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Trauma Drei Jahre nach dem Germanwings-Absturz sind viele Hinterbliebene verbittert und fassungslos über die Lufthansa
Martin Rupps | Ausgabe 12/2018 3
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Montage: der Freitag; Material: Lammeyer/iStock

Der Koffer stinkt nach Kerosin. Deshalb bewahren ihn die Eltern im Keller auf. Es war der Koffer, mit dem ihre Tochter Franka* vor drei Jahren nach Barcelona aufgebrochen war, zu einem Schüleraustausch, von dem sie nicht zurückgekehrt ist. Das Mädchen war einer von 149 Menschen, die der Co-Pilot Andreas L. am 24. März 2015 mit in den Tod gerissen hat.

Im Koffer, den ihre Mutter aus dem Keller geholt hat, liegen noch immer die T-Shirts und Pullover, die Franka in Spanien vor dem Rückflug eingepackt hatte. Ihr Zimmer befindet sich in Sichtweite des Wohn- und Essbereichs, es sieht heute so aus, wie sie es verlassen hat. „An Weihnachten und im März ist es besonders schwer“, sagt die Mutter.

Der Germanwings-Airbus mit Flugnummer 9525 knallte am 24. März 2015 um 10:41 Uhr gegen das Bergmassiv Trois-Évêchés in den Provenzalischen Alpen. Minutenlang hatten die Passagiere den Sinkflug der Maschine spüren und die Rufe des Piloten, seine Schläge an die Tür zum Cockpit anhören müssen. Der Co-Pilot hatte sie verriegelt und das Flugzeug in den Abgrund gesteuert, um 144 Passagiere und fünf andere Besatzungsmitglieder mit in den Tod zu reißen. Es ist die größte von einem Deutschen herbeigeführte Katastrophe seit Gründung der Bundesrepublik.

* Namen geändert

Am Ort des Aufpralls, oberhalb des Ortes Le Vernet, gab es keine Überlebenschance. Die Insassen wurden pulverisiert. Pathologen rechnen bei 150 Toten mit einem Gesamtgewicht von etwa zwölf Tonnen. Die Ermittler fanden einen Bruchteil davon. Gerade einmal eine Tonne konnte mittels DNA-Proben zugeordnet werden. Lediglich ein Passagier war vollständig erhalten. Eine Frau zerfiel beim Aufprall in 52 Teile. Ihre Gebärmutter lag lose im Schutt. Die Leichenteile, die sich nicht zuordnen ließen, wurden nahe der Absturzstelle in einem Sammelgrab beerdigt. Am Absturz-ort selbst stoßen Katastrophentouristen bis heute auf Knochen und Gabeln.

Die Hinterbliebenen erhielten von den französischen Ermittlungsbehörden eine exakte Aufstellung, was von ihren geliebten Menschen übrig war. Manche öffneten den Umschlag, andere können es bis heute nicht.

Zehn Tage, bevor sich die Katastrophe zum dritten Mal jährt, hat die Lufthansa, deren Tochterunternehmen Germanwings (heute: Eurowings) ist, das beste Ergebnis ihrer Geschichte vorgelegt. Sie hat das operative Ergebnis um 70 Prozent auf rund drei Milliarden Euro gesteigert, der Überschuss wuchs um ein Drittel – auf 2,4 Milliarden Euro. „Das Jahr 2017 war für Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre ein sehr gutes Jahr“, sagte Vorstandschef Carsten Spohr. Sein Vertrag ist um fünf Jahre verlängert worden. Kosten zu senken, das ist Spohrs Mantra, mit Eurowings holt die Lufthansa derzeit im lukrativen Segment der Billigflieger auf.

Zwei Toiletten hat der Germanwings-Airbus bei Flug 9525 – dass die vordere defekt war, hält manch ein Hinterbliebener für ein Sinnbild des Geiz-Kurses bei der Lufthansa. Hätte der Kapitän sie und nicht die weiter hinten in der Maschine befindliche Toilette benutzen können, wäre sein Weg zum Cockpit kürzer und seine Zeit zum Aufbrechen der Tür länger gewesen. Die Lufthansa spricht von dem Absturz als einem „Unglück“. Hinterbliebene nennen ihn „Massenmord“.

In der Wohnung des Co-Piloten fanden sich jede Menge Medikamente zur Behandlung von psychischen Erkrankungen. Andreas L. war schwer krank – und seine Ärzte, seine Freundin und seine Eltern wussten das; dem Vernehmen nach war es auch Kollegen bei Germanwings nicht verborgen geblieben. „Andreas L. hatte einen an der Klatsche, das war bekannt“, sagten Piloten zu einem Vater, der seine Tochter verloren hat.

Entschädigung als PR

Sein Arbeitgeber hätte den Mann aus dem Verkehr ziehen müssen, hätte er von dessen Erkrankung gewusst. Und er hätte wohl von der Erkrankung gewusst, wäre in Deutschland eine Richtlinie der EU-Kommission eins zu eins umgesetzt worden. Die Richtlinie weicht die ärztliche Schweigepflicht in Fällen wie dem von Andreas L. auf, kollidierte aber mit dem deutschen Datenschutz. Also setzt sie die Bundesregierung nur in abgeschwächter Form um. So lautet die Lesart etlicher, die vor drei Jahren Angehörige verloren haben. Es ist eine Lesart mit vielen Konjunktiven.

Ohne solche kommt hingegen ein Brief aus, den Lufthansa-Chef Spohr im Januar von deutschen und niederländischen Hinterbliebenen des Absturzes erhalten hat. „Wir empfinden Ihre kompromisslose und starre Haltung als demütigend“, steht darin. Als demütigend empfindet es Frankas Mutter, dass die Lufthansa die psychotherapeutische Hilfe, die sie bis heute in Anspruch nimmt, künftig nur noch unter der Bedingungen bezahlen will, dass die Familie ihre Klage auf Schmerzensgeld zurückzieht. Ein Lufthansa-Sprecher erklärt: „Auch wenn aus rechtlicher Sicht keine Ansprüche mehr gegen Germanwings bestehen, so halten wir weiter ein vielfältiges Angebot an freiwilligen Hilfsleistungen für die Angehörigen bereit. Dies geht weit über psychosoziale Unterstützung hinaus. Dieses freiwillige Angebot können wir allerdings nur dann aufrechterhalten, wenn ausgeschlossen ist, dass eben diese Leistungen juristisch gegen uns verwendet werden.“

Carsten Spohr hatte nach dem 24. März 2015 „schnelle Hilfe“ zugesagt. „Schnell“ bedeutete, dass die Lufthansa Müttern, Vätern und Partnern sowie im gleichen Haushalt lebenden Geschwistern eines Opfers jeweils 10.000 Euro Schmerzensgeld gezahlt hat. Die Lufthansa legt bei Müttern, Vätern und Partnern noch einmal 10.000 Euro drauf, wenn sie auf weitere Ansprüche gegen das Unternehmen verzichten. „Allein die Grabpflege während unserer restlichen mutmaßlichen Lebenszeit übersteigt den Betrag, den Sie als Entschädigung für unser Leid anbieten, um ein Mehrfaches“, heißt es in dem offenen Brief an Spohr.

Großzügig ist die Lufthansa derweil, wenn es um öffentlichkeitswirksame Projekte geht, etwa eine goldbemalte Kugel am Absturzort oder persönliche Hinterbliebenen-Initiativen. So floss etwa Geld an eine Theatergruppe und an einen Schwimmbad-Förderverein. Auf diese Weise, sagen Hinterbliebene, würden Familien mundtot gemacht. Im Kuratorium, das über förderwürdige Projekte entscheidet, säßen drei Hinterbliebenen- und drei Lufthansa-Vertreter sowie eine objektive Vorsitzende. Die Hinterbliebenen hielten viele Projekte für nicht förderwürdig, würden aber stets von der Lufthansa-Fraktion und der Vorsitzenden überstimmt. Der Lufthansa-Sprecher erklärt, in dem Fond bündelten „Germanwings und Lufthansa ihr freiwilliges und langfristiges Engagement in Folge des Unglücks“; „über die faire und transparente Zuteilung der Gelder entscheidet ein Kuratorium, in dem auch Angehörigenvertreter Sitz und Stimme haben“.

Vor Frankas alter Schule in Haltern am See brennt heute rund um die Uhr eine Kerze. Jeden Morgen kontrolliert der Vater eines getöteten Mädchens die Flamme. Sie ist seit drei Jahren kein einziges Mal erloschen. 16 Schüler und Schülerinnen, alle 15 oder 16 Jahre alt, und zwei Lehrerinnen Anfang 30 saßen in der Maschine, die sie von Barcelona zurück nach Düsseldorf bringen sollte.

Frankas Eltern wissen genau, was sie mit einem Schmerzensgeld in angemessener Höhe anstellen würden: die Pflege des Grabes bezahlen und „jedes Jahr zu Weihnachten, wenn der Schmerz besonders groß ist, wegfahren“, sagt der Vater. „Mindestens das ist uns die Lufthansa schuldig.“

Die Familie hat Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz beantragt. Hierzu muss ein Gutachter einen sogenannten Schockschaden feststellen: eine Reaktion, die über eine normale Trauerreaktion hinausgeht. Liegt ein solcher Schockschaden vor, werden immaterielle und materielle Leistungen befristet oder unbefristet bewilligt. Viele Germanwings-Hinterbliebene erlebten den bürokratischen Prozess und das stundenlange Interview beim Gutachter als Tortur. Sie empfanden es als erniedrigend, ihre seelische Verletzung nach dem Tod eines geliebten Menschen nachweisen zu müssen.

Fast all ihre Anträge wurden im Amt für soziales Entschädigungsrecht des Landesverbandes Westfalen-Lippe bearbeitet. Der Gutachter schrieb anfangs individuell gehaltene Gutachten, wie es von einem Arzt in seiner Rolle erwartet wird. Im Laufe der Zeit aber, so klagen Betroffene, wirkten die Gutachten immer standardisierter und abgestumpfter.

Einer fehlt am Frühstückstisch

Die Hinterbliebenen mit negativen Bescheiden fühlen sich von der Urteilspraxis des Landesverbandes Westfalen-Lippe verhöhnt. Mal bekam die Mutter eines Opfers einen Schockschaden zugesprochen, der Vater aber nicht. Manchen wurden Leistungen für 18 Monate bewilligt, anderen ein Leben lang. Ein Vater, der mit seiner Tochter schon lange nicht mehr zusammengelebt hatte, bekam einen hochprozentigen Schockschaden anerkannt, die leibliche, lange alleinerziehende Mutter überhaupt keinen. Die Bringschuld der Hinterbliebenen führte dazu, dass extrovertierte Persönlichkeiten mehr Erfolg hatten als Menschen, die still trauern.

„Die Katastrophe geht erst los, wenn sich die Öffentlichkeit abwendet, wenn der Alltag wiederkommt, wenn am Frühstückstisch jemand fehlt – das ist die Katastrophe“, sagt der Anwalt zahlreicher Hinterbliebener, Elmar Giemulla. Er ist ein anerkannter Experte im Luftfahrtrecht. Seit er sich für die Germanwings-Hinterbliebenen engagiert, arbeite die Lufthansa nicht mehr mit ihm zusammen.

Es geht heute vielen wie Frankas Familie: aus dem persönlichen Umfeld spüren sie die Erwartungshaltung, jetzt doch mal wieder ein normales Leben zu führen. Bekannte und Freunde beschäftigt nicht mehr, was die direkt Betroffenen bis zu ihrem letzten Lebenstag beschäftigen wird. Sie sehen sich nun, drei Jahre nach der Katastrophe, mit einer neuen Einsamkeit im Trauern konfrontiert. Einigen geht es heute schlechter als vor einem Jahr. Die Mutter eines toten Jungen sagt während eines Gespräches: „Jetzt könnte er eigentlich mal heimkommen.“

Mitte Juli 2017 hat der Deutsche Bundestag ein „Gesetz zur Einführung eines Anspruchs auf Hinterbliebenengeld“ verabschiedet. Demnach soll „der Ersatzpflichtige (…) dem Hinterbliebenen, der zur Zeit der Verletzung zu dem Getöteten in einem besonderen persönlichen Näheverhältnis stand, für das dem Hinterbliebenen zugefügte seelische Leid eine angemessene Entschädigung“ leisten. Dieser Passus gelte aber nicht, „wenn sich der Unfall vor dem 22. Juli 2017 ereignet hat“. Für die Verfasser des Briefes an Spohr eine „ausdrückliche Regelung“, um die Anwendbarkeit auf die Germanwings-Katastrophe auszuschließen. „Offenbar hat Ihnen auch in diesem Fall die Bundesregierung einen guten Dienst erwiesen!“, schreiben die Hinterbliebene bitter.

Zur neuen Einsamkeit der Hinterbliebenen kommt ihre fortwährende sekundäre Traumatisierung; so nennen Psychotherapeuten die Kette von Enttäuschungen nach einer tiefen seelischen Erschütterung.

Von Carsten Spohr haben die Verfasser des offenen Briefes aus dem Januar bisher keine Antwort erhalten. Es sei kein Unterzeichner bekannt, nur ein „Übersender“, sagt der Lufthansa-Sprecher, der „sogenannte“ offene Brief sei ein „anonymer“, einige Angehörige hätten „sich aktiv von dem Schreiben distanziert“ und man gehe nun erst einmal „Hinweisen“ auf eine „Autorenschaft außerhalb des Kreises der Angehörigen“ nach. Tatsächlich, so heißt es aus dem Kreis der Verfasser des Briefes, sei der „Übersender“ ein Hinterbliebener, der am 24. März 2015 seine Tochter verloren hat.

Martin Rupps ist Redakteur des Südwestrundfunks und arbeitet derzeit an einem Buch zur Germanwings-Katastrophe

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06:00 24.03.2018

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