„Keine Billigtour mehr“

Interview Das Dieselverbot ist ein Anfang: Die Erde können wir nur mit Entschlossenheit retten, sagt Herbert Lenz
„Keine Billigtour mehr“
Wird sie noch eine Welt erleben, in der alle Rohstoffe verstaatlicht, alle Waffen verboten, alle Agrarkonzerne zerschlagen sind?

Foto: Scott Barbour/Getty Images

Die Ökodiktatur ist das Schreckgespenst der Liberalen. Der Verleger und Autor Herbert Lenz sagt dagegen: Verbote sind der einzige Weg, dass der Mensch auf seinem Planeten überleben kann.

der Freitag: Herr Lenz, unsere Gesellschaft tut sich schwer mit Verboten – das sieht man aktuell am Streit über die Dieselautos. Können uns Verbote voranbringen?

Herbert Lenz: Ein Fahrverbot wäre immerhin ein erster Stolperschritt in eine bessere Zukunft. Es nützt zumindest mal den Menschen, die zum Beispiel am Mittleren Ring in München den Dreck in der Luft einatmen. Aber es bleibt eine Zwickmühle.

Wie das?

Zunächst einmal mag es ja Menschen am Mittleren Ring geben, die selbst Dieselfahrzeugfahrer sind. Dann wollen sie natürlich kein Fahrverbot, auch wenn sie selbst unter der verschmutzten Luft leiden. Und dann ist die Autoindustrie sowohl gegen Fahrverbote wie gegen den Zwang, die Autos auf ihre Kosten nachrüsten zu müssen. Sie sägt damit den dürren Ast der Verbrennungsmotoren selber weiter ab.

So wird es vermutlich bei vielen Verboten ausgehen, dennoch fordern Sie etliche solche Zwangsvorschriften. Trauen Sie denn der Vernunft der Menschen nicht?

Wir haben nicht mehr die Zeit, eine Transformation zu erreichen, also die Menschen mit Information und Überzeugung dafür zu gewinnen, ihr Verhalten Schritt für Schritt freiwillig umzukrempeln. Ich bin ein Anhänger der Disruption, des Bruchs mit den Verhältnissen. Natürlich sind damit veränderte Rahmenbedingungen verbunden, und das ist ein euphemistisches Wort, ich meine damit auch Verbote. Ich weiß schon, dass die Leute dann gleich von Ökodiktatur schreien. Aber daran müssen wir uns gewöhnen, weil wir jetzt schon die Zukunft der Kinder, unserer Kinder und Enkel, verfressen und verheizen …

Zur Person

Herbert Lenz ist Autor und Inhaber der Komplett Media. Hier ist sein Buch erschienen: Zur Hölle mit uns Menschen: Warum wir mehr Verbote und ein neues Denken brauchen

Foto: Privat

Woran machen Sie das fest?

Die Menschheit braucht 1,6 Erden, um ihren Konsum zu decken. Wir nutzen jedes Jahr mehr Ressourcen, als die Erde uns im gleichen Jahr bereitstellen kann. 2017 war das Angebot rechnerisch am 2. August aufgebraucht, danach lebten wir auf Pump. Dieser Welterschöpfungstag liegt immer früher im Jahr.

Und wie wollen Sie das ändern?

Wir müssen endlich weg vom Mythos des Menschen, der sich alles untertan macht, hin zur Erkenntnis, dass wir Teil eines Ganzen sind. Darum gefällt mir das Bild vom Raumschiff Erde. Wir begreifen uns als Astronauten, wir sitzen alle auf unserem Raumschiff, und zwar als Crew, nicht als Passagiere. Wir haben keine Billigtour gebucht, sondern wir haben Verantwortung.

Und zu dieser Erkenntnis wollen Sie die Menschen praktisch zwingen.

Ich bin ja nicht der Einzige: Stephen Emmott schreibt in seinem Buch Zehn Milliarden von einem „beispiellosen Notfall planetaren Ausmaßes“. Er denkt genau wie ich: Wenn wir globale Katastrophen verhindern wollen, müssen wir dringend etwas Radikales tun, und zwar wirklich: tun.

Haben Sie denn Hoffnung, einen Konsens über den notwendigen Zwang herzustellen?

Das wird nicht einfach, klar. Aber ich halte mich dabei zum Beispiel an ein Zitat der Chefin der Börse in Saudi-Arabien. Sie hat über die Gleichberechtigung der Frauen in ihrem Land gesagt: Ist nicht realistisch, aber nötig.

Das heißt aber, die Menschen werden hineingeworfen in ein neues System, das wird zu Verwerfungen führen.

Oft wird es ja eine Rückbesinnung auf Bewährtes sein. Banales Beispiel: Coffee to go. Diese vielen Pappbecher hat es vor zehn Jahren gar nicht gegeben. Da haben wir Coffee to sit gemacht, wir sind ins Café gegangen, haben den Kaffee aus einer Porzellantasse getrunken, und dann sind wir aufgestanden und weitergegangen. Aber dann hat sich der Gedanke verfestigt, man müsse auch unterwegs konsumieren können. Und so verbrauchen wir jeden Tag Millionen von diesen Bechern, und die müssen dann nach einmaligem Gebrauch eingesammelt und entsorgt werden.

Darum gibt es oft Rabatt, wenn man den eigenen, wiederverwendbaren Becher mitbringt.

Wenn Sie den Menschen sagen, Ihr müsst bitte weniger Becher benutzen, werden Sie feststellen, dass dieser Appell nicht viel bringt. Ganz anderes Szenario, viel erfolgreicher: Diese Pappbecher dürfen schlicht nicht mehr hergestellt werden.

Sie wollen auch bei der Lebensmittelproduktion eingreifen.

Ja, ich fordere zum Beispiel, dass von den 60 Millionen Schweinen in Deutschland 30 Millionen rausmüssen. Wir essen ja gar nicht so viel Fleisch, wir exportieren die Hälfte auch noch – so als ob Deutschland das ideale Land wäre, um Schweine zu halten. Wir haben das Futter gar nicht, das holen wir aus Brasilien, mit der Folge, dass dort der Regenwald für riesige Sojaplantagen abgeholzt wird.

Mit welcher Ihrer Forderungen sollte man anfangen?

Zurück zum Dieselverbot. Mein Wunsch wäre: weniger Autos. Und andere Autos, nicht diese mit 300 PS, wo 50 PS auch reichen würden. Das Auto ist ein Transportmittel, um von A nach B zu kommen. Aber wir haben ein Statussymbol daraus gemacht, so werden sie beworben und verkauft von den deutschen „Premiumherstellern“. Und als unmündige Konsumenten fallen wir auch noch auf diesen Mist herein. Da sieht man eine kognitive Dissonanz: Wir erkennen, dass wir diese PS-Zahlen gar nicht brauchen, und kaufen doch solche Autos. Deswegen ist meine Forderung, wir müssen den Menschen helfen – wir müssen ihnen das verbieten.

Bisher sprechen wir über Verbote oder Regeln, die mehr oder weniger schon im politischen Dialog sind.

Bitte machen Sie mich nicht harmloser, als ich bin. Es geht auch darum, alle Rohstoffe zu verstaatlichen, alle Waffen zu verbieten, große Agrar- und Lebensmittelkonzerne zu zerschlagen, den Verbrauch von Energie und Wasser zu besteuern und die Gehälter zu begrenzen – der oberste Chef darf nur noch das Zehnfache des kleinsten Angestellten verdienen.

Eine eindrucksvolle Liste. Aber Ihr Buch enthält auch einige Ideen, die darüber weit hinausgehen. Sie präsentieren diese wie Szenen aus einem Science-Fiction-Roman. Als würden Sie sich nicht ganz trauen.

Sie meinen die Szene mit der Sitzung in Sydney im Jahr 2052?

Genau. Was passiert da?

Da trifft sich wie heute ein Parlament, nur eben eine Weltregierung, und diskutiert darüber, das Renteneintrittsalter zu erhöhen, auf 70 Jahre. Und es hat sich schon ein Jahrzehnt zuvor auf eine Begrenzung der Kinderzahl auf zwei pro Frau und ein Lebensaustrittsalter geeinigt. Das Ziel ist, die Bevölkerungsdichte, die Population auf dem Raumschiff Erde zu kontrollieren.

„Lebensaustrittsalter“?

Das heißt konkret, die Gesellschaft einigt sich auf einen Termin, an dem jeder sein Leben beenden muss. In der Fiktion liegt es bei 78 Jahren, und die Debatte ist, es auf 80 Jahre zu erhöhen, weil sich die Bevölkerungszahl auf dem Planeten stabilisiert hat.

Ihre Fiktion enthält noch ein weiteres Aufregerthema: die Weltregierung. Das ist der gemeinsame Nenner der Ängste der Ultrakonservativen, beim Leugnen des Klimawandels oder dem Kampf gegen Flüchtlinge und Political Correctness. Eine solche Weltregierung kann ja nur sozialistisch sein.

In meiner Fiktion gibt es immer noch Privateigentum und Unternehmen, die nach Gewinn streben. Der Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, beileibe kein Sozialist, sagt, wir müssten die Infrastruktur für die nächste Stufe der Zivilisation bauen, um die Stammesfehden hinter uns zu lassen. Es ist die Perspektive – nicht nur von mir, das wäre ja völlig vermessen –, dass wir uns gemeinsam als Homo sapiens verstehen, als eine Art auf diesem Planeten, die nur zusammen überleben kann. Da dürfen natürlich auch die Konservativen mitreden.

12:00 28.02.2018

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