des Benediktinerklosters St. Paul hätte man es wissen können. "Die Macht des Wortes" ist eine phänomenale Ausstellung überschrieben, die das Stift noch bis November zeigt. Der imposante Barockkomplex liegt auf dem Weg nach Graz und fügt sich malerisch in die Berglandschaft samt wiederkäuenden Kühen ein. Zwischen einmaligen bibliophilen Kostbarkeiten wie dem Ambrosius-Codex De fide catholica aus dem fünften Jahrhundert, der als das älteste Buch Österreichs gilt, einer originalen Luther-Handschrift und den Merseburger Zaubersprüchen finden sich auch diverse Vorratstruhen. Auf deren Grund wurden im Benediktinerkloster oft Hunde gemalt. Waren die Vorräte aufgebraucht, kamen die Mönche auf den Hund.

"Ich streichle noch immer über das Fell vom Hund" heißt es in trotziger Genitiv-Verweigerung bei Satanik. Bei Born wird ein Hund fast, der andere tatsächlich angefahren, andere Text-Hunde haarten nur oder wurden gestreichelt. In Jens Petersens Romanauszug Bis dass der Tod taucht stattdessen gleich ein toter Wolf auf. Die endzeitliche Symbolik des Handlungsortes und die beklemmende Ausweglosigkeit des Sujets ließen aufhorchen. 2005 hatte Petersen mit der leichtfüßigen Erzählung Die Haushälterin (DVA) ein vielbeachtetes Debüt vorgelegt. Nun aber nordische Trostlosigkeit: Alex hat seine todkranke, verstummte Geliebte Nana in eine verlassene Industrielandschaft gebracht, um die Erlösung in einem Doppelselbstmord zu suchen. Doch ähnlich wie einst der Expressionist Johannes R. Becher scheitert Alex nach der Tötung der Geliebten: "Er horcht, hört seinen Herzschlag und lässt die Pistole sinken, steigt aus dem Wagen, bleibt erst stehen und beginnt dann zu gehen." Bei solch existenziellen Themen liegt der Kitsch oft nah, ein Verdacht, der sich nicht verscheuchen ließ.

So triumphierte der angehende Neurologe Jens Petersen, 1976 in Pinneberg geboren und derzeit in Zürich lebend, nach Uwe Tellkamp als weiterer deutscher Dichter-Arzt in Klagenfurt und errang den Ingeborg-Bachmann-Preis (25.000 Euro). Ein Sieg im zweiten Wahlgang, der angesichts des allumfassenden Adria-Tiefs eher Erleichterung als Begeisterung hervorrief. Immerhin: Nach der akuten Bedrohung im letzten Jahr fand das Gipfeltreffen der drei deutschsprachigen Literaturen wieder zu seinem alten Modus zurück. Ein Trost für schwache Texte ist das jedoch nicht.

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12:24 29.06.2009

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