Moritz Krawinkel
Ausgabe 1714 | 25.04.2014 | 06:00 1

Keine Angst vorm Syndikat

Anderes Wohnen Mitten in der Bankenmetropole Frankfurt will eine Bürgerinitiative ein solidarisches Wohnprojekt für 150 Menschen gründen. Das Vorhaben kann ein Vorbild sein

Die Entwicklung ähnelt sich in vielen Großstädten: Die Mieten steigen weiter an, neu gebaut werden vor allem teure Eigentumswohnungen. Kein Wunder, Wohnraum ist für Investoren interessant wie nie. Umso erstaunlicher ist es, dass nun ausgerechnet in der Finanzmetropole Frankfurt am Main ein groß angelegtes alternatives Wohnprojekt eine Chance bekommt – und zwar mitten in der City, in feinster Filetlage: auf dem alten Uni-Campus im Stadtteil Bockenheim.

Bislang sah es so aus, als würde bei der Entwicklung des neuen Innenstadtquartiers nur an höchstbietende Investoren verkauft. Überraschenderweise hat jetzt aber eine Initiative für solidarisches Wohnen den Zuschlag für ein symbolträchtiges Objekt erhalten. Für 6,1 Millionen Euro kann die Projektgruppe „Philosophicum“ das gleichnamige, von Architekt Ferdinand Kramer entworfene und 1960 eröffnete Seminargebäude von der Stadt kaufen. Einst diskutierte Theodor W. Adorno hier mit Studenten, jetzt will die Gruppe in dem denkmalgeschützten Bau günstigen Wohn- und Arbeitsraum für 150 Menschen schaffen. Geplant sind auch ein Café, eine Kita und weitere soziokulturelle Angebote. Zur Gruppe zählen Menschen mit und ohne Handicap, aus allen Altersgruppen und Schichten.

Das Besondere an dem Projekt: Die Initiative will die Finanzierung selbstständig auf die Beine stellen, weitgehend ohne öffentliche Förderung. Hierfür baut sie auf das Modell des Mietshäuser Syndikats, das 1992 in Freiburg gegründet wurde. Unterstützer und zukünftige Bewohner stellen niedrige oder nicht verzinste Direktkredite zur Verfügung, es müssen keine hohen Summen sein. Damit wird das nötige Eigenkapital aufgebaut, das dann von Bankkrediten ergänzt wird. Der Clou: Die Bewohner zahlen später Miete an den eigenen Hausverein. Die Häuser verbleiben in Gemeineigentum, sind der Spekulation auf dem Wohnungsmarkt entzogen.

Schon rund 80 Häuser werden bundesweit nach diesem Modell bewirtschaftet. Auch in Freiburg hat die Stadt gerade wieder einem solchen Projekt grünes Licht gegeben. 500 Wohnungen sollen dort in einem neuen Quartier entstehen, 50 davon wieder im Syndikats-Modell. Diese Beispiele machen deutlich, dass Politik und städtische Immobiliengesellschaften doch erheblich mehr Spielräume haben, als sie in der Regel nutzen wollen; Spielräume, die mit Ideen für ein anderes Zusammenleben gefüllt werden.

Moritz Krawinkel ist als Mitglied und Sprecher in der Frankfurter Projektgruppe philosophicum.org aktiv

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 17/14.

Kommentare (1)

Lethe 25.04.2014 | 14:15

Das Wohnen und Zusammenleben wird wahrscheinlich nicht soviel anders verlaufen als immer, nur weil die Finanzierung auf einer anderen Basis beruht. Solche Projekte, in kleinerem Rahmen, gibt es immer wieder mal; ich war hier in meiner Stadt mal an sowas beteiligt, wobei es nicht um ein Wohnungsprojekt sondern um ein Mietprojekt für kleine und Kleinstfirmen und -geschäfte ging. Klappte eine Weile leidlich und scheiterte dann, weil die Egoismen der einzelnen Parteien letztlich wichtiger das Gemeinwohl wurden.