Kein verlorenes Land

Überblick Zur griechischen Literatur erschien eine fein zusammengestellte Ausgabe der Zeitschrift „Die Horen“
Annett Gröschner | Ausgabe 18/2013
Kein verlorenes Land

Foto: Loisa Gouliamaki/ AFP/ Getty Images

Asteris Kutulas ist ein unermüdlicher Literaturbotschafter. Seit Beginn der achtziger Jahre sorgt der 1960 im rumänischen Exil geborene und in der DDR aufgewachsene Autor, Herausgeber und Übersetzer dafür, dass die großen griechischen Dichter der Moderne wie Jannis Ritsos und Odysseas Elytis, Konstantin Kavafis und Georgos Seferis sowie die Musik Mikis Theodorakis’ vor allem in Ostdeutschland ein größeres Publikum fanden und behielten.

Er tut dies seit einem Vierteljahrhundert zusammen mit seiner Frau Ina. Nun haben beide gemeinsam unter dem Titel „Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt....“ Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land eine sorgsam edierte Sammlung griechischer Literatur als Heft 249 der Horen vorgelegt. Wie Asteris Kutulas im Vorwort schreibt, wollen sie damit das „andere Griechenland“ beschreiben, das eigentliche, jenseits des von der Bild-Zeitung als faul und bankrott beschriebene Griechenland. Ein Heft, das nicht „2000 Jahre Niedergang“ (Der Spiegel) dokumentiert, sondern voller Autoren ist, die „in einer Sprache schreiben, die seit der Antike ununterbrochen geschrieben wird“. Kutulas‘ Eingangsessay bettet die griechische Sprache und Literatur ein in die jüngere Geschichte des Landes, mit ihren Diktaturen und Jahren der demokratischen Hoffnungen, mit den instabilen politischen Verhältnissen und dem Verrat der politischen Kaste an der jüngeren Generation zu Beginn des neuen Jahrtausends – bis hin zum Flugblatt der Kinder des Aufstandes 2008 nach dem Tod des 15-jährigen Alexis Grigoropoulos: „Schießt nicht mit Tränengas auf uns, wir weinen auch so“.

Entstanden ist eine Anthologie der griechischen Literatur von der frühen Moderne bis zur unmittelbaren Gegenwart. Von 1901 bis 2013 geht die Auswahl, beginnend mit dem 1863 in Alexandria geborenen Konstantin Kavafis, bis zu Jazra Khaleed, Jahrgang 1979, Sohn einer Tschetschenin und eines Griechen, dessen stark rhythmisierte Lyrik direkt ins gegenwärtige Geschehen eingreift, die Lebensumstände der Migranten und die herrschende Ungerechtigkeit anprangert.

„Kommt, ich bring euch Manieren bei/ Ihnen , verehrter Richter, während Sie sich die Schuld aus dem Bart wischen/ Ihnen, lieber Herr Journalist, während Sie für den Tod die Werbetrommel rühren.“

Vor allem jüngere Autoren

Ergänzt werden die literarischen Texte durch Essays deutscher und griechischer Autoren über ihre literarischen Vorlieben und die jüngste griechische Literatur, die in Deutschland nahezu unbekannt ist.

Unverständlich bleibt allein, warum in der Übersetzung des Gedichtes „The New Beat“ von Jazra Khaleed, geografische und politische Begriffe ans Deutsche angepasst wurden, indem u.a. die Athener Mesolongiou-Straße durch das Kottbusser Tor in Berlin ersetzt wurde, eine Übertragung, die in Zeiten des Internets überflüssig ist. Die Berliner Verhältnisse lassen sich eben gerade nicht mit den Athener Verhältnissen vergleichen. Das schmälert aber überhaupt nicht das Verdienst der Herausgeber, uns in Erinnerung zu rufen, wie reich die griechische Literatur ist und wie entdeckenswert ihre jüngsten Entwicklungen.

Eine Neuentdeckung ist für mich Amanda Michalopoulou. In ihrer Prosa schimmert durch die entwurzelten Figuren mehr Gegenwart durch die Sprache, als uns die Reportagen und Berichte in den Medien Glauben machen.

Lesen wir also, um die Griechen zu verstehen, ihre Literatur. Die des schwedisch schreibenden Ares Fioretos mit seinem ethnologisch-poetischen Blick auf den griechischen Vater. Oder die Chronik über Athen in Zeiten der Krise Taschenlampe zwischen den Zähnen von Christos Chryssopoulos. Oder doch die alten Modernen wie Odysseas Elytis oder Georgos Seferis, den Nobelpreisträger von 1963, hier vermittelt durch den Blick des Dresdners und „Wahlgriechen“ Gregor Kunz: „Manchmal beweinten Weiber im Elend/ jammernd ihre verlorenen Kinder / und andere rasten und suchten nach Alexander/ und nach versunkenem Ruhm in der Tiefe von Asien.“

„Sogar dann, wenn jeder Himmel fehlt...“ Auf der Suche nach einem verlorenen (Griechen)Land Zusammengestellt von Asteris und Ina Kutulas Die Horen, Heft 249, Wallstein Verlag 2013, 14 €

Von Annett Gröschner ist zuletzt erschienen Backfisch im Bombenkrieg: Das Tagebuch der Gitti E. Notizen in Steno 1943-45

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15:50 03.05.2013

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