Kein Streichelzoo

Sachlich richtig Literaturprofessor Erhard Schütz über Hegel-Heringe, Schnapsdrosseln und Robert Walsers Katze
Erhard Schütz | Ausgabe 36/2014
Kein Streichelzoo

Illustration: der Freitag

Eigentlich hätte man ja längst bemerken müssen, wie sehr in Robert Walsers Feuilletonwelt Tiere ihren Auftritt gehabt haben. Nun haben zwei subtile Kenner uns zu einem menschheitlichen Vergnügen verholfen, indem sie einen ganzen Tierpark aus dem literarischen Walsergebirge herausgefangen haben. Auch wenn es Walser eher mit den Schmuse- und Kleintieren zu halten schien, besonders denen, die sich mit Diminutiva versehen ließen – Kätzchen, Schoßhündchen, Kälbchen –, ist das kein Streichelzoo. Auch Elefant, feiste Sau und Löwe haben ihren Platz. Der virtuose Heldendemonteur Walser zeigt sich zunächst vom Löwen affiziert, wenn er dann näher hinsieht, handelt es sich doch nur mehr um einen verfettenden Schauspieler. Natürlich macht er ausgiebig von den so kommoden Menschheitsvergleichen Gebrauch, doch wäre es nicht Walser, wenn die nicht unter der Schreibhand gegen den Strich gebürstet würden. Den Männern attestiert er entschiedenere „Schweinhaftigkeitsanlagen“ als den Frauen, um dann die Schönen doch ins Schweinerne hinüberzuziehen. Denn es ist ja so: „Keiner kann behaupten, er sei kein Schwein.“

Sein Wappentier indes ist die Katz, über die und für die er schrieb. „Für die Katz“ ist die Vergeblichkeitsformel seines Schreibens wie die Adressierung seines ebenso gefräßigen wie launischen und undankbaren Publikums. Doch, zeigt sich auch in diesem Band, die Katze hat sieben Leben – und folglich lebt Walsers literarische Katze und lebt …

Egon Erwin Kisch hat ihn als Kommunisten der Meere bezeichnet, weil er in so geballten Schwärmen auftritt. Doch „Vagabund der Meere“ ist heute trefflicher. Für Holger Teschke jedenfalls ist er ein Individualist par excellence, „denn wie alle wahren Individualisten kommt er äußerlich eher unauffällig daher“. Gemeint ist der Hering, der Hegelianer unter den Meeresbewohnern, dem Weltgeist im Schwarm folgend und Freigeist als Weltenbummler. Seine Schönheit, seine Etymologie, das Heringsfurzen, sein Verhältnis zum Fasten, Krieg um ihn, seine Nutzung als Wundauflage oder gegen Hämorrhoiden. Das ist keine Grabbe’sche „Heringsliteratur“, nur geeignet, ebendenselben einzuwickeln: Hier wird vielmehr der Leser aufs Schönste eingewickelt. Holger Teschkes Monografie über den Hering ist wunderbar erzählt, von Judith Schalansky ebenso ausgestattet. So könnte einem selbst die Miesmuschel ans Herz wachsen.

Jetzt weiß ich, warum man den Schluckspecht auch als Schnapsdrossel bezeichnet: Weil die Drossel das Zigsfache von dem spielend verträgt, was unsereiner könnte. Doch auf solch Anekdotisches ist Josef H. Reichholfs Buch über die Vögel nicht aus. Es ist nicht nur eins über Vögel, sondern zunächst einmal über die Menschen, die sich leidenschaftlich der Ornithologie widmen, ob als Birdwatcher oder Wissenschaftler. Zudem ist es eins über das Verhältnis von Menschen und Vögeln zueinander, also auch eins über Artenvernichtung und -schutz wie über Lebensraumteilung. Reichholf macht neugierig, indem er alles Wesentliche erklärt, von der Flugfähigkeit (die nicht alle Vögel besitzen) über Knochenbau und Lungensystem, Nester, Gefieder und so fort.

Beim Gefieder gibt er seiner eigenen Theorie über die Entstehung der Federn breiten Raum. Sie ist unter Biologen nicht unumstritten, liest sich für unsereinen jedoch plausibel. Watvögel haben Reichholfs kräftiges Interesse, ebenso diejenigen, die längst in den Städten heimisch sind, Amseln etwa oder Krähen. Und natürlich Robert Walsers Enten. Ein wunderbares Buch, das sich nicht einmal für handfeste Handreichungen zur Winterfütterung zu schade ist.

„Dass der Nachdruck unbillig sei, dass der Nachdrucker sich schämen sollte, zu ernten, wo er nicht gesäet hat, und der faulen Hummel gleich über den Honig der fleißigen Bienen herzufallen: wer leugnet das?“ Da tat Gotthold Ephraim Lessing der Hummel nicht recht. Man wusste damals mehr über Nachdrucker als über „die Hummel, die wie’s Feuer summt“ (Max Dauthendey). Noch heute stehen, schreibt Dave Goulson in seiner Eloge auf die Hummel, die Hummelforscher vor der Herausforderung, allein ihre Zahl und Arten zu erfassen. Weil sie erstaunlich wohnflexibel sind und selten mehr als 300 zusammenleben. Das adipöse Geschöpf, die wilde Hummel, ist ein Flugwunder, das so eigentlich gar nicht existieren sollte, ist ein hochgradiger Energiekonsument und hält im Pelz mehr als 40 Grad nicht aus. Es dauert seine Weile, bis man sie in Rage bringt. Aber dann können sie stechen und beißen gleichzeitig. Und nützlich sind sie natürlich zur Bestäubung, insbesondere, wo die Bienen schwächeln und schwinden. Deshalb, konnte man jüngst andernorts lesen, versucht man, sie fabrikmäßig zu züchten. Goulsons Buch über die Hummel jedenfalls gehört zu den kleinen Lesewundern der Natur: Herkunft, Bau, Verhalten und Ökosystem, kurz: Das Buch ist eine rundum kurzweilig daherkommende Unterrichtung.

Der kleine Tierpark Robert Walser Insel Taschenbuch 2014, 159 S., 7 €

Heringe Holger Teschke Matthes & Seitz 2014, 119 S., 18 € Ornis.

Das Leben der Vögel Josef H. Reichholf C. H. Beck 2014, 272 S., 19,95 €

Und sie fliegt doch. Eine kurze Geschichte der Hummel Dave Goulson Hanser 2014, 320 S., 19,90 €

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06:00 17.09.2014

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