Keine Ahnung

Schreibplatz Aus dem Alltag eines Kulturredakteurs

Du hast es doch gut. Viele meiner Freunde beneiden mich. Du bist überall dabei. Bewegst dich unter Intellektuellen. Du weißt doch alles, kannst alles lesen, kannst dich äußern. Du hast doch Einfluss. Kulturelle Deutungsmacht? Haben die eine Ahnung. Ist mir ein Rätsel, wieso selbst Joachim Kaiser noch an die "Macht des Kritikers" glaubt. Das war einmal. Nie war ich deutungsmächtiger denn zu der Zeit, als ich noch als kleine, freie Zeilenwurst durchs Funkhaus schlich. Jetzt bin ich Redakteur. Und habe meist keine Ahnung mehr, um was es gerade geht. Wie fing das noch an mit dem Krieg in Jugoslawien? Jedenfalls war Genscher schuld. Wo steckt der eigentlich? Hat sich rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Aus welcher Richtung kamen jetzt noch die Flüchtlinge aus oder nach Zaire? Was müssen die sich überhaupt abschlachten? Können die sich nicht einigen? Schreckliche Welt. Was, um Himmels willen, tut sich da ständig? Ich komme nicht mal zum Zeitung lesen. Wie war das noch mal mit Goldhagen? Ach ja, Kollektivschuld, das Böse im deutschen Gen. Natürlich Blödsinn. Ein übler Quellenfledderer. Und die Linke verleiht ihm auch noch Preise. Na, kann man sicher bald wegklonen. Aber was hat jetzt dieser Finkelstein gegen den? Ach der war gar nicht dagegen? Da hatte ich mir doch was in die Artikelablage gelegt. Wo ist das noch? Falscher Stapel. Diskursfeuilleton ist wie Tontaubenschießen. Möglichst schnell, möglichst viele runterholen. Hinter mir fallen die Büchertürme um. Besuch steht vor der Tür. Neben dem Schreibtisch häufen sich die ungelesenen ZEIT-Ausgaben wie Holzscheite auf dem Balkon für den Kamin. Auf dem Weg zur Arbeit im Bus versuche ich es wenigstens noch schnell mit einer Tageszeitung. Mit weit aufgerissenen Armen kämpfe ich mit dem Überformat, das in umgekehrter Relation zu den Bedeutungsvolumina steht. Dann hüpft sie mir vor lauter Schlaglöchern auch noch vor der Nase hin und her. Ich kann keine Zeile richtig lesen. Ganzseitige Artikel überschlage ich sofort. Wer soll sich darauf konzentrieren? Wie, frage ich mich in einem synaptischen Zwischenraum, schafft es eigentlich mein Kollege vis à vis, jeden Tag alle Tageszeitungen durchzulesen und kurz nach Mittag entspannt zu entschwinden? Trübsinnig starre ich auf die fröhlich ahnungslosen Mitfahrer in meinem morgendlichen Doppeldecker, denke wehmütig an Hesses Kunst des Müßiggangs. Abends im Theater schlafe ich im ersten Akt ein und gehe in der Pause. In bleischwerem Traum erscheint mir mein Verleger und ruft: "Mehr Kultur! Aber mit weniger Stellen!" Genau. Das ist überhaupt die Lösung!

Am nächsten Morgen im Büro überfallen mich dann Telefonate, Post, Sitzungen und die entnervten Layout-Kollegen drohen mit Fahnenbündeln in den Fäusten. Wo sind die Seiten? Und warum wollen die immer alles von mir wissen? Hast du gelesen? Glotz über Handke, das letzte zu Hermlin, der neue Simmel, der uralte Pen, der ganz neue Pop. Und dieser Franzose mit seinen Elementarteilchen. Klar, hängt ja alles irgendwie zusammen in dieser verflixten Materie. Aber wie? Bin ich Kulturbiologe? Wächst mir ein Gen auf der flachen Hand? Und wo steht eigentlich die deutsche Gegenwartsliteratur? Weiß ich nicht. Ich kann sie nicht lesen vor lauter Korrekturlesen. Aber sie soll wieder lustiger geworden sein.

Manchmal rufen Autoren an. Haben Sie das gelesen, was ich Ihnen geschickt habe? Das knüpft an mein letztes Buch an. Nein!, belle ich in den Hörer. Habe ich noch nicht. Ich habe ja noch nicht mal gelesen, was sie sonst geschrieben haben. Überhaupt lese ich ungern Bücher über 200 Seiten. Wer hat für so was Zeit? Rainald Goetz hat recht: "Alle haben immer alles gelesen. Das stimmt überhaupt nicht. Weil man kann nur wahnsinnig wenig wirklich gut und ernsthaft studiert haben. Während die Wahrheit doch ist: man selber war nicht auf den Autorentagen in Hannover, hat alle Theater-Treffen-Aufführungen verpasst, alle Diskussionen, und man hat außerdem die fünf neuen Bücher, die einen wirklich interessieren, noch NICHT gelesen."

Aber wenn ich dann mal anfange mich so richtig für ein Thema zu interessieren und alles lese, muss ich mir anhören, dass es schon "durch" ist. Also gut, bleibt es halt liegen. Abends hocke ich müde und faltig zwischen angegilbten Bündeln guter Vorsätze, von den anmutigsten Ballen grauer Flusen umwoben. Wo soll ich zuerst anfangen? Soll ich jetzt überhaupt noch anfangen? Meine schöne Sammlung zu Anthony Giddens Drittem Weg habe ich letzthin einfach komplett in den Mülleimer gekippt. Komme ich doch nicht zu. Hier in der Stille säuberlich gestapelten aber selten genutzten Wissens darf ich es einmal laut herausschreien: "Ich habe keine Ahnung!" Hat das einen Wirbel gegeben.

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00:00 01.06.2001

Ausgabe 42/2021

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