Keine Bewegung!

Berliner Abende Kastanienblätter fächeln Wind. Zart angedeutete Kühle aus der Sommerfrische der gemeinen Miniermotte. Hier, am flaschengrünen Kleinen Wannsee, über ...

Kastanienblätter fächeln Wind. Zart angedeutete Kühle aus der Sommerfrische der gemeinen Miniermotte. Hier, am flaschengrünen Kleinen Wannsee, über den der private Nahverkehr rauscht, rattert und knattert, lässt es sich leben. Nach vorn hin blinken die gewienerten Messingschilder mit geheimnisvoll verschwiegenen Kürzeln. Dahinter salutieren frisch gepflanzte Apfelbäumchen, militärisch geordnet im Spalier, den über geharkten Kies heranknirschenden Gästen. Gleich links blendet ein Wiesenstück, vom Koch tranchiert, der Gärtner hatte gestern frei, vom Schmied in glänzendes Metall gefasst, somit zum Meisterwerk veredelt.

Da wären wir. Eine Villa. Ein Bootshaus. Ein Steg. Daran ein Kahn, der leise auf den Wellen schaukelt. Blumenrondelle. Eine Jugendstillaube. Das alles erhascht vom vorerst noch neidverklebten Auge. Die gedörrte Zunge röchelt: Durst. Vorsichtig, nur nichts überstürzen, immer schön die Contenance bewahrend, steigen die Neuankömmlinge den sanft geneigten grünen Rasenhügel hinab. Geradewegs zu den festlich gedeckten langen Tischen. Dort, unter knorzigen, Schatten spendenden Eichen hat eine Taufgesellschaft Platz genommen. Rosen blühen dunkelrot in geschliffenen Gläsern. Der zu früh aus dem Mutterleib geschnittene Säugling, gerettet, nachgereift, sakramental beglaubigt, zappelt mit den winzigen Puppenzehen. Alles zum Entzücken der Heerscharen von in spinnwebfeinen Elfenkleidern herumstreunenden kleinen Mädchen, die ihm unermüdlich den Schnuller ins greinend verzogene Miniaturmündchen schieben. Thaddäus ist sein Name. Darum dass ihm Judas Thaddäus, tatkräftiger Helfer in verzweifelten Situationen, auf immer und ewig beistehen möge. Zum Beispiel, wenn das eben zu Wasser gelassene Kanu umkippte mitsamt den Insassen dort auf dem See. Oder ein Unwetter sich erhöbe und der Blitz die höchste Eiche krachend spaltete. Aber nichts dergleichen dräut am azurnen Horizont. Das diskret charmante Geplauder wird nur kurz gestört, gleitet leicht in tiefere Fahrwasser beim Auftritt eines Nobelpreisträgers. Um den sich sogleich eine Gruppe schart, ihn unter die Weiden am Ufer begleitet, ins gelehrte Gespräch zieht. Die blonde Mutter, glückstrahlend, in chinesische Seide gewickelt, hält dem bewundernd Umringten den Täufling hin.

Wir sind gerührt von diesem holden Bild. Niedere Triebe allerdings zwingen uns zum Büffet auf dem Hügel. Gefüllte Teller in Balance mit vollen Gläsern akrobatisch austarierend, machen wir uns auf den Weg zurück. Welche Überraschung! Auf der ängstlich blütenweiß bewahrten Jacke sitzt ein dem fröhlichen Kreise gänzlich Unbekannter. "Man wird im Leben schon gebeutelt, hm. Muss was aushalten, nicht wahr ?" fragt der junge Mann grinsend, während ihm das befleckte Kleidungsstück verdrossen unterm Hintern weggezogen wird. Er hat ein Geschenk für die Gastgeberin, legt es auf die gestärkte Tischdecke, neben das Gästebuch. Verblüffte Stille senkt sich. Das Druckwerk wird mit großer Geste aufgeschlagen. Vom kurzen Sommer der Autonomen Bewegung. Er deutet auf ein Foto. "Das ist sie", sagt er großartig. Sein Finger rutscht zu einer vermummten Figur, die mit andern ebenso Maskierten ein großes Transparent trägt. "Wer?" murmelt einer matt. "Na, sie!" Er deutet auf die Blondine neben dem Nobelpreisträger, die in diesem Augenblick ein Päoniemuster auf ihrem seidenen Rock streichelt. "Aha", lächelt sein Tischnachbar spöttisch und sticht mit der Gabel in die Blaubeertorte, genießerisch. "Als wir noch glaubten, die Dinge müssten elend am Boden liegen bleiben, wenn wir nicht für sie laufen, was Alter." "Und was jetzt? Bellen, Springen, Händelecken!" gibt der Fremde zurück und mustert auf beleidigende Weise die Umsitzenden. Seine boshaft funkelnden Augen wandern von leinenen Jacketts über akkurat gebügelte Hemden zu goldenen Eheringen. "Und geirrt haben wir uns auch nie, stimmt´s!" wirft ein Gegenüber sein Stückchen Kohle in den schwelenden Disput. "Hetze, Lüge, Dreck!" braust der Gekränkte auf. "Hat Ulrike immer gesagt", fügt er besänftigend an. "Wer bitte?" fragt sein Nachbar verblüfft. Maria hilf, ächzt die Runde. "Nee, nee! Marie!" Hier schaut der fremde Gast aufrichtig empört. "Habt ihr mal das Grab gesehn? Marie Röhl steht auf so´m Blechteil. Elendes Schweinepack! So´n spießiges Beet, ey!" "Jetzt auch mit Hirn!" lächelt jemand süffisant. "Prada-Meinhof ist doch erledigt". "Logo," lenkt jener ein, "die Bewegung ist gescheitert," kaut mürrisch seinen nächsten Satz: "Sind wir uns doch einig." "Taugt sie deshalb gleich zum Kunstwerk?" "Klar, vom Blauen Reiter zum Roten Hahn." "Wird ´ne klasse Retro. Mit Goldrand! Prost!" Das Boot am Ufer ist längst festgemacht. Die Korken knallen. Das Kindlein plärrt. Deutsche Eiche rauscht über den Köpfen.

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00:00 29.08.2003

Ausgabe 39/2020

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