Kein Star wird geboren

Kino In „Vox Lux“ seziert der einstige Kinderdarsteller Brady Corbet den Popstar-Fetisch und den Werteverlust des 21. Jahrhunderts
Kein Star wird geboren
Trotz seiner Raum einnehmenden und dementsprechend Aufmerksamkeit beanspruchenden Hauptfigur ist „Vox Lux“ nicht nur das Porträt eines Superstars

Foto: Atsushi Nishijima/Kinostar Filmverleih

Ihre Lederjacke sitzt wie eine zweite Haut, die Haare sind auffällig toupiert und der dicke Lidstrich erinnert an eine Broadway-Diva – es reicht ein Blick, um Celeste (Natalie Portman) von Ferne als Star auszumachen. Man schreibt das Jahr 2017: Die globale Popsensation Celeste bringt gerade ihr sechstes Studioalbum Vox Lux heraus und wird auf eine groß angelegte Tournee gehen. Bei einem Lunch-Date mit ihrer Teenager-Tochter Albertine (dargestellt von Raffey Cassidy) versucht die 31-Jährige einerseits ihren Alkoholmissbrauch zu verstecken, andererseits ihre durch die Klatschpresse zerbrochene Liebesbeziehung zu rechtfertigen und drittens jegliche Schuld an dem gestörten Verhältnis zu ihrer Schwester Eleanor (Stacy Martin) von sich zu weisen. Aber alles geht schief. Albertine und damit auch der Zuschauer bekommt eine egozentrische, gefühlskalte, mit Drogen vollgepumpte Sängerin zu sehen, von Natalie Portman virtuos und intensiv gespielt. Ein Taumeln zwischen Faszination und Fremdschämen beginnt.

Regisseur Brady Corbet gibt der Figur der Celeste viel Raum. Dadurch, dass ihre Entwicklung vom Kindesalter an nachvollzogen wird – ganz im Stil einer Rockstar-Doku –, und dadurch, dass ihre Befindlichkeiten in der Story zentral für alle anderen Protagonisten sind. Doch das einprägsamste Merkmal an ihr ist ihre völlige Auflösung in der Starmaschinerie. Fans wollen Selfies; was Celeste möchte, ist stets zweitrangig. Gegen die Kommerzialisierung ihrer Kunst kämpft sie schon gar nicht mehr an; dafür übernimmt sie lieber Synchron-Jobs für Videospiele, als eigene Songs nur für den schnöden Mammon herauszubringen. Die Tragik dieser Entwicklung kommt ins Bild, wenn der Film Celestes 14-jähriges Ich (ebenfalls gespielt von Raffey Cassidy) bei ihrer ersten Begegnung mit einer Plattenlabel-Mitarbeiterin zeigt: Als sie die Chance bekommt, ein erstes eigenes Album herauszubringen, tritt sie noch ganz selbstbestimmt auf, ohne Gier und Erfolgsdruck zu kennen: „Wenn es klappt, ist das großartig, wenn nicht, ist es auch in Ordnung.“

Aber trotz seiner Raum einnehmenden und dementsprechend Aufmerksamkeit beanspruchenden Hauptfigur ist Vox Lux nicht nur das Porträt eines Superstars; der Film versucht zugleich auf die Gesellschaft des 21. Jahrhunderts zu blicken, mit ihrem konstanten News-Hunger, der bevorzugt und ständig über die Kanäle der Social Media befriedigt werden muss. Damit die Zuschauer von Beginn an auch hinter die Figur blicken können, nutzt Brady Corbet verschiedene Werkzeuge. Eines davon ist ein Voiceover, eine Erzählerstimme, gesprochen vom markanten Willem Dafoe, die Celeste immer wieder in die größere Geschichte einordnet oder gleich von etwas ganz anderem redet. An einer Stelle gibt es sogar einen Exkurs in die Musikhistorie Schwedens.

Jenseits von cool und locker

Mit dem Einsatz von Horrorelementen stellt Corbet einen expliziten Bezug her zwischen Popkultur und Terror. Celestes Gesangskarriere beginnt nämlich damit, dass sie 1999, in direkter Anspielung an den Amoklauf an der Columbine High School, ein „School Shooting“ überlebt, bei dem sie von einem Mitschüler angeschossen wird. Bei einer Gedenkveranstaltung für die Toten singt sie ein selbst verfasstes Lied, macht damit online Furore und wird prompt von einem Manager (Jude Law) entdeckt. Später evoziert er die Nähe zwischen Gewalt und Unterhaltung, wenn er Terroristen zeigt, die sich mit Masken aus einem Musikvideo vermummen. Corbet versucht auf diese Weise einen Diskurs über die Wechselwirkung dieser beiden Bereiche zu eröffnen.

Positive Assoziationen auf Jetset-Leben und lockere Pop-Sitten gibt es in Vox Lux so gut wie gar nicht. Nicht zuletzt der Soundtrack des erst im März dieses Jahres verstorbenen Komponisten und ehemaligen „Walker Brother“ Scott Walker sorgt dagegen für Anspannung: Pulsierende Geigen, unheilvoller Chorgesang sowie hämmernde Trommeln erzeugen eine beengende Düsternis. Dazu hat die Musikerin Sia zehn Tracks für Vox Lux geschrieben, die von Natalie Portman und Raffey Cassidy performt werden. Ihre Popsongs sorgen für den raren Moment einer Wohlfühlatmosphäre mit Texten wie: „Check mein EKG, mein Herz schlägt im Housebeat.“ Der Witz verfliegt allerdings so schnell, wie er gekommen ist.

Corbet setzt auch andere bekannte Praktiken des Musikbusiness in ein kritisches Licht, etwa wenn die 14-Jährige sich in einer Beziehung zu einem viel älteren Manager (Jude Law) wiederfindet, mit dem sie schon mal auf einem Gang Entscheidungsfreiheiten aushandeln muss. In der Szene wird ein Fischaugenobjektiv genutzt, um die unangenehme Nähe zwischen dem namenlosen Manager und Celeste zu betonen, die mit dem Rücken an der Wand steht.

Vox Lux, nach The Childhood of a Leader erst die zweite Regiearbeit des Schauspielers Corbet, fordert seine Zuschauer erneut mit verwirrenden Doppelbesetzungen und großen Zeitsprüngen heraus. Statt eines zentralen Konflikts gibt es einen atemlosen Trip durch starke Bilder, mit schauspielerischen Höchstleistungen und vielen Metaebenen, die die Frage provozieren: „In was für einer Welt leben wir eigentlich?“ Übrigens besonders interessant wird der Kinobesuch, wenn man im Hinterkopf behält, dass sowohl Natalie Portman als auch Raffey Cassidy als auch Brady Corbet selbst alle ehemalige Kinderstars sind.

Info

Vox Lux Brady Corbet USA 2018, 114 Minuten

06:00 27.07.2019
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