Kein „Vaterunser“ in der Politik

Weltjugendtag Dass die Politik nicht immer so will, wie die Kirche es verlangt, hat Papst Franziskus nicht zuletzt in Polen erfahren müssen
Jürgen Busche | Ausgabe 31/2016 4
Kein „Vaterunser“ in der Politik
Die Selbstinszenierung der katholischen Kirche zum Weltjugendtag in Krakau
Foto: Wojtek Radwanski/AFP/Getty Images

Der Islam ist, so scheint es bisweilen, überall. Und wo ist das Christliche (außer im Namen von CDU und CSU)? Soeben konnte man wieder vom Christlichen überrollt werden: Papst Franziskus war in Polen und mehr als eine Million junger Leute aus der ganzen Welt mit ihm. Tagelang. In der Münchner Marienkirche versammelten sich die Spitzen des Staates zu einem Trauergottesdienst für die neun Opfer eines Amokläufers. Imposante Bilder. Aber was erzählen sie?

Der Papst mahnte beim katholischen Weltjugendtag in Krakau immer wieder das gesellschaftliche Engagement seiner Zuhörer im christlichen Geiste an und wies besonders auf die Barmherzigkeit hin, die man Flüchtlingen schulde. Was die jungen Menschen dazu dachten, konnte nicht ermittelt werden. Aber die Regierungsspitzen des allerkatholischsten Landes, in dem diese Worte gesprochen wurden, wollen ihm nicht folgen. Das ist ein uraltes Problem Europas – schon vom Mittelalter her: dass die Politik nicht so will, wie die Kirche es verlangt. Seit der Aufklärung ist das gleichsam amtlich. Konrad Adenauer sprach es unverblümt aus: Bei politischen Fragen hat die Kirche nichts anderes zu sagen als Amen.

Und beim Gottesdienst? Blicken wir zurück. Als vor einem Vierteljahrhundert die Berliner Mauer gefallen war, zog es den damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker mit Macht nach Potsdam. Er wollte unbedingt beim Adventssingen im Dom dabei sein. Er durfte. Daraufhin brachten fast alle westdeutschen Zeitungen das Foto von ihm zwischen den Herren Gerlach (Ost-CDU) und Modrow (SED). Aber während „Ritchie“ erkennbar kräftig mitsang, zeigten die beiden DDR-Offiziellen missmutige Gesichter. Heute könnten nur noch die wenigsten Politiker mitsingen. Gauck kann es, weil er Pastor war. Merkel kann es, weil der Vater Pastor war, Lammert, weil er im westfälischen Bochum jeden Sonntag zur Kirche gehen musste. Aber die anderen? Seit Jahren ist es von großer Peinlichkeit, wenn man bei Übertragungen der halboffiziellen ökumenischen Gottesdienste in den ersten Reihen die Politiker und Beamten sieht, die nicht mitsingen, oft auch das Vaterunser nicht können. Singen und beten tut auf den hinteren Plätzen die Plebs.

Aber das war wohl im Chistentum schon immer so. Für die Fürsten schrieben Mozart und Kollegen die tollen Messen. Das Volk sang „Großer Gott, wir loben dich“. Es sind bei weitem nicht alle Kirchen leer an Sonntagen, und in jeder wird gesungen. Es mag sein, dass der Islam ein Teil Deutschlands ist. Eine Gefahr für das Christentum ist er nicht und will er nicht sein.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

06:00 05.08.2016

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