Kein Weltbewusstsein

Textgalerie Kolumne

"Der Mensch", so lehrte einst der junge Marx in seiner Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, "das ist kein abstraktes außer der Welt hockendes Wesen". Bei seiner Verankerung im Sozialen sei das bürgerliche Individuum nicht nur in einen Staat, eine Sozietät eingebunden, sondern auch in ein falsches Bewusstsein. Denn in der Sozietät entstehe die Religion, "ein verkehrtes Weltbewusstsein", das ideologische Resultat einer "verkehrten Welt". Diese dialektische Pointe schloss den ideologiekritischen Anspruch auf ein "richtiges Weltbewusstsein" ein.

Das sprechende Subjekt im Gedicht von Michael Lentz hat solche Gewissheit verloren, sein "weltbewusstsein" ist nur noch eine rätselhafte gewordene Kategorie, eine kryptische Formel, ein begrifflicher Fremdkörper, der isoliert durch die Verse treibt. Es scheint, als wäre dieses Subjekt nur noch ein ratloses, "außer der Welt hockendes Wesen". Wenn nach dem Ort des "weltbewusstseins" gefragt wird, gibt es keine Antworten mehr. Stattdessen drängen sich hastig hervorgestoßene Fragen und hilflose Definitionsversuche vor, oft nur noch als grammatisch falsche Satzstummel ("was das akzeptiert ist") in den Vers gestellt. Das blinde Handeln jenseits aller inhaltlichen Bestimmtheit ("wo da jemand was tut"), das schiere Aufbegehren, die niedlichste Banalität ("wo da jemand mücken verscheucht") werden als Kriterien für ein "weltbewusstsein" angeführt. So gerät alles ins Beliebige. Das Subjekt kann keine festen Konturen für das "weltbewusstsein" finden, es kann nur noch Fragen stellen oder Wörter-Listen repetieren. Selbst die Räsonnements über Krieg oder Frieden ("ein luftschlag. / ein frieden") laufen leer, haben keine Substanz.

Michael Lentz ist ein radikaler In-Frage-Steller, ein Autor, der alles de-konstruieren will, was die literarische Tradition und nicht zuletzt seine eigene Schreibpraxis an ästhetischen Normen aufgebaut hat. Zur Eigenart eines bekennenden Experimentaldichters, als den man Lentz immer wieder rubriziert hat, gehört das nicht. Das "weltbewusstsein" ist dem Subjekt des Gedichts abhanden gekommen, aber auch die Gewissheit einer "richtigen" Poetik.

In seinem Gedichtband Aller Ding(2003), in dem die vergebliche Suchbewegung nach dem "weltbewusstsein" stattfindet, hat Michael Lentz nicht dem Spiel mit "Konstellationen" oder "Permutationen" gehuldigt, sondern die Grenzen jedes literarischen Sprachspiels kenntlich gemacht. Das ganze Repertoire der konkreten Poesie, der Lautdichtung, des Lettrismus und Dadaismus, des systematischen Zeichen-Verwirrspiels wird in diesem Buch noch einmal aufgerufen und in teilweise minimalistischen Exerzitien durchgespielt. Dabei geht es aber nicht um die poetische Confessio eines inbrünstigen Wort- und Sprachakrobaten, sondern um die finalen Grenzpunkte eines Sprachspiels, dem keine neuen Energien mehr abgewonnen werden können. All die "Gedichteten Gedichte", die "Konzepte und Rezepte", "Formate und Formalereien", die Lentz hier präsentiert, markieren nicht etwa einen poetischen Neuanfang, sondern tragen die Signatur des Abschieds. Das "weltbewusstsein", so müssen wir am Ende des Gedichts feststellen, ist "ein versehen". Also: Ein aus Unachtsamkeit entstandener Fehler. Oder, aktivisch verstanden: Eine Intervention des Subjekts, das an der Entstehung von etwas mitwirkt. Das bleibt offen. Und schon wird das nächste rätselhafte "weltbewusstsein" herangespült.

Michael Lentz, geboren 1964 in Düren, gewann 2001 den Ingeborg-Bachmann-Preis mit dem Prosatext Muttersterben. Seine lyrische Meditation über das "weltbewusstsein" ist dem 2003 vom Frankfurter S. Fischer publizierten Band Aller Ding entnommen.


Michael Lentz

ein weltbewusstsein. wo das ist.
wo das kreise zieht. was das akzeptiert ist.
wo da jemand zuhört. wo da jemand was tut.
wo da jemand einen mucks tut. wo da jemand
aufmuckt. wo da jemand mücken verscheucht.
ein weltbewusstsein. ein schlechtes
wetter. ein schwerer stolz eine pflicht
ein luftschlag.
ein frieden.
ein weitermachen.
eine sorgfalt.
eine realität.
ein versehen.
und noch ein weltbewusstsein.

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00:00 02.06.2006

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