„Keine Antwort“

Interview Die Sinti und Roma unter den Opfern kommen öffentlich kaum vor, sagt Joachim Brenner
„Keine Antwort“
Kurz nach dem Anschlag in Hanau traf sich Innenminister Seehofer in der hessischen Kleinstadt mit Mitgliedern der kurdischen Community

Foto: Thomas Lohnes/AFP/Getty Images

Unter den Opfern in Hanau waren drei Roma, einer der Verletzten ist ein Sinto. Der Förderverein Roma e. V. mit Sitz in Frankfurt am Main, dem Joachim Brenner angehört, hat sich seit Jahren unter anderem der Förderung der Begegnung zwischen Roma und Nicht-Roma verschrieben.

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der Freitag: Herr Brenner, wie geht es den Menschen, die Ihr Verein betreut?

Joachim Brenner: Sie sind extrem verunsichert! Nicht erst seit Hanau. Die Hetze gegen Sinti und Roma findet bundesweit statt, sie ist offen, sie ist subtil. Es gibt sie auf allen Ebenen und das führt zu Angst und Vorsicht innerhalb der Roma-Gemeinde. Wir stellen fest, dass es Familien gibt, die Angst haben, ihre Kinder etwa in unser Schulprojekt zu schicken, in den Kindergarten oder zum Karneval. Sie haben Angst, es könnte etwas passieren. Sie fürchten, dass irgendjemand aus rassistischen Motiven und aufgrund von Überlegenheitsgefühlen sich berufen fühlt, andere Menschen umzubringen. So wie es jetzt in Hanau geschehen ist. Dann sind nicht zuletzt auch Roma und Sinti Zielscheibe. Mehr denn je nehmen Angehörige der Roma-Gemeinde wahr, dass sie in der Öffentlichkeit angefeindet werden und Opfer von Ausgrenzung, Diskriminierung und teils eben auch rassistischen Angriffen sind. Insbesondere betrifft das die, die in einer schwierigen Lage sind, weil sie beispielsweise keine Unterstützungsleistungen in Deutschland erhalten, obdachlos und auf der Straße Angriffen schutzlos ausgesetzt sind.

Kurz nach den Anschlägen stand fest, dass mit Mercedes Kierpacz mindestens eine Romni unter den Opfern ist. Dennoch war etwa der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma nicht dabei, als Horst Seehofer am Freitag Vertreter der deutschen Muslime und der Türkischen Gemeinde traf – ähnlich wie bei der Trauerkundgebung am Sonntag, unter anderem mit dem Oberbürgermeister.

Ich denke, dass nach wie vor das Thema Ausgrenzung von und Rassismus gegen Roma und Sinti nicht in der Form präsent ist wie es sein sollte. Das war nicht nur am Freitag oder Sonntag ein Problem. Als wir am Donnerstag erfahren haben, dass mindestens eine Romni unter den Opfern ist, haben wir uns sofort zu Wort gemeldet, eine Presseerklärung geschrieben, der Hessische Landesverband deutscher Sinti und Roma ist direkt vor Ort gewesen, hat einen Kranz niedergelegt. Es war also früh publik und öffentlich und daher ist es eine unentschuldbare Nachlässigkeit, dass es keine Einladungen gab. Anderswo gab es das Problem auch.

Was meinen Sie?

Am Donnerstag gab es eine spontane Kundgebung in Frankfurt, organisiert über den Deutschen Gewerkschaftsbund. 5.000 Menschen haben sich auf dem Paulsplatz versammelt. Es gab dort viele gute, kurze Redebeiträge verschiedenster Organisationen. Doch auch dort kamen wir nicht zu Wort. Das kann ich nicht nachvollziehen. Auf der Kundgebung ging es um Minderheiten, um die Rechte von Menschen, die ausgegrenzt werden. Wenn viele Vertreter von Minderheiten eingeladen werden, heißt das doch, dass auch der Hessische Landesverband der Sinti und Roma oder der Förderverein Roma, der hier sitzt, eingeladen werden müsste. Dem war nicht so. Das spricht nicht für die notwendige politische Sensibilität, sondern ist eher ein Zeichen von Ignoranz.

Zur Person

Joachim Brenner ist Geschäftsleiter und Gründungsmitglied des Fördervereins Roma e. V. mit Sitz in Frankfurt am Main, der sich seit 1993 für die Rechte der Roma und Sinti einsetzt. Schwerpunkte sind pädagogische Projekte, Bildungsarbeit und Engagement gegen Antiziganismus

Haben Sie das thematisiert, etwa dem DGB gegenüber?

Ja, ich war ja auf der Kundgebung und ich habe mich danach mit den Organisatoren in Verbindung gesetzt und offen kritisiert, dass es nicht nachvollziehbar ist, dass keine Organisationen von Roma und Sinti von ihrer Seite aus eingeladen wurden. Bis heute habe ich keine Antwort erhalten.

Sie kennen die Familie Kierpacz schon lange ...

Familie Kierpacz war in unserer Sozialberatung. Mercedes Kierpacz war deutsche Romni, die Vorfahren der Familie kommen aus Polen. Ein Teil der Familie wurde im Nationalsozialismus von Deutschen ermordet. Die Beisetzung fand am Montag statt, der Familie geht es sehr schlecht. Die Verbände bemühen sich, ihr zur Seite zu stehen und auch den anderen betroffenen Familien der Opfer, die Roma waren, Unterstützung zukommen zu lassen.

Gab es Kontakt seitens der Bundesregierung mit dem Zentralrat Deutscher Sinti und Roma und der Familie Kierpacz?

Das entzieht sich meiner Kenntnis, allerdings versuchen Zentralrat wie Landesverband, der Familie in der schwierigen Lage zu helfen.

06:00 28.02.2020

Ausgabe 22/2020

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